Die Unruhe der Nazis bei Thomas Bernhard

Elmar Goerden inszeniert „Vor dem Ruhestand“ manieriert und opfert viel an Musikalität. Nicole Heesters, Sona MacDonald und Michael Mendl erweisen sich jedoch als bemerkenswertes Geschwister-Trio.

FOTOPROBE: 'VOR DEM RUHESTAND' IM THEATER IN DER JOSEFSTADT
FOTOPROBE: 'VOR DEM RUHESTAND' IM THEATER IN DER JOSEFSTADT
FOTOPROBE: 'VOR DEM RUHESTAND' IM THEATER IN DER JOSEFSTADT – APA/HELMUT FOHRINGER

Im finalen dritten Akt von Thomas Bernhards „Vor dem Ruhestand“, als die Feier der zwei ältlichen Schwestern und des vor der Pensionierung stehenden Bruders Höller zu entgleisen droht, hebt dieser angetrunken einen Karabiner und spricht: „Sag es Vera, sag, soll ich sie abknallen?“ Gemeint ist mit dem „sie“ in der 1979 in Stuttgart uraufgeführten „Komödie von deutscher Seele“ eine Deckenlampe. Weil aber in der Inszenierung Elmar Goerdens, die am Donnerstag im Theater in der Josefstadt Premiere hatte, das Bühnenbild aus einem diagonal aufgerissenen Wohnzimmer in L-Form besteht und Rudolf Höller mit seiner Waffe von ganz rechts quer nach oben zielt, weiß der Zuschauer nicht, ob der Schütze den Luster über dem Tisch anvisiert oder die gekrönte Madonna oben im Eck (die in den Bühnenanweisungen Bernhards nicht vorkommt).

Die Jungfrau Maria in einem ewiggestrigen Nazi-Haushalt? Beim Herrn Gerichtspräsidenten, der einst im Zweiten Weltkrieg SS-Offizier und Stellvertretender Lagerleiter war? Seiner Strafe ist er nur entkommen, weil er sich nach dem Krieg zehn Jahre versteckte, bis Gras über die Sache gewachsen war und er seine Karriere fortsetzen konnte.

 

Himmlers Geburtstag als Höhepunkt

Die Szene mit Gewehr, Luster und Madonna ist bezeichnend für Goerdens Stil: Er neigt hier zur Überinterpretation. Der so treffsichere Text wird mit Bildern und Gesten großzügig angereichert. Aber gerade dadurch wird das Drama oft nicht auf den Punkt gebracht, besonders bei den Aktschlüssen. Die irritierende Musik wird dann bedrohlich, theatralischer Wirbel setzt ein. Der Zierrat lenkt ab vom Wesentlichen des Textes, und weil dieser doch recht mutig gekürzt wurde, geht einiges von der Musikalität der Sprache verloren, auch durch den häufig einfließenden Konversationston.

So wird das Stück, das in einem in die Jahre gekommenen Salon mit hässlichen blauen Tapeten spielt, abgemildert, sogar geschwächt – wenig Komödie. Mit seiner gnadenlosen Familienaufstellung hat Thomas Bernhard aber all die Furcht und das Elend des Dritten Reiches, die noch immer nachwirken, irrwitzig zusammengefasst: Im Haus Höller wird jedes Jahr am 7. Oktober der Geburtstag von Heinrich Himmler gefeiert, dem Reichsführer der SS, einem Hauptverantwortlichen für den Holocaust. Mit ihm hatte Höller als Stellvertretender Lagerleiter einmal zu Mittag gegessen, er wurde für die Erledigung seiner Arbeit, die Pflichterfüllung gelobt. Seither ist diese Begegnung offenbar Lebensmittelpunkt für Höller, ist die Geburtstagsfeier das Ereignis, auf das er und seine inzestuöse Schwester Vera hinfiebern, während die andere Schwester, Clara, diesen Abend fürchtet. Dabei ist ihr schon zugemutet worden, dass sie die Jacke eines KZ-Häftlings anziehen musste, dass man ihr die Haare geschoren hat, während Vera Zöpfe trägt und Rudolf seine SS-Uniform. Der Gipfel der Infamie ist das Blättern im alten Fotoalbum und die Kommentare Höllers und Veras dazu: Häusliche Idylle und Nazi-Verbrechen verschwimmen in dieser perversen Rückschau in ein trügerisches Bild.

Trotz der erwähnten Manieriertheit ist diese Inszenierung des inzwischen zum Klassiker gereiften Stückes, das noch in der Zeit der heftigsten innerdeutschen Terror-Debatte entstanden ist, durchaus gelungen. Und das liegt in wesentlichem Maß an der hervorragenden Besetzung. Nicole Heesters vollbringt als dominante, noch 30 Jahre nach dem Krieg der Nazi-Ideologie verhaftete Vera einen Kraftakt. Voll Konzentration, mit großer Ausdrucksfähigkeit zaubert sie diese furchtbaren, enthüllenden Monologe hervor, während sie hingebungsvoll den Talar des Bruders, dann seine Uniform bügelt.

Sona MacDonald hat als Clara weniger Text. Diese Schwester sitzt im Rollstuhl (eine US-Fliegerbombe hat sie in den letzten Kriegstagen erwischt), liest linke Literatur, Zeitungen, sozusagen im Widerstand gegen die Geschwister. MacDonalds Mimik und Gesten sind das Korrektiv zu den Ungeheuerlichkeiten der beiden anderen. Sie spielt diese vorwiegend passive Rolle mit Verve. Auch diese Kontrahentin zeigt manchmal Gefühl für ihre Geschwister, wirbt um sie – das macht den Hass erst glaubwürdig.

 

Verständnis für den bigotten SS-Mann

Ein echter Gewinn für die Josefstadt ist Michael Mendl (bei seinem Theater-Comeback nach vielen Jahren TV- und Kinofilm), selbst wenn er noch leichte Anpassungsprobleme an den Wiener Ton hat, mit dem er konfrontiert wird. Aber er zeigt starke Präsenz, auch durch seine melodiöse Stimme, und verleiht dieser bizarren Kunstfigur (auf Kosten des Dämonischen) menschliche Züge. Dieser Familienmensch soll ein Mörder sein, dessen einziges Mitleid nur sich selbst gilt?

Die Regie zeigt offenbar sehr viel Verständnis für SS-Mann Höller. Es rührt sogar ein wenig, wenn er als müder Richter auftaucht, loslassen will, sich von Vera massieren lässt. Mendl schafft es, seine Figur in verklemmte Aufschneiderei verfallen zu lassen, die von Nostalgie verbrämt wird. Schließlich kommt er dann im letzten Akt doch noch auf Touren, wird zur Bedrohung, wenn er rasend in der Uniform der Massenmörder dem Ende zusteuert. Dabei assistieren ihm die willige und die unwillige Schwester auf raffinierte Art. Dem Trio gelingt Bemerkenswertes.
Nächste Termine: 7., 8., 19., 20., 23. – 27. 9.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.09.2013)

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