"Wenn alles gut geht, schlafen die Leute ein!"

Justine del Corte über ihr Stück "Der Komet", eine Komödie über die Vergänglichkeit, die demnächst ihre Uraufführung erlebt. Liebe ist möglich, sagt sie und erzählt von ihrer Großfamilie in Mexiko.

Akademietheater Wenn alles geht
Akademietheater Wenn alles geht
(c) Lupita del Corte

Die Presse: Eine Hochzeitsgesellschaft versucht nach zehn Jahren ihr damaliges Fest zu wiederholen, auch ein Toter ist dabei. Ihr Stück „Der Komet“ wird am 9. September im Akademietheater uraufgeführt, es geht um die verrinnende Zeit, um den anarchischen Dionysos, der auch der Gott des Theaters ist. Der Text ist teilweise etwas rätselhaft. Was ist für Sie wichtig?

Justine del Corte: „Der Komet“ ist eine Komödie über die Vergänglichkeit. Es gibt viel Alkohol und einen Hirschtanz.

Roland Schimmelpfennig, seinerseits erfolgreicher Dramatiker und Ihr Partner, inszeniert. Was erwarten Sie sich?

Roland Schimmelpfennig hat 2008 die Uraufführung meines Stückes „Die Ratte“ in Zürich inszeniert. Das war nicht nur ein großer Publikumserfolg, sondern auch ein großes Glück für mich. Schimmelpfennig ist ein Regisseur, der in erster Linie Autor ist und als solcher große Achtung vor Theatertexten hat. Er betrachtet Texte erstmal als Setzung und er stellt sich der spezifischen Welt des Autors. Das macht er mit allen Stücken, nicht nur mit meinen oder seinen. Bei den Proben verteidigt er sogar jedes Satzzeichen. Für die Schauspieler ist es mitunter anstrengend, dass er von unten dazwischenruft: „Ich habe den Gedankenstrich nicht gehört und das Semikolon auch nicht – und spiel mal das Komma mit!“

Das klingt pedantisch und strapaziös.

Es geht nicht darum, sklavisch nachzuvollziehen, was ein Autor notierte, sondern ernst zu nehmen, dass er mitunter zwei Jahre an einem Stück schreibt und es daher viel tiefer durchdacht hat, als ein Regisseur das in sechs Wochen Regiearbeit tun könnte.

Das würde bedeuten, Schauspieler können nie das Ganze ihrer Rolle, eines Stückes begreifen.

Edith Clever sagte zu mir, als ich Goethes „Stella“ in ihrer Inszenierung spielte: „Merken Sie sich: Die Rolle ist immer größer als man selbst. Wenn man glaubt, es sei umgekehrt, dann ist das nur Faulheit oder Hybris.“ So ist das auch mit den Stücken. Bei „Der Komet“ arbeiten Schimmelpfennig und ich übrigens zum ersten Mal zusammen auf der Regie-Ebene. Wir inszenieren als Team. Das ist ein lang gehegter Wunsch von ihm und mir.

Von Schimmelpfennig hat man in den letzten Jahren einige Stücke in Wien gesehen: „Die Frau von früher“, „Der Goldene Drache“ oder „Peggy Pickit“ in der Burg, „Besuch bei dem Vater“ in der Josefstadt. Haben Sie beide Gemeinsamkeiten? Ich würde sagen, es ist das Geheimnis, das in den Figuren steckt und nie ganz enthüllt wird? Das Surreale, Traumspielhafte?

Es gibt nicht viele Gemeinsamkeiten, aber in einem Punkt berühren sich unsere Texte. Das ist das, was Sie das Surreale, Traumspielhafte nennen, und was ich das Mexikanische nennen würde. Die New Yorker „Village Voice“ schrieb einmal: „Roland Schimmelpfennig is as German as Garcia Marquez on a sunny day.“

Tauschen Sie sich aus?

Oh ja! Morgens, mittags, abends, nachts, permanent. Und wenn wir in unserem Umfeld etwas literarisch Verwertbares erleben oder hören, dann ruft einer von uns „Erster“ und wer das tat, der darf es verwerten.

Ist Liebe heutzutage noch möglich? In Ihren Stücken geht es stark um den Zerfall in Beziehungsprozessen. Das Flüchtige scheint sehr dominant zu sein und auch die stets lauernde Aggression.

Sicher ist Liebe möglich. Immer und überall. Dass das in meinen, wie im Grunde in allen Stücken oft nicht so ist, liegt daran, dass es ohne Konflikte keinen dramatischen Wert gibt. Weder in Tragödien noch in Komödien. Wenn man ein Stück schriebe, in dem ein glücklicher Mensch sich glücklich verliebt und alles geht reibungslos gut, dann schlafen die Leute nach fünf Minuten ein. Der Theaterzuschauer hat das Bedürfnis nach der Begegnung mit dem Säbelzahntiger, dem seine Vorfahren begegnet sind, also nach dem Konflikt. Denn die Begegnung mit Konflikten macht uns überlebensfähiger, wenn wir die Begegnung überleben. Das steckt in unseren Genen. Aber in all meinen Stücken geht es um Liebe. Und um Sexualität. Die stärksten Antriebskräfte des Menschen.

Spielt es eine Rolle, dass Sie Schauspielerin sind? Kommt das Ihrem Schreiben zugute, z. B. in der Art, wie Sie Rollen wirkungsvoll anlegen?

In jedem Falle! Wenn ich schreibe, gehen unbeabsichtigt mein Körper, mein Atem, sogar mein Puls mit den einzelnen Figuren und Situationen mit, ich spreche laut den Text beim Schreiben. Das kann ich gar nicht abschalten. Es ist sogar ein Vorteil.

Wie verändern Kinder die Sicht auf die Welt?

Kinder machen einen wütender auf die Welt und gnädiger mit ihr zugleich. Es gibt wohl kaum etwas seelisch Bereichernderes, als einen Menschen aufwachsen zu sehen und ihm dabei zu helfen. Aber ich gebe der Feministin Silvia Bovenschen recht, die sagt: „Kinder sind die Falle.“

Was haben Sie für Projekte?

Schimmelpfennig und ich haben in den letzten Jahren so viele interessante, internationale Theaterleute und Schauspieler kennengelernt, mit denen man eine sehr starke Theaterfamilie gründen kann. Das ist das nächste Vorhaben. Abgesehen von künstlerischen Erwägungen brauche und vermisse ich die Großfamilie. Ich bin in Mexiko in einer riesigen Familie aufgewachsen. Mein Großvater hat als emigrierter, sephardischer Jude seinen Auftrag gewissermaßen so ernst genommen, dass er nicht nur neun Kinder mit meiner Großmutter zeugte, sondern auch noch 14 Kinder mit diversen Hausangestellten. Ich lebte mit 26 Cousins und Cousinen zusammen, meine Großmutter zog die alle auf. Das Chaos und die Streitkultur vermisse ich genauso wie den Zusammenhalt. Ich vermute, dass ich deswegen schon mit 16 ans Theater gegangen bin.

Auf einen Blick

Justine del Corte, 1966 in Mexiko geboren, ist Schauspielerin, Theater-und Drehbuchautorin. Sie studierte an der Berliner Universität der Künste, in Hamburg, New York. 1989 drehte sie mit Claude Chabrol „Dr. M“, eine Hommage an Fritz Langs „Dr. Mabuse“. Außerdem wirkte del Corte in TV-Serien, Krimis („Wolffs Revier“), „Das Traumschiff“ mit. Seit 2004 schreibt sie Dramen („Der Alptraum vom Glück“, „Die Ratte“). Matthias Hartmann inszenierte 2008 ihr Stück „Sex“ am Zürcher Schauspielhaus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.08.2012)

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