Wiener Festwochen: Müder Abschied mit "Tartuffe"

Luc Bondy inszeniert im Akademietheater Molières Komödie der Heuchelei zu langsam, in umständlicher Prosa. Die Starparade tröstet darüber hinweg.

Wiener Festwochen Mueder Abschied
Wiener Festwochen Mueder Abschied
Wiener Festwochen Mueder Abschied – (c) APA/HERBERT NEUBAUER (HERBERT NEUBAUER)

Ein Heuchler hätte nach der Premiere von „Tartuffe“ am Dienstag im Akademietheater gesagt: „Ach, Luc Bondy, der Gute! Er gibt nach langen Jahren die letzte Premiere als Intendant der Festwochen in Wien, und was macht er? Verzichtet selbstlos auf allzu eigene Regie, damit die Stars der Burg umso heller glänzen. Das Fest danach war exquisit. Französisch.“ Weil die Welt jedoch nicht nur Feingeist mit alexandrinischem Takt besitzt, sondern vielmehr von vulgären Zofen beherrscht wird, könnte es auch heißen: „Bondy? Hat der Typ nicht Molière mit schlechtem Text und Langeweile mitten in Wien komplett versenkt? Der Arme, er war anscheinend müde.“

Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte. Zum Abschied nach einer fast zwei Jahrzehnte dauernden, teils frischen, teils großartigen, teils zeitgeistig faden Ära gab es im Finish reine Routine. Im Dutzend zeigten Ensemblemitglieder des Burgtheaters, dass sie selbst dann interessant blieben, wenn man sie zwei Stunden ohne Pause Belangloses austauschen ließe. Bei der Inszenierung stimmt das Tempo nicht, dadurch leidet das Timing fürs Lustspiel. Im Vergleich zum Versmaß des Originals war die von Bondy und Peter Stephan Jungk verordnete Übersetzung in Prosa ungelenk, ja geschwätzig.

Ach Bondy, der Große! Einst konnte er tatsächlich rühren. Hier aber, in diesem noblen Landhaus-Wohnküchen-Ambiente von Richard Peduzzi, mit schwarz-weißen Fliesen wie aus einem niederländischen Gemälde des 17. Jahrhunderts, mit Hirschgeweihen, Spiegeln, Kreuzen, Christusstatue, Samtvorhängen und Treppen ins offene Obergeschoß, macht jeder der Spieler gekonnt sein Ding. Wohl auch aus Not, denn irgendwie entsteht der Eindruck, dass die Regie nicht fertig geworden ist. Von der beinahe erzwungenen Zerstörung eines bürgerlichen Hauses durch einen Intriganten ist in dieser kühlen Aufführung wenig zu spüren.

 

Das Herzstück: Johanna Wokalek

Wie also geht das Schaulaufen aus, das fein besetzt ist, mit Charakteren wie Philipp Hauß als Schwager Cléante, Peter Knaack als unbeherrschtem Sohn Damis, Adina Vetter als liebreizender Tochter Marianne und Michael König als wackerem Polizisten?

Bestnoten erhält Johanna Wokalek. Sie spielt Elmire, Ehefrau des beinahe gehörnten und beinahe um sein Vermögen gebrachten Orgon, der hier von Gert Voss wie ein abgekämpfter Unternehmer gegeben wird. Wokalek ist das Herzstück, ihr gelingt es famos, die Verstörung zu zeigen, in die eine Ehefrau gerät, deren Mann ein Idiot und dessen angeblich integrer Vertrauter ein Schwein ist. Elmire will Haltung bewahren. Das geschieht hier in großer Natürlichkeit.

Platz zwei für Voss: Sein Gesicht, seine Stimme, seine Gesten passen genau, wenn er gekonnt zwischen Tragödie und Farce balanciert. Allerdings wirkt sein einmaliger Stil manchmal zu routiniert, deshalb gibt es leichte Abzüge. Platz drei geht an Edith Clever, es ist der Sonderpreis für eine bizarre Show in einem Maskenspiel, in dem jeder jeden belauscht. Ihre Dorine ist eher Tischdame denn Dienstmädchen. Selbst wenn sie am Rande herumstreift und kontrolliert die Gegenintrige einleitet, wirkt diese Diva dominant. Sogar Gertraud Jesserer als bigotte Mutter des Orgon. als Pernelle im Rollstuhl, verblasst daneben in ihrer Intensität.

Und der undankbare Vierte? Joachim Meyerhoff als Titelheld: Effektvoll spät tritt Tartuffe, über den zuvor so viel gesprochen wurde, erstmals im dritten Akt auf. Zur Steigerung darf er, ehe er vor den roten Vorhang schreitet, einem Buben übers Haar streicheln und ihm eine Hostie verabreichen. Platte Symbolik. Dem trauen wir jetzt alles zu. Meyerhoff macht tatsächlich allerlei Faxen. Er ist Geistlicher, Manager, Hausfreund im Schlafrock, Vieh, wenn er mit der Dame in einen artistischen Sex-Clinch geht, als Treiber und Getriebener zeigt er die Fratze. Da übertreibt er ein bisschen, so wunderbar seine Sottisen auch anzusehen sind.

Manchmal wünscht man sich ganz fromm, Bondy hätte seinen „Tartuffe“ strenger an die Leine genommen, oder man fragt sich bei all der exquisiten Darstellung, ob nicht doch besser Voss den alten Heuchler, sein Widerpart den verblendeten Großbürger gegeben hätte. Das aber sind eitle Gedankenspiele. Bleiben wir bescheiden: Die Geschichte geht doch gut aus. Der König als Deus ex machina bestraft den Bösen und belohnt die Mitläufer. Warum sollte dies nicht auch im richtigen Theater gelten?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.05.2013)

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