Budapest: Wie ein weiser, alter Kellerkäfer

Das ist Budapest: Thermalbäder und Chinesenmarkt. Ein Deutscher im Zentrum der Literaturszene. Zwei Brüder, die Neonröhren retten. Und ein Kaffeehaus-Beschreiber, der auch schon wieder tot ist.

Budapest weiser alter Kellerkaefer
Budapest weiser alter Kellerkaefer
Budapest – (c) Bilderbox

So nah und vertraut erscheint uns diese Donaumetropole, dass sie sich vielleicht nur in Ausschnitten porträtieren lässt. Zum Beispiel das Budapest der Thermalbäder – orientalisch-pompös oder höhlendüster oder sozialistisch-praktisch. Von den Schachspielern im dampfenden Freibecken des Széchenyi ließe sich gleich ein Bogen zu ihren entfernten Artgenossen am Keleti-Bahnhof schlagen, die den Fremden trockenen Fußes mit aufgelegten Schachbrettern erwarten.

Oder das jüdische Budapest. Oder der schöne Größenwahn nach dem Ausgleich 1867, mit der ersten kontinentaleuropäischen U-Bahn, nie an der Schwesterhauptstadt Wien, immer mindestens an Paris orientiert. Oder nur Innenhöfe. Oder nur der Buchkult dieser kleinen, fortwährend Weltliteratur ausstoßenden Nation, mit nichts als Buchantiquariaten am Múzeum körút. Oder der riesige Chinesenmarkt, auf dem der schon seit vielen Jahren krisengeplagte Ungar Vordrucke zum Betrügen des Finanzamts bekommt.

Die Möglichkeiten sortierend, fällt mir ein schmales, unbedeutendes Büchlein aus dem Jahre 1992 in die Hand. Daraus springen mich solche Sätze an: „Aus den herunterhängenden Fransen der mit Glas abgedeckten Tischdecken flochten die Gäste kunstvolle Knoten unruhiger Hoffnung. Die erste Hälfte der Fünfziger war für die Espressos ein Spiel auf Leben und Tod. Wir müssen einfach durchhalten, bis die befreienden Truppen von Nickelsdorf her kommen.“

Es hat was Eiliges und Billiges an sich.Das Buch heißt auf Deutsch „Die Pressos der Stadt“ und handelt in 60 kleinen Feuilletons vom „Presso“, einer Untergattung des Cafés, die es allein im sozialistischen Ungarn zur Blüte brachte. 1943 schrieb Sándor Márai mit angewidertem Unterton: „Das Espresso bietet einen Schluck schwarzen Kaffees, ein kleines Maß an unbequemer Intimität, Schutz für die obdachlose Jugend – und das alles für bloße 45 Füller pro Person, Trinkgeld inklusive. Das Geheimnis seines Erfolgs besteht darin, dass es etwas Eiliges und Billiges an sich hat, wie alles in diesem neuen Leben.“

Márai, der 1943 dem Kaffeehaus Treue schwor, hätte sich nicht sorgen müssen, denn bis 1992, als das Presso-Büchlein erschien, hat sich die neonverliebte Moderne der Pressos radikal entschleunigt: „Die zuverlässigen Herren Genossen verschwinden allmählich mitsamt ihren dreiknöpfigen Anzügen, Nylonhemden und cognacdurchtränkten Sekretärinnen.“ – „In der Gesellschaft durchsichtiger Wodkaflaschen entspannt sich eine alte Frau mit brennend rotem Gesicht.“ – „Das Presso ,Perle‘ ist extrem klein. Nur gut, dass die Gäste im Deckenspiegel verdoppelt werden, wie Fledermäuse mit dem Kopf nach unten, so trinken sie, und ihr Bier verschwindet aufwärts.“ Irgendwann wird die Geschichte des Presso so zusammengefasst: „Solche Plätze entstehen aller Wahrscheinlichkeit nach spontan, allmählich, Schicht um Schicht wie eine Tropfsteinhöhle.“


Erst das Buch, dann der Tod. Ich kann das Buch nicht mehr weglegen, würde am liebsten mit dem Autor durch Budapest ziehen. Man teilt mir mit, dass Ferenc Bodor bald nach Erscheinen seines Presso-Buches starb. Ich beschließe, die Stadt anhand von dessen halbseitigen Feuilletons abzulaufen. Vielleicht eine Idee mit Frustpotenzial, Bodors „lambadisierte Mädchen mit knalligen Schminkfarben“ werden nicht mehr anzutreffen sein. Was immer ich aber finde, wenigstens komme ich in Gassen, in die es mich nicht verschlagen hätte.

Wilhelm Droste bestellt mich nach Buda ins „Bambi“, ein seit 1962 unverändertes Presso, laut Bodor „fehlt allein die tiefstreichelnde Stimme eines Märchenerzählers“. Ich werde im Schanigarten empfangen, hinten drin wird um Geld Schach gespielt, bewacht von einem Schild: „Betrüge nicht!“

Der große, mächtige, lustige Deutsche bestellt zwei Birnenschnäpse, die so heißen wie er, „két Vilmost“, Wilhelm. Er ist eine Mittelpunktfigur des ungarisch-deutschen Literaturlebens und in 20 Budapester Jahren zum ungarischen Familienvater geworden. Was ihn an Budapest begeistert, ist ein aktives jüdisches Geistesleben „wie kaum in einer anderen europäischen Stadt“.

Seine wilden Jahre waren vorbei. Wilhelm Droste hat das Presso-Buch des listig-melancholisch blickenden Bartträgers Bodor ins Deutsche übersetzt. Er erzählt von seinem aus Siebenbürgen stammenden Freund: „Der war so pressoverrückt, weil es hier keine Kaffeehäuser mehr gab. Er trank sehr viel Kaffee und Palinka, aber seine wilden Jahre waren schon vorbei. Von Beruf war er eigentlich Sammler, nicht nur von Gegenständen, sondern von Eindrücken und Stimmungen. Er sammelte Espressomaschinen, die sahen aus wie kleine Atomkraftwerke. Er war ständig berauscht, ohne zu trinken, es war ein Denkrausch.“

Droste ist nicht nur Autor und Lehrer, sondern auch Cafetier. „Jeder denkt, ich hätte einen Bierbauch, dabei habe ich einen Kaffeebauch.“ An der Adresse jenes Lokals, in dem einst der ungarische Kultdichter Endre Ady empfing und dichtete und soff, hielt er etwa zehn Jahre lang ein literaturaffines Café mit leistbaren Preisen über Wasser. Heute gibt es dort Handtaschen von Louis Vuitton. Kurze Zeit hatte Droste zwei Cafés. Beide sind geschlossen. „Ich hab mich verpokert.“

Wir ziehen in sein Wohnviertel Buda hinauf, mit seiner laut Droste „Beleidigte-Bürger-Mentalität“, seinen „deklassierten Biografien“. Das Presso „Licht“ ist passenderweise einem Lampengeschäft gewichen, 1992 sollen hier junge Dichtersprösslinge spitzbusigen Blaustrümpfen literarische Geheimnisse anvertraut haben. Anstelle der Polstersessel des „Kisposta“ bietet sich uns ein Bild des Schreckens – mit einem China-Imbiss und einer Bank.

Auf der Suche nach dem „Bus“ landen wir in einer griechischen Imbissbude. Mit einer internationalen Geste – der Zeigefinger der einen Hand weist auf einen aus Zeigefinger und Daumen der anderen Hand gebildeten Ring – stellt der weißgelockte griechische Wirt eine Behauptung auf. Das „Bus“ heißt in der Tat anders, und auf weichen Lederstühlen sitzt ein halbes Dutzend gepflegter Typen mit Dreitagebärten und geschmeidig anliegenden V-Pullovern. Keine Frauen. Die Typen blicken verwegen. Man würde ihnen etwas zutrauen, es gilt die Unschuldsvermutung.

„Budapest ist überaus schnelllebig“, sagt Droste, „und hat ein geschmeidig feminines Talent, bei schreiender Untreue dennoch auch Treue zu beweisen.“ Er gibt noch nicht auf, irgendwann will er wieder probieren, ein richtiges Kaffeehaus zu gründen.

Der nächste erklärte „Kaffeoman“ möchte mich auffälligerweise auch im Presso „Bambi“ treffen, auf meine Bitte um Abwechslung schlägt er ein vollkommen neues, auf vollkommen alt gemachtes Café in Pest vor. Der Historiker Gyula Zeke hat vier Bücher über Juden in Ungarn geschrieben, seit 15 Jahren schreibt er über Kaffeehäuser.

Kleiner Alkohol? Schnaps! Zeke, 54, nennt sich konservativ, und daran stimmt äußerlich alles. Er trägt eine dezente grüne Krawatte, vor ihm liegen kleine Zigarren in eleganten Packungen, aus einer Cohiba-Schachtel zieht er eine Art Schweizermesser, das sich als Antiquität entpuppt, als Messer-und-Gabel-Reisebesteck aus dem 19.Jahrhundert. Nur eines irritiert: Er trinkt Bier und Kaffee, parallel. „Nein, das ist kein nationaler Brauch“, rechtfertigt er sich schmunzelnd, „der wahre Kult gilt in Ungarn kleinem Alkohol“. Kleiner Alkohol? Er meint Schnaps.

Außer Ungarisch ist in Ungarn nichts so schwer zu verstehen wie die endlos verästeltete Gattungsbildung in der Gastronomie. Orte, die hauptsächlich Kaffee ausschenken, kann und konnte man „café“, „kávéház“, „kávémérés“, „eszpressó“, „presszó“, „café-restaurant“, „kávébár“, „kávézó“ nennen, wobei „kávézó“ sowohl das Lokal bezeichnet als auch den Kaffeetrinker.


Sie waren natürlich bourgeois. Zeke erklärt mir geduldig alles: Den Siegeszug des ungarischen Kaffeehauses, das laut Gewerbeordnung von 1872 mindestens 150 Quadratmeter, mindestens vier Meter Raumhöhe und zwei Billardtische haben musste – dennoch kam Budapest 1914 auf 364 Kaffeehäuser. Die politisch motivierte Schließung dieser bourgeoisen Institution während der Nationalisierung 1948. Dass zwischen den Cafés der Budaer Türken vor 1686 und dem Siegeszug der ungarischen Kaffeehäuser im 19.Jahrhundert keine historische Kontinuität bestand. Dass die zahllosen in den 1950er-Jahren eröffneten Pressos ästhetisch zwar den Westen suchten, begünstigt durch ihre räumliche Enge aber eine ganz eigene Art der Literatur hervorbrachten – Lauschprotokolle der Geheimpolizei in großer Zahl.

Ich stelle dem Gelehrten, der häufig „Jagdausflüge“ in Wiener Kaffeehäuser unternimmt, eine letzte Frage: In welchen Budapester Cafés sitzen die Literaten und Intellektuellen? Zeke muss lange überlegen. Dann sagt er: „Drostes ,Eckermann‘ war so was.“ Ist das alles? Er wagt kein weiteres zu nennen.

Zigarettenqualm wie Morgennebel. Bezirk für Bezirk wandere ich mit Bodors Büchlein zu den Adressen seiner Pressos, lese seine Beschreibung und blicke danach auf, was daraus wurde. Er schreibt übers „Venedig“: „Zigarettenqualm liegt wie Morgennebel über einer sanften Hügellandschaft, oben hinter der Theke, die allein deswegen nicht zusammenfällt, weil die sich anlehnenden Gäste sie stützen.“ Was ich finde, ist ein rustikales Eckcafé mit funktionierendem Rauchabzug, auf Flachbildschirmen läuft die Übertragung eines Kartenspiels. Über das „Frühling“: „Vom Kino nebenan sind leise Kraftgeräusche von Schwarzeneggers angespannter Muskulatur zu hören. Vor der Bar machen sich in ihren schwarzen Strümpfen die Käfer der Nacht, die mit ihrer Anwesenheit die Stimmung der Bahnhofsgegend erst vollenden, flugbereit.“ Dieser Frühling wurde ausbombardiert zugunsten einer türkischen Speisehalle mit weit geöffneter Take-away-Döner-Ausgabe und gut abwischbaren Fliesen.

In einer Woche schaffe ich etwa die Hälfte der 60 Adressen. Nur ein Presso ist original erhalten – das „Bambi“ –, der Rest ein konkreter Entwicklungsroman von 18 Jahren Marktwirtschaft. Ich finde einen Inder, ein Einkaufszentrum, eine schon wieder geräumte Filiale von „Coffee&Co“, eine kameraüberwachte Crêperie mit Cidre-Angebot, einen Nobelitaliener vor dem Maul einer Tiefgarage. Die meisten Pressos wurden aber, manchmal unter dem alten Namen, zu gastronomischen Einheiten der unteren Mittelschicht umgebaut, es sind Fusionsprodukte aus Bar, Café und Beisl.

Durchgehend abmontiert wurden die Neonschriften: Neonbrausen mit Neonluftbläschen, Neontrinkhalme, Neonfrauen mit Neonkaffeetassen. Die jungen Forgacs-Brüder vom Kunstprojekt „Neonon“ retteten einige Röhren, die für sie als Kinder „die beinah einzigen Leuchtsymbole des Westens“ waren. Simon Forgacs ist fasziniert von der Absurdität eines Systems, das Konsumenten, die keine Wahl haben, aufruft: „Kauft Schuhe im Schuhgeschäft!“

Nun hängen die geretteten Neonschilder im tristen Innenhof des Elektrotechnischen Museums, die von meinem Besuch sehr überraschten Museumswärter schalten sie mir ein. An diesem knastähnlichen Ort endet das Budapester Presso-Märchen. Nostalgisch muss man nicht sein, die ungarische Gastronomie ist voller neuer und manchmal schöner Ideen.

Wieso ist nicht jeder im »Bambi«? Auch Simon Forgacs nennt das „Bambi“ seinen Lieblingsort. Warum ist nicht die ganze Stadt dort? Ich besuche noch eine große ungarische Dichterin, Krisztina Tóth. Von der Gartenarbeit gebräunt, lädt sie mich in den Garten ihres Hauses in der 1910 erbauten „Gartenstadt“ des achten Bezirks. Tóth hat in Budapest nur den Regimewechsel verpasst, da lebte sie in Paris, seither hatte sie nicht mehr die Absicht, Budapest zu verlassen.

Ich frage nach ihrem liebsten Café. Nun ja, auch das keine Kaffeehausliteratin; ein gewisses „Mumus-Café“ im jüdischen Viertel mag sie gerne; das Zigeunerviertel mit der acht Jahre niedrigeren Lebenserwartung mag sie auch; generell die kulturelle Diversität ihrer Stadt; die „pseudo-mediterranen, exhibitionistischen“ Häuser der Neureichen im zwölften Bezirk verachtet sie. Sie erklärt, dass sie praktisch jede Woche zu Lesungen in die Provinz fährt. Sie fährt mit der Bahn, ihre Garage ist ein Bücherlager, und meist zieht es sie in den Garten.


Die intoleranten Blicke. Wir entkommen nicht der politischen Lage, der bitteren Spaltung in Ungarns Gesellschaft. „Die Leute auf der Straße schauen nervös drein, intolerant“, sagt Tóth. In den 1990ern sei das anders gewesen.

Ich denke an die 90er, wie sie mir aus Ferenc Bodors Presso-Berichten vor Augen stehen. Ich hoffe, dass er sich was zusammenreimte und zusammenlog. Andernfalls ist es schwer zu ertragen, nicht dabei gewesen zu sein. Wie beschreibt er noch das Presso „Teeblüte“? „In der Hauptstraße von Óbuda blüht im Benzindampf der Stadt ein Espresso-Essay. Langsam und träge schleppt er sich voran wie ein alter, weiser Kellerkäfer. Und genau dies ist schön.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.09.2010)

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