Kasino: Harry Potter in Grillparzers Universum

Burgtheater-Direktor Matthias Hartmann wagt sich engagiert und mit Einfallsreichtum an einen sperrigen Schulklassiker: „Die Ahnfrau“. Die Aufführung ist ungewöhnlich unterhaltsam. Der Text klingt zeitweise allzu hohl.

Oh, diese Gespenster! Oliver Masucci als beredter Räuber Jaromir, Sven Dolinski als „Ahnfrau“: Bilderreich-witziger Grillparzer im Kasino.
Oh, diese Gespenster! Oliver Masucci als beredter Räuber Jaromir, Sven Dolinski als „Ahnfrau“: Bilderreich-witziger Grillparzer im Kasino.
Kasino: Harry Potter in Grillparzers Universum – (c) APA/HERBERT PFARRHOFER (HERBERT PFARRHOFER)

Claus Peymann hat in seiner Zeit als Burgtheater-Direktor bereits entdeckten Autoren wie Handke, Turrini, Bernhard, Jelinek Breitenwirkung verschafft. Unter Matthias Hartmann werden die österreichischen Klassiker Grillparzer, Raimund, Nestroy aufpoliert. Ihnen bescherte zuvor schon Martin Kušej mit seinen Inszenierungen von Nestroys „Höllenangst“, Grillparzers „König Ottokar“ und „Weh dem, der lügt“ neue Aufmerksamkeit.

Trotzdem: Im Allgemeinen ist bei der deutschen Kritik mit derartigen Bemühungen kein Blumentopf zu gewinnen. Grillparzer ist als verunglückter Schiller punziert, Nestroy, Raimund gelten als Mundartdichter. Da können die „Ösis“ noch so schäumen. Ungewöhnlich sind solche Bewertungen nicht. In seinem Buch „Flucht vor der Größe“ nahm Hans Weigel u. a. Grillparzers private Komplikationen und sprachliche Hoppalas aufs Korn. Karl Kraus lobte Nestroy, ließ Raimund leben und verdammte Grillparzer:  In seinem Versuch, „den Himmel Griechenlands über den Wiener Wald zu wölben“, sei dieser gescheitert, so Kraus. Und dann noch „Die Ahnfrau“, ein Schulklassiker. Mit Abstand gelesen wirkt das Werk jedoch überaus reich und poetisch.

Karsten Riedels Musik begeistert

Grillparzer zeichnet in dem 1817 uraufgeführten Schauerdrama ein morsches Staatsgebilde, in dem verfeinerte Umgangsformen von Gewalt und Anarchie hinweggefegt werden. Er bildete die Monarchie und ihre Nationalitätenkonflikte ab. „Was will man jetzt mit dem Schicksal? Die Politik ist das Schicksal“, soll Napoleon gesagt haben.

Das scheint auch heute gültig – und zwar just im Sinne jenes finsteren, undurchschaubaren Waltens, das Grillparzer sah. Die Schilderung privater Verhältnisse in der „Ahnfrau“ wirkt überaus modern, psychoanalytisch, geradezu freudianisch: Berta muss sich zwischen dem Räuber Jaromir, der noch dazu ihr Bruder ist, und dem kranken alten Vater entscheiden. Der Zwiespalt treibt sie in den Tod. Auch die Männer sind zerrissen zwischen Kriegertum, antiquierten Normen und individuellen Lebensformen, Liebe, die dem Einzelnen jene Luft zum Atmen gewährt, die Grillparzer vermisste.

Hartmann wandert bei seiner „Ahnfrau“-Interpretation, die seit Sonntag im Kasino am Schwarzenbergplatz zu sehen ist, auf Kušejs Pfaden. Doch marschiert er leichten Fußes und pfeift dabei ein Liedchen. Die Aufführung hat große bildnerische und musikalische Qualitäten, auch Witz. Mit der Schwere dessen, was hier verhandelt wird, kommt sie nicht zurecht, obwohl sich die Schauspieler Mühe geben.
Am Burgtheater gibt es ja wie sich beim Ausfall von Johannes Krisch krankheitshalber zeigte, nicht mehr viele österreichische Mimen. Das ist bei Nestroy und Raimund gravierender als bei Grillparzer. Trotzdem fehlt eine gewisse larmoyante, fatalistische Note, Emotion, Tiefe, all dies gehört zu Grillparzer, ob man das nun mag oder nicht. Das meiste davon passt nicht zum ironisch gefärbten Spielstil von heute und erzeugt die Brüche in den neueren Versionen österreichischer Klassiker.

Karsten Riedels fantastisches Klanggemälde reicht von lautmalerischer Klage bis zu knarrenden Türen, Elemente aus den Geräuschkulissen von Fantasy-Filmen mischen sich mit Popballaden. Die Popmusik scheut nicht das Pathos, das sich das Theater oft versagt, ein Verlust, denn Pathos ist nun einmal eine Ingredienz der Bühnenkunst, durch die Hintertür Popmusik kommt es nun wieder herein. Ein Riesenhaufen Sessel symbolisiert, dass beim Grafen Borotin, auf dessen Familie der Fluch der Ahnfrau lastet, fast alles kaputt ist. Gelegentlich glüht es noch romantisch blau aus dem Möbelgebirge. Notenpulte verweisen auf die Musik der Sprache, die teilweise zu hohl tönt, obwohl prächtig deklamiert wird, sogar die szenischen Anweisungen werden verlesen. Auch wenn Ignaz Kirchner immer wieder dasselbe macht, es ist doch jedes Mal sehr eindrucksvoll: Bei seinem alten Grafen stimmt die Balance zwischen Drama und Clownerie, die spöttisch, grimmig, aber auch tieftraurig sein kann. Oliver Masucci als Räuber Jaromir ist ein junger Held, wie er im Traumbüchel steht, meist grandios.

Berta wird der Lächerlichkeit preisgegeben

Zeitweise aber quillt der Text nur so wie einstudiert aus ihm heraus, als verstünde er nicht, was er redet. Es ist unklar, ob er „Stimmen hört“ oder einfach aufgegeben hat, angesichts von Grillparzers Wortkaskaden. Diese werden in einer kurzen Sequenz in den Schulunterricht zurückbefördert, wobei offenbar wird, wie groß die Kluft ist zwischen dem Nachwuchs, der Klassiker „aufsagt“ und dem Profi, der sie inhaliert hat. Johann Adam Oest als Kastellan Günther und als Räuber Boleslav ist der Einzige, der seine Kunstfiguren in die Realität holt: erfrischend! Günter und den Hauptmann (Franz J. Csencsits) verbindet das höhere Wissen um das desolate und dekadente Konglomerat, in dem sie sich bewegen. Sie sind als treue Diener ihres Herrn gezeichnet, denken sich ihr Teil und lassen die anderen reden.

Frauen sind hier Männer, weil es sich um ein „Bubenstück“ handelt? Maik Solbach sorgt als Burgfräulein Berta für Gelächter, doch diese vielschichtige Figur mit ihren Träumen, psychischen Zwängen ist zu arg vergröbert. Sven Dolinski erinnert als Ahnfrau an Harry-Potter-Filme. Er spielt auch den braven Soldaten, der früher Räuber war und nun die Bande für die Obrigkeit identifizieren muss – wie die Konfidenten mögliche „Aufrührer“ im Metternich-System. Alles in allem: Die Aufführung ist ansehnlich und keine Parodie. Das Werk steht im Mittelpunkt. Wird „Die Ahnfrau“ also wiederkehren – in die Spielpläne? Wohl kaum.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.04.2013)

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