"Ljubljana ist aufgewacht"

Lieblich und doch lässig-subversiv, montan und mediterran zugleich, ländlich und trotzdem weltoffen. Künstler und Architekten erzählen, was sie an Sloweniens Hauptstadt lieben – und hassen.

Ljubljana aufgewacht
Ljubljana aufgewacht
Ljubljana – (c) AP (DARKO BANDIC)

Ich dachte, es wäre originell, für ein Stadtporträt von Ljubljana ein Mitglied der legendären Industrial-Band Laibach zu treffen. Also rief ich Ivan Novak an. „Wie erkennen wir uns?“, fragte er am Telefon. „Ich google Sie“, sagte ich. „Gut“, meinte Novak, „dann komm ich in der Uniform“. Er erscheint dann leider doch nicht in seinem Auftrittsgewand, einer Textilkreuzung aus Jägerkostüm und Outfit der Jugoslawischen Volksarmee, sondern im schwarzen Cordanzug.

Novak muss rauchen. Und deshalb muss ich mit ihm in der Kälte sitzen, auf der Terrasse des „Nebotičnik“. Der „Wolkenkratzer“, wie „Nebotičnik“ übersetzt heißt, würde mit seiner düster-schweren nietenbesetzten Eingangstür wunderbar in Batmans Gotham-City passen. Er war einmal das höchste Gebäude Mitteleuropas, zwar nur für ein paar Monate in den 1930er-Jahren, aber die Leute, die es wissen, sind noch heute stolz drauf. Sonst gibt es ja eher wenig urbanes Flair in der 278.000-Einwohner-Stadt, die im vergangenen Jahrtausend ihr Schläfchen am gemächlichen Ljubljanica-Fluss nur selten unterbrochen hat.

Novak lässt vom Nebotičnik aus den Blick über Ljubljana schweifen: über den prachtvollen Tivoli-Park im Westen, die Plattenbau-Burgen vor den schneebedeckten Karnischen Alpen, über dieses seltsame bunte Haus, das aussieht wie eine gigantische Sprungschanze, über den Dom und das malerische Herz der Stadt, das der genialisch arbeitswütige Otto-Wagner-Schüler Jože Plečnik fast im Alleingang neu eingefasst hat.

"What the fuck is this?" Zunächst einmal sprechen Novak und ich doch lieber über Laibach und nicht über Ljubljana. Laibach – allein der Name der aktionistischen Multimedia-Band hatte die damals regierenden Kommunisten aufgeregt. Laibach – das klang nach Deutschen, nach Nazis. Und dann spielten Novak und seine Freunde auch noch mit Blut-und-Boden-Symbolen, ließen in ihren Videos Hirsche röhren und stapften mit ihrem kurzen Scheitelhaarschnitt in ihren seltsamen Uniformen durch Wälder. Laibach war ein einziger Skandal. Die Kommunisten verboten die Band. Doch Laibach machte weiter, gründete die Plattform „Neue Slowenische Kunst“. 1990 – Jugoslawien war noch immer intakt – gab Laibach einem Konzert in einem Kraftwerk einen seherischen Titel: „Zehn Jahre Laibach, zehn Jahre slowenische Unabhängigkeit“.

Bescheidenheit war nie Laibachs Zier. Sie waren bei „Mute Records“ in London unter Vertrag, dem Label von Depeche Mode. Sie waren provokant, sie waren hip, und nach ihrer düsteren Fanfaren-Coverversion des Opus-Hits „Live is Life“ waren sie weltberühmt. Warum sie gerade das Euro-Trash-Lied der steirischen Schnauzbartpartie auswählten? Novak nimmt die Sonnenbrille ab und schmunzelt: „Weil es so grässlich war. Als wir den Opus-Song zum ersten Mal hörten, fragten wir uns nur: ,What the fuck is this?‘“

Novak hatte genug Möglichkeiten, ins Ausland zu ziehen. Doch er blieb und lebt bis heute in Ljubljana. „Es ist eine offene, eine angenehme Stadt“, meint er. „Und von Ljubljana bin ich in einer Stunde am Meer in Triest, in drei Stunden in Venedig oder in einer halben Stunde in den Bergen.“

Komisch. Wenn ich nach den Vorzügen Ljubljanas frage, bekomme ich hier immer gleich zu hören, dass man von hier aus schnell woanders hinfahren kann. Es bewegt sich zwar kaum jemand wirklich nach Triest, um dort einen Illy-Kaffee zu schlürfen. Aber alle freuen sich, dass sie es leicht könnten.

Novak, der untersetzte Herr, der einst mit wilden Konzerten das KP-Regime das Fürchten lehrte, beendet jetzt das Gespräch. Er muss losradeln und einen Fisch kaufen. Ob Künstler oder Buchhalter, in Ljubljana führen alle Wege mindestens einmal pro Woche zum Markt. Die Laibacher lieben ihren Markt. Denn auf dem Markt trifft man immer jemanden. Und Laibacher tratschen gern.

Ljubljana hat kleinstädtische, manchmal fast dörfliche Züge. Tadej Glažar nippt an seinem grünen Tee, den er aus Korea mitgebracht hat, und blickt aus seinem Professorenzimmer. Gleich hinter der Backsteinfassade der Architektur-Uni, nur ein paar Fußminuten vom Zentrum entfernt, erstrecken sich kleine Gemüsegärten. Es ist eine ländliche Idylle, die fast den gesamten Bezirk Trnovo durchzieht: einstöckige Häuser, viel Grün, wenig Verkehr. Die Wochenenden hätten bis vor Kurzem für die meisten Bürger einem ehernen Ablauf gefolgt, sagt der Architekt und Stadtforscher. Samstagvormittag zum Markt, dann Mittagessen und Verwandtenbesuche. Sonntagfrüh der Kirchgang, dann Mittagessen, Verwandtenbesuche oder Ausflüge aufs Land. Wenn die Marktstandler ihre Holzkisten zusammengeklappt hatten, war das Stadtzentrum wie ausgestorben.

Das hat sich verändert. Am Ufer der Ljubljanica sperrten reihenweise Bars, Cafés und Restaurants auf. Eine Caffè-Latte-Allee ist entstanden. Auch an kühlen Herbsttagen sitzen die Leute im Freien, zwischen Wärmepilzen auf loungigen Bast-Fauteuils. Nicht weil sie frische Luft so gern haben, sondern weil in Lokalen Rauchen strikt verboten ist.

Ljubljana macht einen lebendigen, jungen Eindruck. Dafür sorgen schon die 60.000 Studenten der Stadt. Seit einiger Zeit kommen auch Touristen in Scharen. Und mit ihnen kamen die Luxusartikelhersteller, die so wie in anderen Hauptstädten der Welt nun auch im Stadtkern Ljubljanas ihre Geschäfte mit glatt polierten Fassaden eröffnen.

Sie waren bisher vor allem im BTC präsent, einem riesigen Shoppingcenter am Stadtrand mit 450 Shops (die SCS hat 330) und 21 Millionen Besuchern pro Jahr. Glažar spricht vom „BTC-Phänomen“. Das Blagovno Transportni Center, das ehemalige Waren- und Transportzentrum kommunistischer Tage, verwandelte sich nach dem Zerfall Jugoslawiens innerhalb weniger Jahre in ein glitzerndes zweites Stadtzentrum im Osten Ljubljanas, mit Kinos und allem Drum und Dran.

Im Drehkreuz. „Ljubljana ist aufgewacht“, sagt Goran Vojnović. Der 30-Jährige ist der Shootingstar unter Sloweniens Literaten und Filmemachern. Ich erreiche Vojnović nur telefonisch. Er ist gerade auf dem Weg nach Sarajewo, um seinen neuen Film „Piran Pirano“ in Sarajewo vorzustellen. Er klingt fröhlich, voller Energie. Diese Offenheit spricht er den meisten seiner slowenischen Landsleute etwas ab. „Ein Slowene taut erst beim zweiten oder dritten Treffen auf, sprudelt nicht gleich los wie ein Italiener oder Serbe.“

Alles ist relativ. Die Slowenen, denen ich in Ljubljana begegne, sind um einiges freundlicher als der durchschnittliche Wiener. Sie sind eine interessante Mischung, die sich mit den Jahrhunderten wahrscheinlich von selbst ergibt, wenn man im Drehkreuz zwischen Österreich, Ungarn, Italien und dem Balkan lebt. Alpin und mediterran zugleich, auf Ordnung bedacht und doch auch lässig.

Goran Vojnovićs satirischer Roman „Čefurji raus!“, den man mit „Ausländer raus!“ übersetzen könnte, spielt in Fužine, einem Arbeiterviertel. Die Geschichte dreht sich um einen Sohn bosnischer Zuwanderer, der sich nicht ganz so entwickelt, wie sich das sein fußballverrückter Vater wünscht. Dabei schneidet Vojnović auf humorvolle Weise ein Thema an, das sonst eher unter der Decke gehalten wird in Slowenien: die Diskriminierung von Bosniern, die als Gastarbeiter oder Kriegsflüchtlinge ins Land gekommen sind. Vojnović, selbst ein bosnisches Migrantenkind, wohnt mittlerweile übrigens nicht mehr in Fužine, er ist in eine bessere Gegend umgezogen. Sein Roman verkaufte sich mehr als 16.000 Mal. Nur ein einziges anderes Buch hatte einen vergleichbaren Erfolg in Slowenien: die Biografie des ehemaligen Ministerpräsidenten Janez Janša.

Aus dem Bosnier-Ghetto. Auch Zora Stančič hat bosnische Wurzeln, jedoch etwas privilegiertere. Ihr Vater war Armeeoffizier. Eine zierliche Frau mit ausdrucksstarken dunklen Augen öffnet mir die Tür in ihr sonniges Apartment, das sie mit ihrem 19-jährigen Sohn und ihrem Mann, dem Regisseur Damjan Kozole, bewohnt. An den Wänden hängen die farbintensiven Werke von Stančič. Die Bilder zeigen sie selbst an den verschiedensten Stationen ihres Lebens. Eine Künstlerin auf der spielerischen Suche nach ihrer Identität, ein Motiv, das in Ljubljana vielleicht öfter als anderswo wiederkehrt.

Stančič lebte eine Zeitlang in New York und in Wien, doch auch sie kam nach Ljubljana zurück. „Als Künstlerin brauchst du ein Netzwerk“, sagt sie. „Und das habe ich hier.“ Heimat, das ist für sie dort, wo ihre Freunde sind. „Manchmal bekommt man klaustrophobe Attacken hier in Ljubljana, aber es ist natürlich auch nett, dauernd jemanden auf der Straße zu treffen, den man kennt.“

Die Tür geht auf, ein 46-jähriger Blonder mit zwei Flaschen Wein unterm Arm tritt ein. Damjan Kozole ist einer der bekanntesten Filmemacher des Landes. Beliebt ist er deshalb noch lange nicht. Sein letzter Film „Slovenka“ heimste internationale Preise ein, sorgte aber in der Heimat für Aufruhr. Eine Studentin, die ihr Taschengeld als Prostituierte unter dem Codenamen „slowenisches Mädchen“ verdient – das fanden die Konservativen, und davon gibt es viele in Slowenien, gar nicht lustig.

Der neue Film, an dem Kozole arbeitet, wird ihnen auch keine Freude bereiten. Er heißt „Night life“ und erzählt von drei Begebenheiten, die sich in einer Nacht in Slowenien abgespielt haben. Von einer hat die halbe Welt erfahren, doch Kozole bittet, nicht zu viel darüber zu verraten.

Slowenische Künstler müssen immer über die Grenzen ihres Landes hinausdenken. Der Markt in ihrer Heimat ist einfach zu klein. Besonders zu schaffen macht das Autoren, wie der Schriftsteller Andrej Blatnik in der „Dvorni Bar“ bei einer Tasse Kaffee erzählt. Vom Schreiben allein kann der frühere Gitarrist einer Punkband nicht leben. Er arbeitet in einem Verlagshaus und unterrichtet an der Uni.

Dabei waren es Schriftsteller, die wohl am meisten zur nationalen Identitätsfindung beitrugen, denn sie hielten die slowenische Sprache hoch. Die Hauptstädte anderer Länder mögen mit Denkmälern siegreicher Feldherren oder Herrscher gespickt sein. Slowenien huldigt seinen Poeten. Wenn es einen Mittelpunkt Ljubljanas gibt, dann ist es der Prešeren-Platz mit der Statue des Nationaldichters France Prešeren. Nach 1991 jedoch, nach der Erlangung der Unabhängigkeit, seien Sloweniens Schriftsteller in eine Krise gefallen, sagt Blatnik. Sie hätten über Nacht eine neue Rolle finden müssen.

Für ein durchgängiges Motiv in der slowenischen Literatur hält der Autor die „hrepenje“, eine spezifische Form der melancholischen Sehnsucht ohne bestimmtes Objekt, die umso ausgeprägter sei, je näher man sich der östlichen Grenze zu Ungarn nähere.

Bostjan Vuga kommt aus der anderen, fröhlicheren Richtung, aus der Küstenregion nahe Italien. Der Stararchitekt mit dem Dreitagebart und den schicken schwarzen Stiefeletten redet nicht nur von Ausflügen nach Triest, er will sich dort auch eine Zweitwohnung kaufen. Vuga und sein Kompagnon Sadar sind angetreten, um Spuren in Ljubljana zu hinterlassen. „Formel Neues Ljubljana“ nennen sie ihre Philosophie. „Wir wollen der Stadt eine neue Dimension hinzufügen“, sagt er in seinem Büro, in dem ein Dutzend junger Architekten mit Blick über Ljubljana an Plänen zeichnet. Zwei Großprojekte, der Sportpark Stožice und der Control-Tower des Flughafens, sind knapp vor der Fertigstellung. Vuga hat sich internationales Ansehen erarbeitet. Und er will auch Ljubljana stärker als bisher ans globale Netz andocken.

„Ljubljana ist angenehm, fast zu angenehm, zu süß, zu pittoresk, zu klein. Ljubljana ist als Hauptstadt nicht international genug“, sagt er. Der Architekt wünscht sich, dass sich in Zukunft mehr ausländische Spitzenkräfte hier ansiedeln. Vuga fordert eine Vision für die Stadt, die er wie eine Fallstudie betrachtet. Das habe auch Jože Plečnik gemacht. Sein architektonisches Erbe, so schön es auch sei, wirke jedoch wie eine Zwangsjacke.

Metelkovo ist Antithese zu einer Zwangsjacke. Linksalternative Gruppen haben die abbruchreife ehemalige Militärkaserne nach dem Abzug der Jugoslawischen Volksarmee besetzt und in ein Kulturareal mit Konzerträumen, Galerien und Bars umgewidmet.

Emil Hrvatin, ein 46-jähriger gebürtiger Kroate, empfängt mich in seinem Atelier/Büro in Metelkovo. Doch Moment, Emil Hrvatin heißt er ja gar nicht mehr. Der Künstler und zwei Kollegen seines Kollektivs haben sich umbenannt. Sie haben jetzt alle drei den gleichen Namen wie der konservative Oppositionsführer und Ex-Premier: Janez Janša, Janez Janša, Janez Janša. Den Namen ließen sie auch in ihre Reisepässe und alle sonstigen Dokumente eintragen. Sloweniens Gesetze sind diesbezüglich sehr liberal.

Mit großem Ernst trägt der Emil unter den drei Janšas die kulturtheoretischen Erwägungen vor, die hinter seiner skurril-subversiven Aktion stecken. Es geht um Identität, Wiederbelebung der Zivilgesellschaft und so weiter. Aha. Jedenfalls bereiteten die drei Janšas ihren Coup minuziös vor. Sie traten schon vor der Namensänderung der Partei Janšas bei und drängten sich immer wieder in Parteiveranstaltungen. Mit dem echten Janša ließen sie sich fotografieren und dann das Bild von ihm signieren, was sie wieder auf einer Aufnahme einfingen. So hatten sie am Ende ein Foto, auf dem insgesamt acht Janšas zu sehen waren, zwei alte und sechs neue – eine besondere Trophäe in dem Biografieband „Janze Janša“, den sie zum 50. Geburtstag des damaligen Ministerpräsidenten veröffentlichten. Nur ein Mal hatten die drei Janšas Misserfolg: als sie die neuen Namen in ihre Parteiausweise eintragen wollten.


Brühwarm. Ljubljana gefällt mir. Sogar Linke sind unterhaltsam hier. Sie haben ja auch ein entsprechendes Idol: Slavoj Žižek, den Stand-up-Comedian und Pop-Philosophen unter den marxistischen Theoretikern der Gegenwart. Der Bärtige ist weltberühmt, der größte lebende Sohn der Stadt. Leider erreiche ich ihn nicht. Doch jeder in Ljubljana hat eine Geschichte über ihn auf Lager.

Als der Schriftsteller Andrej Blatnik in jungen Jahren noch taxifahren musste, um sein Geld zu verdienen, chauffierte er einmal Žižek und einen zweiten Philosophen zu einem Laibach-Konzert. Žižek hörte nicht auf zu schwärmen von Laibach. „Übertreib doch nicht, hör dir doch mal ihre Musik an“, sagte der zweite Fahrgast. „Stimmt“, meinte Žižek, „die Musik ist ihr Schwachpunkt“.

Wie es in einer Stadt von der Größe Ljubljanas (und wahrscheinlich überall sonst auf der Welt) üblich ist, erzähle ich die Anekdote natürlich brühwarm Ivan Novak. Er findet sie nicht so lustig, erzählt dann aber gleich, wie er mit Žižek in einem Haus wohnte und Laibach ihn mit auf Tournee nahm.

In Ljubljana kennt eben wirklich jeder jeden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.11.2010)

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