Altmeister des Kabaretts: Dieter Hildebrandt ist tot

Jahrzehntelang war er ein scharfer Beobachter der Gesellschaft in Deutschland. Dieter Hildebrandt starb mit 86 Jahren.

(c) Wikipedia

Der Humor ist ihm bis zuletzt geblieben: „Ich muss mal . . . zur Reparatur!“, stand bis Mittwoch auf der Homepage Dieter Hildebrandts in der Sprechblase einer Karikatur, die den berühmten Kabarettisten im Schlafanzug und mit brennender Kerze zeigt. Er weist auf eine Klinik hin. Der letzte seiner Texte auf der Webseite beginnt so: „Beim Überfliegen der vorgemerkten Tagestätigkeiten stockte ich: Bank / Notar / Urologe / Friedhof. / Es erschien mir zu folgerichtig.“

Erst am Dienstag hatte das Boulevardblatt „tz“ in Hildebrandts Wahlheimat München gemeldet, dass er an Prostatakrebs erkrankt sei. Bis im Frühsommer war er auf der Bühne gestanden. Dann kam die Diagnose, es folgten Aufenthalte im Krankenhaus, mehrere Operationen. „Ich werde kämpfen bis zum Schluss“, sagte er dem Arzt. Am Mittwoch bestätigte seine Familie das Ableben des scharfzüngigen TV- und Bühnenstars.

Von Bunzlau nach München

Hildebrandt wurde am 23. Mai 1927 im damals niederschlesischen, heute polnischen Bunzlau geboren. Im letzten Kriegsjahr diente er als Flakhelfer, geriet in amerikanische Gefangenschaft. Anschließend ging er nach Bayern, studierte Theater, Literatur und Kunst – ohne Abschluss, denn schon als Student zog es ihn zum Kabarett. Mit dem Reporter Sammy Drechsel gründete er 1956 die legendäre „Münchner Lach- und Schießgesellschaft“, die auch im Rundfunk lief. Mit „Notizen aus der Provinz“ (1973 bis 1979 im ZDF) wuchs der Ruhm. Fruchtbar war auch die Zusammenarbeit mit dem Österreicher Werner Schneyder. Die Livesendung „Scheibenwischer“ in der ARD machte Hildebrandt ab 1980 zu einer Institution. Eine seiner bekanntesten Rollen jenseits des Kabaretts war die des Herbie Fried in der Serie „Kir Royal“.

Nach 145 Sendungen war Schluss beim „Scheibenwischer“. Nach der Abschiedsgala für den Altmeister 2003 in Berlin schwärmte sogar die „FAZ“ von dessen großer Kunst des Haspelns, Stotterns und Schlingens. Hildebrandt stand politisch der SPD nahe, suchte kopflastig und durchaus scharf die Kontroverse mit allem, was rechts davon stand. Da entflammte seine Spottlust. Vor allem aber erregten ihn Borniertheit und soziale Ungerechtigkeit. Für solche deutsche Kleinkunst erhielt er Dutzende von Auszeichnungen. Er hatte bei all seinen Spitzen Sendungsbewusstsein und prägte so den Humor der Bundesrepublik. (norb)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.11.2013)

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