„Wunschloses Unglück“, fast so schön wie Kino

Katie Mitchell setzte Peter Handkes 42 Jahre altes Kunstwerk über den Tod seiner Mutter multimedial im Burgtheater im Kasino um. Der große Aufwand bewirkte zugleich aber eine Engführung. Die stummen Schauspieler leisteten Beachtliches.

Wunschloses Unglück, Burgtheater im Kasino, Peter Handke
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Wunschloses Unglück, Burgtheater im Kasino, Peter Handke
„Sie nahm ihr Geheimnis mit ins Grab!“, heißt es bei Handke. Dorothee Hartinger als tote Mutter, Daniel Sträßer als ihr trauernder Sohn. – (c) APA/HERBERT NEUBAUER (HERBERT NEUBAUER)

Peter Handkes 1972 veröffentlichte Erzählung „Wunschloses Unglück“, die dem Freitod seiner Mutter Maria im November 1971 mit ungeheurer Präzision und ohne falsche Sentimentalität  nachgeht, endet mit dem hoffnungsvollen Satz: „Später werde ich über das alles Genaueres schreiben.“ Seine Familiengeschichte hat er inzwischen dramatisch und in Prosa tatsächlich fortgesetzt, aber wer das Genauere bei der Bewältigung des Todes der Mutter auf einer anderen, dinglichen Ebene schätzt, für den hat die englische Regisseurin Katie Mitchell eine von Duncan Macmillan verfasste Bühnenversion der Erzählung inszeniert, die bilderreich das Außergewöhnliche  an Handke verdeutlicht. Die Premiere im Kasino des Burgtheaters am Schwarzenbergplatz wurde am Sonntag nach eineinhalb Stunden Spielzeit heftig und ausdauernd beklatscht.

Wie also hat Mitchell den dichten Text, der ursprünglich „Interesseloses Entsetzen“ als Titel haben sollte, ins Darstellerische übersetzt? Sie beschränkt sich einerseits auf wenige Momente – die Vorbereitung zum Tod, die Anreise des Sohnes, seine Spurensuche. Andrerseits weitet sie Szenen ins Monumentale. Das Buch wird zum Drama der allmählichen Verfertigung eines Dokumentarfilms. Diese Erweiterung ist zugleich eine Engführung, die Regie neigt neben dem Plakativen sogar zum Pathos. Für Puristen der Prosa Handkes kann das irritierend sein.

Live-Kameras beim Sterben

Die Hauptdarsteller (Dorothee Hartinger als Mutter Maria, Liliane Amuat als deren Tochter Monika, Daniel Sträßer als Marias Sohn Peter) schweigen. In einem Nebenraum links befinden sich die Sprecher (Petra Morzé und Peter Knaack). Auf der Bühne bewegt sich eine Crew, die mit Live-Kameras hunderte Einstellungen generiert. Auch die Darsteller helfen manchmal mit beim Dreh. Der stimmig mit Musik unterlegte Film wird simultan gezeigt – schwarz-weiß, wenn es um das Sterben der Mutter geht, in Farbe bei den Kindern, dem Schwiegersohn (Laurence Rupp), dem Pfarrer (Robert Reinagl). Die von Lizzie Clachan geschaffene Bühne ist oben eine breite Leinwand, unten ist sie der Nachbau des Hauses der Mutter. Im Detail sind Küche, Schlaf-, Wohnzimmer und diverse Räume den frühen Siebzigerjahren nachempfunden. Sogar ein Hotelzimmer, in das der Sohn einmal flüchtet, muss sich irgendwo im Hintergrund befinden. Der Zuseher kann das nur aus der Betrachtung des Filmes vermuten, denn meist sieht man vorn an der Rampe nur die Fassade des Hauses, die zuweilen partiell für Blicke in Innenräume hochfährt. Das ist sehr viel Aufwand für Handkes schlanke Prosa. Es nötigt aber großen Respekt ab, wie mühelos Szenen sich ineinander fügen, wie konzentriert die Darsteller agieren.

Hartinger etwa vermag es, dieses meistens wunschlose und ein bisschen unglückliche Frauenleben auf dem Lande in all der Tragik zu zeigen, indem sie sich wortlos auf den Tod vorbereitet. Eine letzte Zigarette in der Küche, dann wird der Aschenbecher ausgewaschen, der Cocktail mit Dutzenden Tabletten ins Schlafzimmer genommen. Dort zieht sie sich eine Unterhose mit Windeln an, zieht eine zweite darüber und eine dritte, bindet sich mit einem zusammengefalteten Tuch den Unterkiefer fest, trinkt das Glas aus, schenkt nach, faltet die Hände und stirbt.

Fotoschnipsel aus finsterer Zeit

Der Sohn, von Sträßer proper als Exempel der damaligen Jugend- und Popkultur gespielt, öffnet in seiner Wohnung den Abschiedsbrief, er liest das Testament und ergreift ein winziges, grob gerastertes Foto seiner Mutter. Man sieht ihn im Flugzeug und bei der Ankunft in Kärnten, wo ihn die Schwester empfängt. Stumm gehen sie miteinander um und mit ihrer Trauer. Immer wieder kreisen die Szenen um den Freitod, Rituale, die Erinnerungsversuche der Kinder. Eine der intensivsten: Der Sohn sucht nach dem Foto, aus dem das Gesicht der Mutter geschnitten wurde. Er findet es schließlich versteckt in einem Bilderrahmen mit anderen Fotoschnipseln. Zusammengefügt sieht man, wie die Mutter bei der Ankunft Adolf Hitlers in Kärnten nach dem Anschluss fröhlich die Hand zum Führer-Gruß hebt.

Damals konnte sich diese Frau paradoxerweise ein wenig befreien aus der dörflichen Enge, um vom Geliebten mit dem unehelichen Sohn zurückgelassen zu werden, um einen anderen Mann zu heiraten, den sie nicht wollte. Bei Mitchell wird die Suche nach dem Geheimnis der Mutter symbolisch überhöht. Das bringt Dramatik, simplifiziert aber zugleich die Vorlage. Den schönsten V-Effekt gibt es jedoch am Anfang. Auf der Leinwand sieht man den Schluss einer Folge der beliebte TV-Serie „Wenn der Vater mit dem Sohne“. Man hört nur eine Frage: „Papa?“ Und sieht den Subtitel: „Happy End“. Genaueres erfährt man darüber nicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.02.2014)

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