Kabarettkritik: Gibt es ein Happy End?

Gerhard Walter zeigt in seinem ersten Solokabarett, dass man an ein Happy End im echten Leben glauben soll. In einer kurzen Liebesgeschichte bespricht er auch Bindungs- und andere Ängste.

Gerhard Walter.
Gerhard Walter.
Gerhard Walter. – (c) Niedermair

So einen Sitznachbarn wünscht sich niemand auf einer Reise: Einen, der zwei Stunden durchgehend quasselt, der einem die halbe Lebensgeschichte erzählt und seine Bindungsängste laut und offen diskutiert. Zum Glück ist der Flug nach London bei Gerhard Walter aber nur das Setting für sein neues Programm „Happy End“ im Kabarett Niedermair. Weil er sich mit dem Internet nicht so auskennt, hat er unabsichtlich Business Class gebucht und nutzt den breiten Raum dort, um seine Geschichten und Geschichteln nicht nur verbal, sondern auch mit wirkungsvoller Körpersprache zu erzählen.

Bekannt wurde Walter als Teil des Duos WalterSeidl, das 2005 den Österreichischen Kabarett-Förderpreis einheimste. Gery Seidl reüssiert schon länger als Solokabarettist. Walter zieht nun nach und liefert ein beachtliches Erstlingswerk. Von Beginn an möchten die Zuseher, die Walter in dieses Stück als Reisekollegen im Flugzeug einbaut, mehr von ihm wissen – ganz im Gegensatz zum echten Leben, bei dem man einem solchen Dauerquatscher lieber den Reisepolster ins Gesicht drücken möchte. Doch der schüchterne Typ dort auf der Bühne ruft gar keine Aggressionen hervor, vielmehr leidet man mit, wenn er erzählt, warum er eigentlich nach London fliegt: Er möchte seine Traumfrau finden.

Gut: Er weiß weder, wo sie wohnt, wo sie arbeitet, noch den Nachnamen oder ihren Vornamen. Aber in Wien hat er mit der unbekannten schönen Britin einen „Magic Moment“ erlebt. Solche gibt es nicht oft im Leben, da muss man doch die Verursacherin der Magie suchen gehen. Im angenehm inszenierten Plauderstück (Regie: Petra Dobetsberger) kommt heraus, dass Walter nicht nur besonders beziehungs- und technikunbegabt ist: Auch Mathematik und Krieg sind „nicht so seins“.

Eingewoben in die Liebesgeschichte philosophiert Walter über Erfindungen (z.B. das Fenster mit Durchblick), über Ängste und ihre Überwindung, über Beerdigungen, bei denen man auch eine Gaudi haben soll, die Wiedergeburt als Plankton und über den Weltuntergang. Seine Eloquenz, der Hang zum Dialektalen und die Grimassen und Quietschgeräusche, die Walter dabei entkommen, erzeugen beim Zuseher einen durchgängigen Lachreiz: Die Megabrüller sind bewusst ausgespart, aber die Sympathie hat dieser Kerl sicher auf seiner Seite.

Ganz zu Beginn bespricht Walter die Unterschiede zwischen einem Happy End im echten Leben und in Film und Fernsehen – um dann beim tatsächlichen Ende des Kabarettstücks die Zuschauer vor einem offenen Ausgang stehen zu lassen. Auf dass jeder diesen „Film“ selbst zu Ende denken kann, soll und muss.

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