Volksoper: Die ganze Welt ist Hinterbühne

Mathias Fischer-Dieskau, Sohn des "Liederpapstes" Dietrich Fischer-Dieskau, entwirft sein viertes Bühnenbild für das Wiener Haus: Am 17. Februar hat Smetanas "Verkaufte Braut" in deutscher Sprache Premiere.

Volksoper ganze Welt Hinterbuehne
Volksoper ganze Welt Hinterbuehne
(c) Volksoper

Als Sohn eines weltberühmten Vaters einen Beruf im selben Metier zu ergreifen, das ist nicht immer leicht. Mathias Fischer-Dieskau, Sohn des deutschen „Liederpapstes“ und Opernstars Dietrich Fischer-Dieskau, hat dennoch von Kindesbeinen an keine Zweifel aufkommen lassen, dass es ihn zur Bühne drängt.

Oder hinter die Bühne, wie man's nimmt. „Ich fand ja“, erzählt der Bühnenbildner, der eben in den Endproben für Smetanas „Verkaufte Braut“ an der Volksoper steckt, „von klein auf die Spannung zwischen dem, was da vorn auf der Bühne gemacht wird, und dem, was dahinter passiert, faszinierend. Vorn wird in Ruhe Kunst gemacht, und hinten laufen die mit WalkieTalkies herum.“

Vom berühmten Vater war zu lernen, „was es bedeutet, eine Leistung zu erbringen“. Das scheint magnetische Wirkung ausgeübt zu haben im Hause Fischer-Dieskau, auch wenn Dietrich nicht viel Zeit hatte, sich um seine Kinder wirklich zu kümmern. „Natürlich war er eine starke Figur“, erzählt Mathias, „aber er hat uns nicht so in die Pflicht genommen, wie man das als Kind vielleicht braucht.“

Trotz häufiger Abwesenheit des Vaters blieb die Vorbildwirkung stark genug: Alle drei Söhne wurden Künstler, zwei musizieren, Mathias, der älteste, ist Bühnenbildner. „Das Bild ist meine Art aufzutreten,“ sagt er, „der Vorhang geht auf, und man tritt auf – braucht aber nicht selbst aufzutreten.“

 

Der Traum von der absoluten Reduktion

Inspiration gibt Fischer-Dieskau für seine Arbeit jeweils die Musik. Sie schafft den imaginären Raum, den er in die Bühnenrealität umsetzt. „Die Musik hilft mir dabei kolossal“, sagt er, „das unterscheidet die Arbeit im Opernhaus ja von der fürs Sprechtheater: Das Schauspiel ist, wenn man so will, die viel schwierigere Aufgabe. Denn da ist ja erst mal nichts. Wenn keine Musik da ist, fehlt etwas.“

Wobei es in der Oper im Idealfall dann oft gar nicht viel zu sehen gibt. Fischer-Dieskau übt sich gern in Reduktion: Mozarts „Die Hochzeit des Figaro“ hat er schon einmal ausschließlich zwischen Türen spielen lassen. „Man braucht Türen im ,Figaro‘“, sagt er, „wir haben also sechs Türen auf die Bühne gestellt, aber sonst gar nichts. Es hat wunderbar funktioniert!“

Smetanas hinreißende Komödie wird nach dem Wunsch von Regisseur Helmut Baumann in einem Einheitsbühnenbild spielen, das wie eine Scheune aussehen sollte. Dergleichen wird selbstredend am Beginn der Zusammenarbeit mit dem Regisseur abgesprochen. „Die Scheune, das war Helmuts Idee,“ berichtet der Bühnenbildner, „aber es gibt natürlich tausend Arten, eine Scheune zu bauen“.

Da lässt sich Mathias Fischer-Dieskau dann nichts mehr dreinreden. Seine Volksopern-Scheune ist „völlig perspektivisch gebaut – da ist kein rechter Winkel drin – und voller Tricks, die Szene verwandelt sich nur durchs Licht.“

Im Beschreiben schwingt die Begeisterung mit, die Fischer-Dieskau offenbar nach wie vor für seine Arbeit empfindet. Eine Premiere scheint für ihn so etwas wie der krönende Abschluss einer gigantischen Bastelarbeit zu sein. Diese beginnt im Atelier, in dem er sich eine richtige Bühnenmaschinerie konstruiert hat. Im Maßstab 1:20 schnitzt er für diese seine Modelle, probiert, verwirft wieder: „Man fängt dabei mit dem an, was im Theater grundsätzlich einmal da ist, die leere Bühne, die Schauspieler, das Licht.“ Und manchmal, siehe „Figaro“, wird es dann gar nicht viel mehr.

Es sei denn, es geht um eine veritable Bühnenshow, bei der „der Weg das Ziel“ ist: „Wenn es einfach einmal viel zu sehen geben soll.“ Das kommt des Öfteren beim Musical vor, dem sich der Bühnenbildner mit derselben Hingabe widmet wie der Oper: „Da hat man richtig zu tun! Meine nächste Arbeit an der Volksoper – es ist dann die fünfte – gilt im kommenden Herbst ,Sweeney Todd‘.“

Was die Gattungen betrifft, hat Fischer-Dieskau ein weites Herz. Seine ersten Versuche galten freilich schon der Oper. „Als Kind habe ich mit meinen Brüdern ,La Traviata‘ nachgebaut.“ Aus künstlerischem Spiel wurde bald Ernst. Man gründete eine freie Operntruppe und spielte Haydns „Welt auf dem Monde“. Das war das erste echte Bühnendekor Marke Fischer-Dieskau. Bis hin zu Zemlinskys „Kreidekreis“ spannte sich damals der Bogen: „Viele Ur- und Erstaufführungen waren dabei, vor allem in der Zeit, als ich mich konsequent mit Kinder- und Jugendtheater beschäftigte.“

 

Von der Oper zum Musical – und zurück

Das Berliner Grips-Theater, zu dessen Team Mathias Fischer-Dieskau ein gutes Jahrzehnt lang gehörte, brachte legendäre Jugendstücke heraus, darunter „Ab heute heißt du Sara“ und die immer noch gespielte, um die halbe Welt gereiste „Linie 1“.

„Damit war es dann natürlich irgendwann wieder vorbei“, erzählt der Bühnenbildner, „ich bin, von der Oper ausgehend, über die kleinen Gruppen und einen fantastischen Reigen von Zeitgeschichterevuen, die wir uns mit Helmut Baumann im Berliner Theater des Westens ausgedacht haben, wieder zur Oper zurückgekommen“.

Abstecher zum Musical macht er nach wie vor gern. Gleich nach der Smetana-Premiere in Wien geht es nach Graz, wo man Hammersteins (auf Molnars „Liliom“ basierendes) „Karussell“ herausbringt, ein Stück, das in seiner klassischen Faktur heutzutage schon „ganz schwer sein kann, weil es viele vielleicht als altmodisch empfinden“, räsoniert Fischer-Dieskau, „oder es ist deshalb schon wieder ganz einfach, wie man's nimmt“. So einfach möglicherweise, wie die „Verkaufte Braut“ in ihrer Scheune...

„Die verkaufte Braut“ mit Caroline Melzer, Matthias Klink und Martin Winkler. 17., 22., 24., 27. Februar, 3., 10., 13., 18. März.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.02.2013)

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