Volkstheater: Tony Kushners Stadtneurotiker in NY

"Ratgeber für den intelligenten Homosexuellen" wird von Elias Perrig dezent inszeniert und vom Volkstheater-Ensemble mit viel Herz gespielt. Das tröstet über Längen hinweg.

Volkstheater Tony Kushners Stadtneurotiker
Volkstheater Tony Kushners Stadtneurotiker
Ratgeber für den intelligenten Homosexuellen – c APA ROLAND SCHLAGER ROLAND SCHLAGER

Eine große Patchwork-Familie im bodenständigen New Yorker Stadtteil Brooklyn mit all ihren modernen Leiden stellt US-Autor und Drehbuchschreiber Tony Kushner („Lincoln“) auf die Bühne. Der Titel des Stückes, das am Freitag im Volkstheater österreichische Erstaufführung hatte, verheißt komplexe Opulenz: „Ratgeber für den intelligenten Homosexuellen zu Kapitalismus und Sozialismus mit Schlüssel zur Heiligen Schrift“ wird von elf Akteuren auch vielschichtig interpretiert. Der zwölfte Darsteller aber ist die Ware Haus, Inbegriff des Kapitals. Ein imposantes Brownstone Building wurde auf die Drehbühne gestellt, wie ein Aufriss, mit transparenten Räumen. Als Raumteiler dienen vor allem locker besetzte Regale mit Büchern – Inbegriff des Gutes Geist.

Um diesen Dualismus dreht sich das Stück, das viele Paradoxa birgt. Besitzer des Hauses ist ein alter Gewerkschafter: Gus Marcantonio (Erich Schleyer), alt gewordener Spross italienischer Einwanderer, die über viele Generationen dem Kommunismus huldigten, hat seine Verwandten um sich versammelt, weil er aus Furcht vor Alzheimer die Selbsttötung plant. Zuvor will er das Haus verkaufen, ein Spekulationsobjekt, das den Erben Millionen bringen soll. Ein letztes, widersprüchliches Opfer soll also für die Gemeinschaft gebracht werden. Das ist konsequent für einen verbohrten Idealisten, der sich den Beginn des 21. Jahrhunderts anders vorgestellt hat. Gus schwärmt von der Zeit als Hafenarbeiter, tatsächlich war er vor allem ein Funktionär, der sich mit der Partei überwarf. Er betont das Proletarische und ist ein Intellektueller, der Horaz aus dem Lateinischen übersetzt.


Homo. Hetero. Bi. Schleyer gelingt eine sensible, stimmige Darstellung dieser konsequent inkonsequenten Person, er wird dabei von einer bunten Schar eigenwilliger Charaktere unterstützt. Seine Schwester Clio hat sich vom leuchtenden Pfad des Marxismus in Richtung christlicher Mystik bewegt, der homosexuelle Sohn Pill, ein Historiker, der sich seit Jahrzehnten an einem gewaltigen Text („Ratgeber für...“) abarbeitet, durchlebt gerade eine schwierige Phase zwischen Stricher und Langzeitpartner. Auch die bisexuelle Tochter Maria Teresa (Claudia Sabitzer spielt sie mit viel Herz und Hirn), die bezeichnenderweise MT, also Empty, genannt wird, hat Beziehungsprobleme. Partnerin Maeve (Martina Stilp), eine leicht hysterische, manipulierende Person, ist hoch schwanger, von Emptys Bruder Vito (Roman Schmelzer), dem einzigen echten Arbeiter. Er ist ein Brüter, leidet an Minderwertigkeitskomplexen, kämpft ebenso hart wie die Schwester um die Liebe des verwitweten Vaters. Vito hat Maeves Zeugungswunsch auf natürlichem Weg erfüllt, nicht wie ausgemacht auf künstlichem. Aber auch Empty geht fremd, ausgerechnet mit ihrem Exmann (Patrick O. Beck als Archetyp des schmierigen Kleinkapitalisten), der zugleich Makler für Gus ist.

In solch einem unübersichtlichen Umfeld müssen also letzte Fragen wie Sterbehilfe und Erbschaft diskutiert werden? Das kann nur als schwarze Komödie geboten werden, Regisseur Elias Perrig hält sich dabei aber oft dezent zurück. Kushners überaus gewitzter Text analysiert diese Stadtneurotiker, die süchtig nach Nostalgie und Revolution sind, nach Garibaldi und Verdi, mit einem Feuerwerk an Assoziationen. Das ist, auf Deutsch, schwer umzusetzen. Manchmal hantelt sich die Inszenierung unter kräftiger Betätigung der Drehbühne etwas abrupt von Szene zu Szene. Das Ensemble bietet in knapp drei, trotz beträchtlicher Kürzungen etwas zu langen Stunden alles in allem doch Beachtliches.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.02.2013)

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