"Bon Voyage": Andrea Eckert ist groß in Fahrt

Im Volkstheater huldigt Regisseur Rupert Henning Sängerin Greta Keller mit einer Uraufführung. Andrea Eckert wurde zu drei Zugaben gedrängt.

Voyage ndash Andrea Eckert
Voyage ndash Andrea Eckert
andrea eckert – (c) Dapd (Lilli Strauss)

Zum Schluss von „Bon Voyage“, nach einem Solo von zweieinhalb Stunden, wurde Andrea Eckert am Freitag im Wiener Volkstheater zu drei Zugaben gedrängt. Das zeugt von der Begeisterung des Publikums und ist auch wirklich gerecht, denn immerhin musste die Schauspielerin bei der Uraufführung dieses „Abends mit dem Leben und den Liedern Greta Kellers“ auch drei Rollen spielen.

Rupert Henning, der das Stück nach einer Idee von André Heller geschrieben und auch inszeniert hat, begnügte sich nicht damit, einen Liederabend zu gestalten, der die einst berühmte Wiener Chansonnière Greta Keller (1903–1977) ehrt. Er steckte die Geschichte in einen – allzu – plakativen Rahmen.


Nie abgeschickte Briefe. Eckert ist hier nicht nur die Künstlerin, die 1938 wegen der Nazis aus dem Land flüchtet, um in Paris, London New York und anderen mondänen Orten Karriere zu machen, sondern auch eine gleichaltrige Josephine, die ihr Viertel in Wien nie verlässt. Diese Fini sammelt alles, was Keller betrifft, schreibt ihr nie abgeschickte Briefe, die sie in einem Koffer auf dem Dachboden aufbewahrt. Den findet ihre Enkelin nach dem Ableben – und los geht es mit drei Frauenschicksalen im 20.Jahrhundert.

Treppauf, treppab eilt Eckert in einem kühlen Bühnenbild aus Lack, Neon und Metall (Georg Resetschnig), um eine junge Leserin, eine Verehrerin, vor allem aber einen Star zu spielen. Diese Rahmenhandlung ist sehr didaktisch. Ein Jahrhundert wird besichtigt, mit Justizpalastbrand, Hitlers Überfall auf Polen, Stalingrad, Sirenen, Schüssen und Wochenschau-Ton, aber das stört nicht weiter, denn wesentlich ist, wie Eckert eine Sängerin gibt, wie sie singt und dabei alle Register zieht – eine Wucht, selbst in jenen Momenten, in denen sie zu Pathos und Übertreibung neigt. Diese Künstlerin hat eine magische Präsenz, ob sie nun kokett Schlager wie „Benjamin, ich hab nichts anzuzieh'n“, kämpferisch Brechts „Ballade von der Billigung der Welt“ oder herzergreifend ein Chanson von Jacques Brel darbietet. All diese Texte und Musikstücke illustrieren Frauenleben in widrigen Zeiten, erzählen von der Kunst, sich zu behaupteten.


Mit vollem Einsatz. Man sieht ein variantenreiches Spiel und auch den Hang zum Melodramatischen. Wenn getrauert wird, über den Tod der Gatten zum Beispiel, dann mit einem finalen Schrei, wenn geworben wird, dann gestenreich mit viel Körpereinsatz. Eckerts Stimme aber ist berückend. Sie schont sie nicht, sie klingt so rostrot, wie man das von Kellers Stimme behauptet hat. Ein Musikerquintett unter der Leitung von Imre Lichtenberger-Bozoki begleitet die Schauspielerin einfühlsam und zugleich lustvoll. Auch ihr Spiel trägt wesentlich dazu bei, dass diese nostalgische Reise zum schönen Erlebnis wird.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.09.2012)

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