Salzburger Festspiele: Hänsel mit dem Messer im Wald

„Meine Bienen. Eine Schneise“, ein vielschichtiges Kunststück von Händl Klaus, untermalt von schräger Musik der Gruppe Franui, wurde im Landestheater uraufgeführt: gruselige Poesie für Fortgeschrittene.

(c) APA/NEUMAYR/SUSI BERGER (NEUMAYR/SUSI BERGER)

Ein Polizist findet im Wald eine schöne Frau, die seine erotischen Fantasien beflügelt. Die Frau scheint tot zu sein. Doch als der Polizist gerade ihre Füße küssen will, beginnt sie zu sprechen. Hier ist kein Mord passiert, sondern nur ein Waldbrand gelegt worden, wie er sommers etwa Südeuropa heimsucht.

Vier Menschen sind in „Meine Bienen. Eine Schneise“, seit Donnerstag im Salzburger Landestheater zu sehen, auf vielfältige Weise miteinander verflochten. Kathrin, die schöne Frau, ist Lehrerin, vielleicht aber auch eine Wiedergeburt der Kirke oder gar eine Hexe, auf jeden Fall eine raffinierte Verführerin, eine Nymphomanin.

Mit ihrem Sohn Lukas ist sie aus der Stadt aufs Land gezogen, Lukas ist ein Monster-Kind. Er freut sich über die Zerstörung der Natur und sucht in jedem Mann, der auftaucht, seinen Vater, auch im Polizisten Peter, der zu ermitteln versucht, mit Notizbuch und forensischen Utensilien aus seinem Koffer. Dann gibt es noch Wim, den Imker: ein ehemaliger Sträfling, ein Arzt, der Experimente mit Kindern anstellte.

 

Feine Regie, tolles Ensemble

Peter beaufsichtigte ihn als Praktikant im Gefängnis. Wim ist noch immer ein übler Bursche, der Hunde am Bellen hindert, indem er ihre Zungen herausschneidet. Grausame Menschen und grausame Ereignisse konstituieren Händls „Bienen“. Sie sind hier nicht sympathisch besetzt, sondern als wimmelnde Masse ohne Gesicht und Gefühl dargestellt, die blind ihren Instinkten folgt. Der Imker ist begeistert, wenn sie an den Milben zugrunde gehen.

Der Franzose Nicolas Liautard hat die Uraufführung höchst einfallsreich inszeniert und Händls Worte-Hackfleisch – Sätze sind auf mehrere Figuren aufgeteilt – zu einem kompakten Sprach-Opern-Kosmos zusammengefügt. Allein für die Ausführung dieses Virtuosenstücks sind die Schauspieler zu bewundern. Die Sätze kommen fugenlos wie von einer Person gesprochen, der Zusammenhang stellt sich dadurch mühelos her.

Die Akteure stellen ihre saftigen Rollen nicht aus, sie sind stark dank Innerlichkeit: Brigitte Hobmeier als rotblonde Vilja Kathrin, André Jung, bekannt von Marthaler-Aufführungen, als vierschrötiges, hinterlistiges Mannsbild Wim, Stefan Kurt als Peter, der versucht, die Vernunft wenigstens spurenweise aufrechtzuerhalten, und Lukas, Händl Klaus' Alter Ego: Der Junge ist ein Wiltener Sängerknabe namens Michael, sein Nachname wird im Programm nicht verraten.

Auf jeden Fall ist er atemberaubend als Sänger wie als abgründiges Kind. Ein 13-Jähriger, der tadellos seine schwierige Gesangspartie bewältigt, auch mit der richtigen Emotion, das mag normal sein, eine Frage des Trainings. Aber Michael ist auch schauspielerisch ein Könner als eben dem Hosenmatz-Alter entwachsener Bursche, der eine facettenreiche Figur aus bösem Parsifal und rebellischem Patchwork-Familienopfer auf die Bühne stellt: Dieser Hänsel ohne Gretel, von weiblicher Mäßigung unbeleckt, marschiert am Ende mit dem Messer in den Wald.

Die Musik von Franui, angereichert mit Alban Bergs „Jugendliedern“, ist eine eigenständige Komposition, die Satire, Spott, Lyrik, Mystik dieser kleinen Geschichte von der großen geheimen Grausamkeit des Menschen hinreißend illustriert und mit schrägen Tönen wie eine Parodie auf den Konzertbetrieb wirkt. Händls Text ist sehr reichhaltig. Um einen trivialen TV-Plot – Feuerteufel im Dorfe, sexuell ausgehungerte Alleinerzieherin lockt Ex-Sträfling und Polizisten in ihre Netze, wer war's? – spinnt er ein kunstvolles Netz, in dem wie im Spätsommer immer andere Tautropfen aufleuchten. Da sind die einfachen Dinge: die Isolation und Wut der Männer, die Sehnsucht der verlassenen Frauen, die Revolte der vaterlosen Kinder. Und da sind die Bezüge zur Kunst: griechische Sagen, die dunklen Spielarten der Romantik, Eichendorff fungiert als Zwischenrufer und zorniger Gott, der die Taugenichtse beschützt, zu denen ja auch die Künstler gehören; Stifters Naturschilderungen spielen herein, Marlen Haushofers „Die Wand“, die Verfilmung dieser introvertiert schlichten, dennoch schillernden Robinsonade läuft demnächst an.

Die Wand, die Giulio Lichtner und Liautard als dominantes Gestaltungselement für ihr „Bienen“-Bühnenbild wählten, zeigt den abgebrannten Wald mit Lichtreflexionen, die ein geheimnisvolles Leben ahnen lassen. Vielleicht kehren nach der Zerstörung der Welt die Elfen, Irrlichter und wandelnden Bäume, wie sie in „Harry Potter“ zu etwas penetrant realistischem Leben erwachten, zurück, um ein neues magisches Zeitalter einzuleiten. Und auch der Mensch wird statt „Krone der Schöpfung“ nur mehr ein Geisterwesen sein nach dem finalen Albtraum.

 

Apokalypse in der Sprache

Nicht dass Händl dergleichen explizit darlegen würde, aber es schimmert durch. Hier findet keine billige Apokalypse statt, sondern das Spiel bleibt vieldeutig, obwohl es keineswegs so kompliziert oder unverständlich ist wie man erwarten würde, da sich der Text konventioneller Lektüre entzieht und mit seinen Worthaufen eher wie ein gewitztes bildendes Kunstwerk wirkt.

Sprache ist bei Händl fragmentiert, ein Symbol dafür, dass viel geredet, aber wenig verstanden wird. Ein babylonischer Worte-Turm baut sich auf in einer von Schneisen (Holzwirtschaft, Skipisten) zerfurchten Natur. Es sieht so aus, als wäre Händl Klaus, rar seit Botho Strauß und Peter Handke, endlich einmal wieder ein echter Poet, der ohne Well-Made-Mechanismen und pseudo-rätselvolle Alltags-Abbildungen auskommt.

Es wäre schön, wenn die Festspiele ihn entdeckt hätten, davon kann keine Rede sein. Händls Stücke werden seit Jahren landauf landab gespielt und gepriesen. Derartige Talente sind selten, trotzdem sollte man sich auf die Suche machen. Das Publikum reagierte mit großer Begeisterung auf die durchaus nicht leicht verdauliche Kost – und der Dichter strahlte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.08.2012)

Kommentar zu Artikel:

Salzburger Festspiele: Hänsel mit dem Messer im Wald

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen