Henrik Ibsen auf Tauchstation im Aquarium

Anna Bergmann macht aus dem selten gespielten Stück "Die Frau vom Meer" ein Psychodrama, eine gewagte Umschreibung. Christiane von Poelnitz ist als entgeisterte Protagonistin großartig.

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Die Frau von Mehreren. Psychiatrisch-atavistisch-bigamistisch-metaphysisch-maritimes Ur-Schauspiel in fünf Abteilungen für Unheilbare, nach Henrik Ibsens ,Frau vom Meere‘ für das Neulietzegehrsdorfer Burgtheater frei bearbeitet“, unter diesem Monstertitel erschien zur Zeit Ibsens eine Parodie auf „Die Frau vom Meer“. Eine Dame mit Vergangenheit, die das Meer liebt, verheiratet mit einem Arzt, kann sich von einem Seemann nicht lösen, dem sie sich versprochen hat. Anna Bergmann macht aus der mystischen Vieleck-Geschichte – die Dame hat noch mehr als zwei Verehrer – ein Psychodrama auf den Spuren von Hitchcock oder Ingmar Bergman. Der Schwerpunkt der Geschichte wird dadurch etwas rabiat verschoben von Ibsen, der sich mit Freiheit und freier Wahl befasste, zu einer Psychose mit Todesfolge. Über diesen Ansatz lässt sich streiten, aber die Aufführung im Akademietheater, die seit Samstag zu sehen ist, hat eine hohe Dichte.

Der Beginn vor der grauen Feuermauer lässt einen trüben Abend erwarten. Das Kammerspiel ist dann glücklicherweise auch sehr komisch. Anna Bergmann arbeitet mit Versatzstücken aus der abgründigen Requisitenkiste einer Yasmina Reza oder eines Neil LaBute – auch das neue Gesellschaftsdrama hat schon seine Manierismen, Bekenntnisse im Vollrausch und Beziehungsslapstick. Menschen kommen nicht zusammen, weil sie zusammenkommen wollen, sondern weil die Umstände sie dazu zwingen. Das ist wieder sehr von Ibsen.

Die Besetzung ist großartig. Christiane von Poelnitz spielt die Protagonistin Ellida Wangel, die den Tod ihres Sohnes nicht überwinden kann. Sie hört Stimmen, wird von ihrem überforderten Arztmann (Falk Rockstroh) mit Psychopharmaka vollgestopft, der geheimnisvolle Seemann, dem sie sich versprach, ist die Phantasmagorie ihres gemütskranken Gehirns. Dafür umschwirren die Meerjungfrau mit dem feuerroten Haar, die auch etwas von einer Hexe hat, die sich selbst verzauberte, andere Herren: Tilo Nest spielt den Lehrer Arnholm, er schaut Ibsen verblüffend ähnlich – und weil er bei keiner der Ladys landen kann, geht er im Aquarium auf Tauchstation. Der Maler Lyngstrand (Christoph Luser) kann sich zwischen Mutter, Schwester und Lolita nicht entscheiden. Der hübsche, aber lungenkranke Toy Boy schenkt Ellida Blumen, dann aber wendet er sich doch den knusprigen Töchtern des Arztes aus erster Ehe zu: Bolette (Alexandra Henkel), das Mädchen für alles im chaotischen Patchwork-Haushalt, zieht sich für Lyngstrand aus. Hilde (Jasna Fritzi Bauer), das Kind mit den zweifarbigen Haaren und dem gnadenlosen Blick der Pubertierenden, reizt den Blut spuckenden Jüngling zum Tanzen, als möchte sie endlich einmal einen der Toten, die sie aus dem Fernsehen kennt, live sehen. Ballested (Franz J. Csencsits) schwebt wie ein Gestaltwandler über den Wassern dieser Familientragödie: Er ist wie Lyngstrand Maler, aber auch Tanzlehrer, Entertainer, Fotograf, hat sich als „Zugereister“ im Bezirksstädtchen stotternd „akkli-matisiert“, ein bestens integrierter Einwanderer, undurchschaubar, jederzeit und für alles zu haben und zu Diensten.

 

„What a wonderful world“ ohne Freiheit

Sebastian Pircher und Heiko Schnurpel sind für Video und Sounddesign zuständig. „What a wonderful world“ (Satchmo) umrahmt den Abend, anfangs ist die Originalversion von Louis Armstrong zu hören, am Ende spielt das tote Kind (Maxi Gerstbach) am Klavier und singt. Die betörende Landschaft Norwegens – Fjorde, See, Wald – wird an die Wände des weißen Pavillons (Bühne: Ben Baur) projiziert; auch die Stationen von Ellidas psychischer Störung, das krähende Baby, das Grab, ihre suizidalen Träume auf den Klippen. Wild wirft Ellida die Planken des Bodens im Wohnzimmer durcheinander, auch darunter ist Wasser. Ihr Mann macht sie wieder zu. Er trinkt, schlägt sie, schickt sich am Ende in das Unvermeidliche.

In die private Tragödie der „Frau vom Meer“ packte Ibsen die Ideengeschichte seiner Zeit: Sozialdarwinismus und Repression nach der 1848er-Revolution, seine Desillusionierung, trotz allen Ruhmes, die Wut über das Unverrückbare in den persönlichen wie den politischen Verhältnissen.

Ibsen war 60 Jahre alt, er hatte seinen Weg gemacht vom Nationaldichter zum literarischen Star der Moderne, als das Schauspiel erschien. Den Lockruf der Freiheit hat er nicht vergessen. In Ellida steckt ein Stück des Fabulierers und Welt-Durchstürmers Peer Gynt – und der wütend-todessehnsüchtigen Hedda Gabler. Anna Bergmann hat den Plot auf eine einfache, einleuchtende Story heruntergebrochen, einfallsreich und gut inszeniert. Aber Ibsens Kosmos in seinem vieldeutig schillernden Farbenreichtum erscheint hier wie ein Flaschengeist, eingeschlossen in eine Schnapsflasche.

Auf einen Blick

Henrik Ibsen (1828–1906) entstammte alten norwegischen Familien. Der Vater war Kaufmann, machte Bankrott, wurde zum Alkoholiker. Henrik Ibsen entwickelte sich über radikalen Sozialismus und historische, national-romantische Dramen zum psychologischen Realismus, den er mit Tschechow und Schnitzler prägte. Neben der „Frau vom Meer“ (14. 9., 2.10.) ist im Akademietheater „Gespenster“ (mit Kirsten Dene, Martin Schwab) zu sehen (19. 9., 23. 10.).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.09.2013)

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