Wiener Kammerspiele: Hilfe, der König stottert!

„The King's Speech“ wurde von Michael Gampe klug besetzt und auch flott inszeniert. Der Dependance des Theaters in der Josefstadt ist damit tatsächlich ein Kunststück gelungen.

(c) Dapd (Lilli Strauss)

Tom Hoopers mit vier Oscars ausgezeichneter Kinofilm „The King's Speech“ dauert nicht einmal zwei Stunden. In den Wiener Kammerspielen hat sich Regisseur Michael Gampe bei der Bühnenfassung ein paar Minuten mehr genommen, um die ungewöhnliche Beziehung zwischen einem stotternden Prinzen, dem späteren König George VI. (1895–1952), und seinem Sprachtherapeuten Lionel Logue zu zeigen. Der Dependance des Theaters in der Josefstadt ist damit tatsächlich ein Kunststück gelungen: David Seidlers Drama und Drehbuch „Die Rede des Königs“ sprüht vor trockenem angelsächsischen Witz.

Zum Gelingen trägt das intelligente Bühnenbild einiges bei. Erich Uiberlacker hat zwei Seitenwände aus Holz schwenkbar gemacht, was temporeiche Szenenwechsel garantiert. So entstehen breite oder spitz zulaufende Räume – im Buckingham Palace zum Beispiel, bei der BBC oder in Logues Praxis in der Harley Street. An der Rampe hat man ein großes altes Mikrofon platziert. Es erinnert daran, dass eben erst die Rundfunkära begonnen hat. Auch die Royals kommen nun in jedes Wohnzimmer. Das Mikrofon hängt wie ein Damoklesschwert über dem künftigen König, das wird in der ersten Szene klar, als er noch Herzog von York ist. Das Establishment hat sich im Wembley-Stadion versammelt, unter Schirmen schaut man zu, wie der Stotterer mit seiner Rede grandios scheitert.

Michael Dangl macht aus diesem von der Familie Bertie gerufenen zweiten Sohn ein Kabinettstück. Toni Slama als sympathisch-schrulliger Therapeut harmoniert prächtig mit ihm. Auch Logue hat eine Schwäche: Er will auf die große Bühne – und scheitert. Wenn Slama bei solch einem Vorsprechen Richard III. oder König Lear gibt, wird das zur Persiflage würdevoller Schauspielkunst. Die Dialoge der Protagonisten sind pointiert, die übrige Besetzung passt perfekt. Alexandra Krismer wird als willensstarke Herzogin von York (die spätere Queen Mum) am Ende ebenso kräftig bejubelt wie das Männerduo. Therese Lohner hält sich als Logues besorgte, liebende Ehefrau Myrtle klug zurück, während Eva Mayer sich als Wallis Simpson so verrucht austobt, wie man es von der Geliebten Edward VIII. (Nicolaus Hagg) erwartet.

Aus Liebe zu ihr dankt Berties großer Bruder Ende 1936 ab, aber schon zuvor weiß man, dass mit der zweifach geschiedenen Bürgerlichen kein Staat zu machen ist: Sie schickt den König auf Partys Champagner holen wie einen Domestiken oder schmeißt sich animierend an ihn ran. Schlimmer noch: Mrs. Simpson hat Verbindung zu den Nazis. Die Granden sind sich einig: Diese Königin der Nacht muss weg.

 

Das Empire rhetorisch rüsten – gegen Hitler

Das setzt Bernie gewaltig unter Druck, mehr noch als es sein strenger Vater George V. (Erich Schleyer mit viel Schneid) einst tat. George VI. muss jetzt die großen Reden halten, mit denen das ganze Empire aufgebaut werden soll gegen Adolf Hitler. Dessen Reden donnern wie die Perfektion des Bösen durch den Raum, als Bernie noch rhetorische Peinlichkeit verbreitet. „Helfen Sie mir, König zu sein!“, beschwört er Logue, der das Stottern durch neueste und bewährte Methoden lindert. Kopfhörer und Aufnahmegeräte kommen zum Einsatz, wenn Bertie einen Hamlet-Monolog abarbeiten muss, es wird getanzt, gesungen und geflucht. So entwickelt sich eine Freundschaft, die alle Intrigen übersteht. Logue ist großzügig wie ein König, der König wird menschlich. Alles wird gut. Seine Majestät ruft seine Völker zum Kampf, fast fehlerfrei, wie sogar der mächtige Redner Churchill zugeben muss: „Ich hätte es selbst nicht besser machen können!“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.09.2012)

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