Ein luxuriöser "Besuch der alten Dame"

Friedrich Dürrenmatts Stück als Musical, teils gelungen, teils hohl, vor allem prächtig. Ex-Elisabeth Pia Douwes als Claire wirkt zu maskenhaft. Uwe Kröger beeindruckt als gejagter AlfredIll.

(c) APA/HERBERT PFARRHOFER (HERBERT PFARRHOFER)

Sie kommt mit dem Hubschrauber – und fliegt mit diesem auch wieder ab: Claire Zachanassian, vielleicht die berühmteste böse Theatermilliardärin der Welt, wütet seit Mittwochabend im Wiener Ronacher. Friedrich Dürrenmatts Tragikomödie „Der Besuch der alten Dame“, 1956 in Zürich mit Therese Giese in der Hauptrolle uraufgeführt, wurde oft gespielt, auch verfilmt, zuletzt sehr heutig von Nikolaus Leytner mit der grandiosen Christiane Hörbiger.

Für die Hauptrollen der Musical-Version wählten die Vereinigten Bühnen Wien (VBW) ein Traumpaar aus früherer Zeit: Pia Douwes und Uwe Kröger sorgten als Kaiserin und Tod im Musical „Elisabeth“ für einen Longseller. Im „Besuch der alten Dame“ spielt Kröger den Greißler Alfred Ill, er ist exzellent und empfiehlt sich als Charakterdarsteller. Weniger klar ist der Eindruck, den man von Pia Douwes als Claire gewinnt. Einiges vom herrischen, eigenwilligen Wesen der Kaiserin Elisabeth übertrug sie auf ihre Claire. Sie hat immer wieder starke Momente, wirkt aber zu starr, überdekoriert und irritiert durch scharfe Töne in der Höhe.

Interessant ist die Idee, dass Claire und Alfred sich, deutlicher als bei Dürrenmatt, beinahe wieder ineinander verlieben und Claire nur mit Mühe ihren Plan verwirklichen kann, ihren einstigen Liebhaber, der sie sitzen ließ, von den Dorfbewohnern töten zu lassen. Ein Happy End, das wäre was, aber da gäbe es wohl urheberrechtliche Probleme.

 

Wann kommt beim Musical was Neues?

Andreas Gergen, Operndirektor am Salzburger Landestheater, früher Partner von Musical-Intendant Christian Struppeck in einer Musical-Entwicklungsfirma, hat inszeniert, Struppeck schrieb das Buch. Bei den Festspielen am schweizerischen Thunersee war die „Dame“ bereits im Vorjahr zu sehen. Man fragt sich, warum die VBW, die alle Ressourcen und genug Geld haben, nicht einmal etwas wirklich Neues entwickeln, umso mehr, als sie sich im Programmheft zur „Dame“ rühmen, ihre Aufführungen in 18 Länder zu exportieren. Da wäre doch bestimmt auch einmal origineller Stoff gefragt.

Insgesamt sind die VBW-Musicals einander sehr ähnlich, ästhetisch wie musikalisch. Da ist die „alte Dame“ keine Ausnahme. Abseits der Liebesszenen des Paares und eines köstlichen Auftritts dreier Gangster („Trio Infernal“) bleibt die Produktion im Mainstream des Melodrams. Erfreulich sind allerdings die Präzision und ein gewisser „Zund“ an dem Spektakel – nicht nur im Orchestergraben, wo Dirigent Koen Schoots mit einem Hang zur Lautstärke waltet, sondern auch in den Tanz- und Ensembleszenen. Hier wurde handwerklich intensiv gearbeitet, eine kräftige Drehung mehr als sonst – wie es scheint.

Auch die Besetzung ist nahezu durchwegs gut, etwa Ethan Freeman als Lehrer, Hans Neblung als Bürgermeister, Masha Karell als Mathilde, Ills Frau. Dürrenmatts Dorf wird zur neonblinkenden Kleinstadt, deren Bewohner den Grauschleier der Wirtschaftskrise abstreifen, hochhackige Schuhe, kurze Röcke oder schicke Sportbekleidung anlegen und sich aufmachen zu Prada, Kaviar, in die Spaß- und die Konsumwelt – auf Kredit natürlich. Denn die Milliardärin hat ja versprochen, alles zu bezahlen, sobald Ill ins Jenseits geschafft wurde. Der Neureichtum blitzt im Bühnenbild. In ihrem eleganten Designerbüro sieht man Claire telefonisch ihre Milliarden zwischen Mafia und Industrie hin- und herschieben. So plastisch und wohl auch aktuell (mit einer Anspielung auf die Hypo Alpe Adria) waren die geschäftlichen Transaktionen der „alten Dame“ noch selten. Eine heimliche Hauptrolle spielt ihr Panther, er knurrt aus seiner Kiste, liegt später erschossen auf der Szene – und prangt mit glühenden Augen auf dem Vorhang.

Hübsch ist die Idee, das junge Liebespaar Claire und Ill parallel zu den beiden Alten auftreten zu lassen mitsamt ihrer nicht verwirklichten Kleinfamilien-Idylle. Doch gibt es auch einigen Leerlauf mit pseudogruseligen Gesellschaftsszenen, die an „Tanz der Vampire“ erinnern und hohl vor sich hin klingeln. Kürzungen hätten nicht geschadet. Es gibt so großartigen deutschen Pop, großartige Videos und Texte. Hier ist von dieser Poesie nichts zu bemerken. „Liebe ist Magie, nichts ist stark wie sie.“ Au weh! Ob Songs wie „Weißt du noch?“ das Zeug zum Evergreen haben, muss bezweifelt werden.

Doch gibt es auch Sequenzen in den wogenden Klangwelten der Komponisten Moritz Schneider und Michael Reed, die zwischen rockigen und opernhaften Weisen wechseln, die erfreuen. Wird das ein Event für die ganze Familie? Meine 18-jährige Tochter sagt: Warum nicht? Insgesamt: mehr exakt als gut, doch opulent, ansehnlich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.02.2014)

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