Eigentum ist Diebstahl in Rittbergers "plebs coriolan"

Uraufführung im Schauspielhaus: Das Ensemble bezaubert, der Autor verwirrt mit brutaler Poesie.

Eigentum Diebstahl Rittbergers plebs
Eigentum Diebstahl Rittbergers plebs
Eigentum Diebstahl Rittbergers plebs – (c) REUTERS (TOMAS BRAVO)

Mit abenteuerlichen Phrasen des Absurden wartet Dramatiker Kevin Rittberger (*1971) im Wiener Schauspielhaus auf. Am Freitag wurde von ihm selbst sein „plebs coriolan“ uraufgeführt. Fern erinnert das Stück an Shakespeares späte Tragödie „Coriolanus“, die Masse und Macht im frühen Rom seziert. Das Stück, bei dem Plebejer den Aufstand proben, ist eine echte Hetz. Bis zum finalen Tod.

Rittberger lässt dagegen lustig rebellieren. Sechs Personen suchen einen Sinn. Das Ensemble macht dies mit so viel Raffinesse und Charme, dass die 110 Minuten anspielungsreicher Anarchie ohne größere Geburtsschmerzen vergehen. Die Schauspieler verstehen es, das Publikum augenzwinkernd zum Verbündeten für ihren Raubzug zu machen. Die Botschaft dieses Plebs ist brutal simpel: Her mit dem Zaster! Denn Eigentum ist doch Diebstahl, auch heutzutage.


Luxus und Leere. Die Handlung: Eine Dame des Hauses (Myriam Schröder) residiert im Luxus der Moderne. Versponnen betrachtet sie mit einem Notar (Thiemo Strutzenberger) riesige abstrakte Gemälde im Hintergrund. Die beiden bewegen sich dazu wie im Ballett. Rechts auf der fast leeren Bühne gibt es ein großes Sitzmöbel, in der Mitte einen blockartigen Tisch und links eine Art Balkontür mit Gartenzaun: Zimmer mit Aussicht. Dort versammelt sich das Sextett zur Vorgeschichte im Dunkeln, jeder darf Vorschläge machen. Dazu leuchten sie einander in die Gesichter oder richten den Lichtstrahl ins Publikum, um Zuseher zu bewerten. Weg mit der vierten Wand!

Neben den Oberen spielen vier revolutionär gesinnte „Ausheger“. Ziel der Mittellosen: radikale Umverteilung. Dazu wurde Lilith unter dem Decknamen Irina (Barbara Horvath) als Putzfrau ins Haus eingeschleust. Sie will sich nun von ihrem Kollegen Kucov (Steffen Höld) verletzen lassen, damit glaubhaft ein Raubüberfall vorgetäuscht wird. Attac! Nieder mit den Umzäunungen. Doch alles ist umsonst, sie rennen offene Türen ein. Die Herrin lässt sie das Haus ohnehin leeren. Doch Vorsicht! Sie hat mehr als nur einen Schuss (parat).


Gehirnströme. Horvath und Höld können köstlich damit umgehen, das Zögern vor der Gewaltanwendung zu zeigen, in einem Kabinettstück der Komik, so wie auch die kontrastierenden Auftritte von Schröder als verständnisvoller Dame der besseren Gesellschaft und von Strutzenberger voller Heiterkeit sind. Letzterer spielt schließlich den Freund des Hauses, der seine Gehirnströme mittels seltsamer Haube misst und auf die anderen übertragen kann. Sie winden sich in Schmerzen, wenn er sich selbst wehtut.

Die Gags nützen der Aufführung, denn der Text wirkt sehr hermetisch, sogar bis zur Fadesse. Aber wenn der Hausfreund sich die Finger abschneidet oder das Blut spritzt, wenn wieder jemand den Kopf gegen die Wand schlägt, lacht die Menge. Alle sind mit Herz dabei, auch Hanna Eichel und Gideon Maoz spielen als zwei weitere „Ausheger“ mit ausgeprägtem Ökobewusstsein erfrischend. Kräftiger Applaus für die leichte Auslegung eines mörderischen Klassenkampfes.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.04.2013)

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