Tanzquartier: Kafka vollenden

Geht das? Anne Juren und Roland Rauschmeier zeigen im Tanzquartier ein "Happy End" zu Kafkas "Amerika".

Tanzquartier Kafka vollenden
Tanzquartier Kafka vollenden
Happy End – (c) Roland Rauschmeier

Anne Juren liest Kafka und filtert das Bewegungsmaterial aus dem Text. Roland Rauschmeier betrachtet Kippenberger und nimmt die Installation als Basis für die Bühne. Vier Tänzerinnen und ein Tänzer bewegen sich in "Happy End". Ein Dichter, ein Installationskünstler, beide tot, eine Tänzerin, noch überaus lebendig: Die Kette, die alle drei verbindet, reicht über hundert Jahre. 1911 beginnt Franz Kafka seinen Roman "Amerika" ("Der Verschollene"), doch er wird nie fertig. 80 Jahre später behauptet Martin Kippenberger, ein "Happy End of Franz Kafka s ,Amerika " gefunden zu haben. Das letzte große Werk des Installationskünstlers. 2013 nimmt sich die Tänzerin und Choreografin Anne Juren die beiden Männer vor, holt sie gemeinsam mit einem Tänzer auf ihre weibliche Art wieder auf die Bühne der Gegenwart. Wie Anne Juren auf Franz Kafka gekommen ist, kann die 1978 in Grenoble geborene Künstlerin leicht erklären: "Mein Vater ist Tscheche, und ich habe mich schon immer für Kafka interessiert."

Viel Bewegung im Großraumbüro. Seit zehn Jahren lebt Anne Juren in Wien, da ist Kafka noch nähergerückt. "Anne diskutiert oft: Wie kann ich Text in Bewegung umsetzen, wie kann Text Ausgangsbasis für eine Choreografie sein?", ergänzt Roland Rauschmeier. Der bildende Künstler ist Annes Partner, bei der Arbeit und in der Freizeit. Auch am Kafka-Projekt ist er beteiligt und weil Anne, die mit charmantem Akzent ein melodiöses Deutsch spricht, ihrer Ausdrucksfähigkeit noch nicht ganz traut, ergreift Rauschmeier gern das Wort. Was im Prinzip egal ist, denn die beiden sind sich ohnehin einig und Juren meldet sich, nicht um zu korrigieren, sondern um zu ergänzen. Rauschmeier kann erklären, wie Kippenberger sich zwischen Kafka und Juren drängt: "Meine Aufgabe ist, aus dem bildenden Bereich Dinge zu finden oder vorzuschlagen. Dabei bin ich auf Martin Kippenberger und seine große Installation gestoßen. Der hat sozusagen so lautet die Legende aus einer Bierlaune heraus, als über Kafka diskutiert wurde und einer in die Runde warf Da fehlt das Ende vom Buch , gesagt: Ja gut, dann mach ich s halt . Daraufhin hat er über lange Zeit diese bekannte Installation entwickelt."

Rauschmeier zeigt die Bilder der Installation (Möbelstücke, Diaprojektoren, TV-Monitore samt Arbeiten anderer Künstler auf einem grünen Bodenbelag): ein interessant möbliertes Großraumbüro, an jedem Tisch können zwei Menschen sitzen. Wie bei einem Tennismatch könnte auch ein Aufseher seinen Platz auf dem hohen Stuhl finden. Ob Kippenberger das Buchfragment überhaupt gelesen hat, ist unbekannt. "Das ist ja auch egal, er hat das gemacht und gesagt, dass es das Ende dieses Romans ist." "Und es ist ein glückliches", fügt Juren hinzu. Die Frage, ob nun die Installation nachgebaut werde und sich Anne mit ihren vier Kompagnons darin tanzend bewegen wird, lässt beide die Hände über dem Kopf zusammenschlagen: "Keinesfalls! Kippenberger ist zwar der Ausgangspunkt, aber wir machen ihm ganz bestimmt keine Konkurrenz, indem wir einen Tisch auf die Bühne stellen." Juren geht es um die eigene Übersetzung des Basismaterials: "Das können wir mit Performance und Körpern weiterentwickeln." Kafkas Text haben die beiden gelesen, "55-mal", sagt sie, "im Gegensatz zu Kippenberger".

Sinnliche Konzeptkunst. Sie hat den Text analysiert und sich auf alle Beschreibungen von körperlichen Aktionen konzentriert: "Das bringt schon eine Menge Bewegung in die Performance." Und auch einen Kontrapunkt: Den beiden unterschiedlichen männlichen Charakteren Kafka und Kippenberger und ihren Werken setzt Anne Juren eine Gruppe von drei Frauen und einem Mann entgegen. Kostüme und Bewegungen lassen die Geschlechtszuordnung uneindeutig sein. Kafkas unveränderbare Textzeilen werden in Tanz übersetzt, den starren Objekten Kippenbergers die federnden, dynamischen Körper in Bewegung entgegengesetzt. Was Juren interessiert, ist das Aufeinandertreffen von stabilem Material, wie die Objekte in Kippenbergers Installation, auf bewegliches, wie den tanzenden Körper aus Fleisch und Knochen: "Der Ausgangspunkt ist der gleiche, aber die Zuschauer sehen etwas anderes, wenn sie einen Text oder ein Objekt anschauen oder den Tanz." Nicht von ungefähr haben Anne Juren, die Tänzerin, und Roland Rauschmeier, der Objektkünstler und Bühnenbildner, einander gefunden. Die Praxis freilich fragt nicht nach Verstehen, sondern nach sinnlicher Erfahrung und Genuss. Juren und Rauschmeier gelingt es mit ihrer Gruppe "Wiener Tanz- und Kunstbewegung" immer wieder, graue Theorie in blühende Praxis umzusetzen. In ihren Produktionen wird Malerei zur Choreografie und Choreografie zum Bild. Die Ansätze sind konzeptionell, "doch die Lösung ist physisch und bewegt. Der Körper auf der Bühne!", rückt Juren das oft verschobene Bild von Konzeptkunst ins sinnliche Licht.

TIPP

Tanzquartier. "Die Wiener Tanz-und Kunstbewegung" von Anne Juren und Robert Rauschmeier zeigt am 25. und 26. 10. "Happy End" mit Laia Fabre, Deborah Hazler, Rotraud Kern, David Subal. Kafkas unvollendeter "Amerika"-Roman (1927) über die teils realen, teils fantastischen Irrungen und Verwirrungen des jungen Karl Roßmann soll ein gutes Ende nehmen. www.tqw.com

("Kultur Spezial" am Freitag, 04.10.2013)

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