"Hedda Gabler": Heddas wollüstige Grausamkeit

Im Münchener Residenztheater inszenierte Martin Kušej Henrik Ibsens "Hedda Gabler" schwarz und kalt, mit Birgit Minichmayr als Protagonistin.

Hedda Gabler Heddas wolluestige
Hedda Gabler Heddas wolluestige
hedda gabler – (c) APA/RESIDENZTHEATER/THOMAS DASHU (RESIDENZTHEATER/THOMAS DASHUBER)

Man muss „Hedda Gabler“ nicht mögen. Nach der Uraufführung 1891 im Residenztheater in München glaubten Kritiker gar, Henrik Ibsen mache sich mit seinem Stück, das eine unausgeglichene Frauenseele bloßstellt, über die Zuseher lustig. Heute ist dieses Drama aus der Welt von gestern noch schwerer nachvollziehbar. Fremd scheint die Problematik inzwischen, exotisch gar. Wer das Geschehen ins Gegenwärtige stellt, vom damaligen Kristiania in Norwegens heutige Metropole Oslo oder eine vergleichbare moderne Stadt, muss viel riskieren, um der Langweile zu entkommen.

Man kann diese Generalstochter Hedda Gabler gar nicht mögen, die Regisseur Martin Kušej 121 Jahre danach auf eben diese Bühne in München stellt, als kalte Intrigantin, die aus reiner Langeweile wie aus einer schlechten Laune heraus serienweise Menschenleben zerstört. Kušej, der seit dem Vorjahr das Residenztheater leitet, hat eine geraffte, mit harten Schnitten durch Dunkelheit und Musik sequenzierte Fassung dieses Kammerspiels (übersetzt von Hans Egon Gerlach) geschaffen, die in gut zwei pausenlosen Stunden das Herzlose des nervösen Zeitalters betont. Dafür wird so manche Verzierung geopfert.

Die Bühne wird von Annette Murschetz brutal reduziert. Auf das Wesentliche? Oder doch nur auf das Simple? Für diese Hedda (Birgit Minichmayr) jedenfalls ist das Set passend. Sie und ihr Gatte Jørgen Tesman (Norman Hacker) sind eben erst eingezogen, nach ausgedehnter, teurer Hochzeitsreise, in ein Haus, das ihren Ansprüchen genügt, das der angehende Gelehrte sich aber kaum leisten kann – ein Konfliktpotenzial deutet sich an. Wie ein fast leer geräumtes Möbellager wirkt der Raum. Links eine beleuchtete, große, weiße Flügeltür, davor als schräger Keil ins Parkett ein kahler Salon, hinten im Dunkel zierliche schwarze Holzsessel, an denen sich die Regie später mit Feuer und Gewalt austoben wird.

Nietzsche-Zitat

Die sechs Darsteller stecken in historischen Kostümen, die ihnen aber so gar nicht passen wollen. Denn Kušej räumt jenseits der Mode auf mit Konventionen. Er setzt auf gegenwärtigen Zeitgeist und Überdeutlichkeit. Ganz dunkel oder ganz hell, wenig dazwischen. Auch  die schräge, lärmende Instrumentalmusik als schiere Dissonanz unterstreicht dies. Mutig wird der Originalext gekürzt. Dadurch vermeidet die Regie in gewissem Maße, dass einige unentschlossene Passagen unangenehm auffallen. So funktioniert die Aufführung tatsächlich. Operation Oslo gelungen: Am Ende gab es am Freitag in München starken Applaus.

Wesentlich trägt Minichmayr zum Erfolg bei, die erneut beweist, dass sie nach ihrem Wechsel von Wien nach München bereits zu den Unverzichtbaren des Hauses gehört. Schon ihr erster Auftritt überzeugt, nach zwei Minuten scheint die Geschichte erzählt, dabei sind diese geraunten Sätze noch gar nicht von Ibsen: Die Flügeltüre öffnet sich, Hedda tritt ein, im hochgeschlossenen schwarzen Kleid, flüstert aus Friedrich Nietzsches „Als sprach Zarathustra“. Also spricht Hedda: „Einst blickte die Seele verächtlich auf den Leib: und damals war diese Verachtung das Höchste“. Diese Passage predigt den Übermenschen. Mager will ihn die Seele. „So dachte sie ihm und der Erde zu entschlüpfen. O diese Seele war selber noch mager, grässlich und verhungert: und Grausamkeit war die Wollust dieser Seele!“
Da ist alles gesagt über dieses überspannte Frauenzimmer, das am liebsten mit den Pistolen ihres Papas herum ballert. Hedda verschwindet hinter den verstellten Sesseln in der Dunkelheit. Weil aber zwei Minuten Nietzsche und Kušej noch nicht wirklich abendfüllend sind, wird zur Erklärung dieser geisterhaften Szene weitergespielt, und das zum Großteil auf schauspielerisch hohem Niveau.

Es folgt eine besonders gelungene Beobachtung. Während man noch rätselt, was Hedda im Finstern ausheckt, kommt Tesmans Tante Juliane (Barbara de Koy) unangemeldet auf Besuch, öffnet weit die Türen, um frische Luft rein zu lassen. Wie ein Spürhund erfasst sie das neue Terrain und schimpft über die Abwesenden. Rasch hat das Bigotte, Frömmlerische, sich unbeobachtet glaubend, die Maske abgelegt.

Da fragt man sich: Wird hinten noch gelauscht? Weiß Hedda um die Verstellung der Tante? Denn als sie kurz darauf offiziell durch die Türe kommt, schließt sie die demonstrativ und ist von einer kaum nachvollziehbaren Ablehnung, jetzt im Trio mit dem um Ausgleich bemühten Gatten. Das überdeutliche Symbol: Die unfreundliche Gastgeberin tritt auf Julianes Strohhut, kickt ihn weg und demonstriert danach eine Falschheit, die alle anderen Gemeinheiten überragt. Nein, mit dieser Dame sollte man sich nicht anlegen! Auf keinen Fall darf man andeuten, ob sie schwanger, sei, selbst wenn Hedda sich einmal gedankenverloren über den Bauch streicht. Da wirkt sie fast sanft und menschlich.

Aber die protektive Verwandte und der biedere Gatte, die Hedda an sich binden wollen, sind keine ebenbürtigen Gegner für diese Frau, die in ihrer Langweile nach Aktion lechzt, aber nur Untaten vollbringt. Auch ihren einstigen, damals alkoholischen und sexuellen Exzessen zugeneigten Seelenfreund Ejlert Løvborg (Sebastian Blomberg), der als erfolgreicher, gelehrter Autor aus der Einsamkeit in die Stadt zurückgekehrt ist, taxiert sie in seiner Lebensqual kalt wie ein Studienobjekt. Von der einstigen Verbal-Erotik ist wenig über.

Blomberg bietet in seiner Raserei (er darf Stühle zertrümmern) einen tollen Kontrapunkt zu Minichmayr, die sich später kalt am Scheiterhaufen der schwarzen Sessel wärmt. Hedda wird Løvborg mit Punsch und gezielten Sätzen in die Vernichtung treiben, auch seine Begleiterin nicht schonen. Die Pistolen und Løvborgs verloren geglaubtes Manuskript, das sie ihm vorenthält und effektvoll Blatt für Blatt verbrennt, werden offensiv als Symbole eingesetzt. Da liegt der Papierstapel in seinem Einband an der Rampe und erhält wahrscheinlich sogar einen Extra-Spot.

Die eigentliche Tatfrau aber, Thea Elvsted (Hanna Scheibe), die Kinder, Haus und Mann verließ, um mit dem Genie Løvborg Großes zu tun, wird in dieser Inszenierung zum bloßen Requisit. Sie wird herum geschleift wie eine Puppe, widerspricht in jeder Geste, mit jedem Schluchzer dem, wofür sie sich entschieden hat: der Freiheit. Ihre Geschichte, die anspruchsvoll wäre, bleibt fast ausgeblendet. Nur am Schluss darf sich Thea entfalten, wenn sie mit Tesman als neuem Verbündeten eifrig die Aufzeichnungen Løvborgs ordnet. Da hat Hedda bereits verloren. Bezwungen aber wird sie vom einzigen ihr Ebenbürtigen, dem unheimlichen Richter Brack (Oliver Nägele). Der hat sie geil bedrängt, erpresst und schließlich, als er mit Skandal droht, zur finalen Tat getrieben. Diesen Akt höchster Verachtung einer grausamen Seele kommentiert der Richter ganz kühl: „So was tut man doch nicht!“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.10.2012)

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