Dresden: Uraufführung eines Stücks von Erich Kästner

86 Jahre nach Entstehung hatte „Klaus im Schrank oder das verkehrte Weihnachtsfest“ jetzt im Schauspielhaus Dresden Premiere. Bearbeitet und temporeich inszeniert hat es die Österreicherin Susanne Lietzow.

(c) EPA (GEORG HOCHMUTH)

„Zu modern für ein Weihnachtsstück“: Mit dieser Begründung lehnten die Theaterverlage das erste längere Werk von Erich Kästner ab. 1927 geschrieben, tauchte das Kinderstück „Klaus im Schrank“ erst in den Achtzigerjahren im Nachlass von Kästners Sekretärin wieder auf, fand aber jahrelang nicht viel Beachtung. Das Manuskript lagerte im Archiv der Berliner Akademie der Künste.

Nun wurde „Klaus im Schrank“ unter großem Jubel im Schauspielhaus Dresden uraufgeführt. Und wirklich, der darin exerzierte Rollentausch mutet heute noch recht modern an: Ein Bankdirektor und seine lebenslustige Frau müssen unter Aufsicht ihrer mit ihnen ganz und gar nicht zufriedenen Kinder lernen, sich wie brave Eltern zu benehmen. Vor allem haben sie dem Spruch des „Kindergerichts“ zu gehorchen: Sie müssen einander lieben und zusammenbleiben.

Die Versöhnung findet natürlich vor einem gigantischen Weihnachtsbaum statt, so viel Pathos und Romantik mussten sein bei Kästner, dessen typische, nicht nur aus „Emil und die Detektive“ und „Der 35. Mai“ bekannte Melange aus offener Rührseligkeit und schnoddrigem Ton, aus onkelhaftem Pathos und Kritik an der schnöden, fantasielosen „Erwachsenenwelt“ schon dieses frühe Stück prägt. Dass die Großen verlernt haben, kindlich zu sein: Auch dieses Motiv sollte sich durch das weitere Werk Kästners ziehen, der etwa seinen Roman „Drei Männer im Schnee“ programmatisch unter dem Titel „Das lebenslängliche Kind“ dramatisierte.

Originell – und zugleich zeittypisch – wird „Klaus im Schrank“ durch die Technik der Läuterung, der die Eltern unterzogen werden: Ihre unbeholfenen Versuche, sich in die Welt ihrer Kinder zu versetzen, werden verfilmt, genauso wie die umgekehrten Rollenspiele der Kinder. Regie führen Jackie Coogan, Kinderstar in Charlie Chaplins „The Kid“ (1921), und Chaplin selbst, hinreißend originalgetreu verkörpert von Atef Vogel. Dieses Schauspiel findet in einer Traumfabrik statt; deren Pforte ist der Schrank, in den Klaus und seine Schwester Kläre wandern.

Susanne Lietzow, die das Stück bearbeitet und inszeniert hat, hat aber einen kongenialen Schluss dazu erfunden: Klaus bekommt zu Weihnachten eine Kamera, mit der er das Happy End filmt, mit allen Tollpatschigkeiten, die es bringt. Im rasanten Video, das am Schluss läuft, verschmilzt so die Lächerlichkeit schön mit der Rührung, dass sie diese potenziert. Spätestens hier zieht das Publikum kollektiv die Taschentücher . . .

Die Frau Direktor hat einen Lover

Es ist nicht die einzige Adaption, die die gebürtige Tirolerin Lietzow vorgenommen hat: Sie gönnt der Bankdirektorsgattin ein schlampiges Verhältnis mit einem über die Maßen in sich selbst verliebten Beau, sie gesellt dem kinderlieben Freund der Familie am Ende ein Fräulein Elfriede zu, sie lässt einen Hundemenschen (oder Menschenhund?) durch die Szenerie tollen und tanzen. Ja, getanzt und gesungen wird viel, Breakdance und Cabaret, Punk und Tango, dass diese eklektische Mischung funktioniert, ist ein wahres Wunder, es liegt wohl auch an den fantastischen Schauspielern und ihrer Führung.

Ja, es ist viel Klamauk und Slapstick in Lietzows Inszenierung, aber nie zu viel; das skurrile, mit allen Kunststücken der Bühnentechnik verstärkte Wunderland, in das sie Kästners Märchen stellt, dient auch dazu, dessen dick aufgetragene Moral zu verdünnen und damit erträglich zu machen. Dass der Vater nach Kästners Anleitung auf einem „elektrischen Stuhl“ landet, erspart sie ihm und dem Publikum. Dieses verließ das Theater amüsiert und bewegt, und so mancher wird wohl noch lange vor sich hin geträllert haben: „In der Bar zum Krokodil . . .“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.11.2013)

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