Burgtheater: Tod auf dem Feld des Psychokrieges

Kleists "Prinz von Homburg", in Andrea Breths Regie heuer bei den Salzburger Festspielen zu sehen, ist in Wien gelandet: ein Meisterwerk, so es denn verstanden wird.

Feld Psychokrieges
Feld Psychokrieges
(c) APA/BARBARA GINDL (BARBARA GINDL)

Dieser Prinz und Heerführer ist eine „Unguided Missile“. Traum und Wirklichkeit vermag er nicht zu unterscheiden. Bei der Zuteilung des Tagesbefehls passt er nicht auf. Seinem Offizierskollegen springt er an die Gurgel und stürmt ohne Befehl in die Schlacht. Der Nichte des Kurfürsten macht er nicht nur einen Antrag, sondern küsst sie auch gleich leidenschaftlich.

Am Ende ist Friedrich Arthur von Homburg, nachdem er mehrmals zwischen Tod und Leben hin- und hergerissen wurde, eine Leiche unter einem Militärmantel. Sein alter Mentor, der Haudegen Kottwitz, faltet die Hände zum letzten Gebet – und die Militärs machen sich bereit zur nächsten Schlacht: „In Staub mit allen Feinden Brandenburgs!“ Bei Kleist wirkt der Schluss versöhnlicher als in Andrea Breths Inszenierung, er ist dennoch stimmig. Dieser Prinz ist ein großer Individualist und Idealist, den ein seelenloses System mordet – ohne Waffen: Tod auf dem Feld des Psychokrieges.

Bei den Salzburger Festspielen wurde Andrea Breths Kleist-Inszenierung sehr gelobt. Seit Donnerstagabend ist sie im Burgtheater zu sehen, in der Tat: ein Erlebnis. Mit vier Stunden wurde gerechnet, in zweieinhalb Stunden ist alles abgehandelt. Es geht nichts ab. Das Interessanteste ist die Militärmaschinerie, die hier äußerst modern – wie aus einem der vielen Spielfilme über die US-Army – wirkt: mit Strategiebesprechungen und Intrigen, die fast so wichtig, wenn nicht wichtiger zu sein scheinen als der Kampf; dieser wiederum muss möglichst heroisch wirken. Dabei ist die Welt ohnehin schon fast ruiniert, sie besteht nur mehr aus Bunkern, abgebrannten Bäumen (Bühne: Martin Zehetgruber). Am überraschendsten ist die ungewohnte Komik, die dieser oft gesehene Klassiker zeitweise verströmt. Die Wichtigtuerei bei der Befehlsausgabe ist grausam, aber auch das reinste Kabarett. Viel deutlicher als sonst wird die Rolle der Prinzessin Natalie als Drahtzieherin bei den Versuchen, den Prinzen zu retten.

 

August Diehl triumphiert als Prinz

Fantastisch ist die Besetzung, allen voran August Diehl als Prinz, der an Hamlet erinnert in seinen jähen Stimmungsschwankungen, die sich in bedrohlichen verbalen und faktischen Gewaltausbrüchen entladen. Peter Simonischek ist hinreißend als Kurfürst, der weiß, dass er den Wildling Homburg im Zaum halten muss, der seine Macht und das Land in Gefahr bringt. Die zwei Herren spielen ein aus dem Zivilleben bekanntes Spiel. Der Chef möchte seinen tüchtigsten Mitarbeiter nicht entmutigen, aber er muss sich etwas ausdenken, am besten empfiehlt sich eine Mischung aus Zuckerbrot und Peitsche. Hans-Michael Rehberg berührt stark als Kottwitz, der seine Sympathie für den jungen Haudrauf, in dem er sich selbst widergespiegelt sieht, nicht verhehlt.

Udo Samel ist ein herrlich devot-gemeiner Feldmarschall. Roland Koch offenbart den Neider im vordergründig vernünftigen Hohenzollern, Freund des Prinzen. Pauline Knof ist eine bezaubernd schlaue Natalie, Andrea Clausen eine elegante Kurfürstin, die anders als das junge Mädchen längst in melancholischer Resignation erstarrt ist angesichts der hermetischen Männerherrschaft. Elisabeth Orth hat kaum Text als Kammerfrau, was sie mit köstlich sprechendem Mienenspiel reichlich ausgleicht. Alle sind an ihrem Platz und tun ihr Bestes.

Zwei Nachteile hat die Aufführung: Es ist schwer vorstellbar, dass sie oben auf dem Rang verständlich ist. Überdies: Kleists grandiose Erzählungen, Monologe, kommen zumindest im Parkett gestochen scharf, die Dialoge aber verschwimmen. Die Aufführung ist teilweise stärker in den Bildern und Assoziationen – die historisch verwurzelt, aber dennoch ganz aktuell sind – als in der Sprache. Das Publikum bejubelte Ensemble und Regisseurin. Das ist einmal der seltene Fall, bei dem auch der Kritiker nach der Aufführung sitzen bleiben und rufen will: „Und jetzt bitte das Ganze noch einmal von vorn!“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.09.2012)

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