Akademietheater: Sexfantasien alter Herren

Jan Lauwers versucht "Begin the Beguine" von John Cassavetes zum Leben zu erwecken. Doch diese Textleiche bleibt kalt.

(c) APA/HERBERT NEUBAUER (HERBERT NEUBAUER)

Zum Arbeitsleid professioneller Barkeeper gehört es, sich die Lebensbeichte betrunkener Männer anzuhören. Noch erbärmlicher kann es sogar werden, wenn diese Wracks mit geduldigen Huren über Liebe reden. Wer zum Masochismus neigt und beide Situationen kombiniert auf der Bühne ausgewalzt erleben will, sollte sich „Begin the Beguine“ nicht entgehen lassen, das am Samstag im Wiener Akademietheater uraufgeführt wurde. Eine Macho-Mühsal!

Man könnte das Unangenehme mit dem Triebhaften verbinden, den Abend an einer Bar beginnen, 105 Minuten bei dem nach einem Song von Cole Porter benannten Drama eine Rast einlegen und danach zur Vertiefung in den Gegenstand eine sexuelle Hilfskraft mieten. Vielleicht fühlt sich der Konsument dann ganz dem Weltschmerz nah, der den US-Regisseur John Cassavetes offenbar kurz vor dessen Ableben 1989 beim Verfassen dieses Dreiakters bewegte.

 

Ein Stück für Falk und Gazzara

Das Stück hat Cassavetes laut Programmheft seinen „Lebensschauspielern“ Ben Gazzara und Peter Falk „auf den Leib geschrieben“. Zur Aufführung kam es aber nie. Dazu bedurfte es des belgischen Künstlers Jan Lauwers, der dieses Projekt als „Artist in Residence“ des Burgtheaters mit zwei Darstellerinnen seiner vielsprachigen, internationalen Performance-Gruppe Needcompany sowie zwei Schauspielern des Burgtheater-Ensembles verwirklicht und inszeniert hat.

Lauwers hätte gewarnt sein müssen. Es hat meist Gründe, dass ein Text mehr als ein Vierteljahrhundert liegen bleibt. Im Programmheft wird der Vergleich mit Samuel Becketts „Warten auf Godot“ gewagt. Wie, bitte? Bei Cassavetes reicht es nur für müde Altherrenfantasien. Zudem nähert sich der Regisseur dem Gegenstand seiner Verehrung mit allzu viel Respekt. Das ergibt dann eben auch Kitsch. Symbol dafür ist ein großer Screen, der schon zu Beginn und dann im Finale Falk, Gazzara und Cassavetes als fröhliches Trio zeigt. Ach, wie schön wäre es doch, wieder jung und triebhaft zu sein!

 

In Tief- und Stumpfsinn vereint

Es bleibt aber nur die Sehnsucht nach der großen Freiheit. Womit mühen sich Falk Rockstroh (Gito) und Oliver Stokowski (Morris) ab? Sie geben zwei frustrierte reife Männer, die gemeinsam eine Wohnung am Meer bezogen haben, im Dialog vereint, im Tief- wie im Stumpfsinn. Per Telefon bestellen sie in rascher Folge Prostituierte.

Auch die sind fast immer präsent. Auf der Bühne stehen rechts hinten Schminktische, die Damen werden beim Herrichten und Umkleiden von einer Kamerafrau mit Mickey-Mouse-Ohren gefilmt. Diese Szenen sieht man auf dem Screen in der Mitte. Die Bühne ist sparsam im Stil der Siebzigerjahre gestaltet. Die beiden Herren trinken und philosophieren naiv wie in den Roaring Sixties. Die vielen Frauen werden reizend bis aufreizend von Inge Van Bruystegem und Sung-Im Her gespielt, mit wechselndem Erfolg. Erstere wirkt erfrischend und auch komödiantisch. Sung-Im Her hingegen kennt nur eine Tonlage. Sie schreit den Text auf Englisch heraus. Zwar zeigt sie gelenkig ihren nackten Körper, brilliert sogar beim Tanz und in einer Szene, in der sie sich infantil gibt, doch ihre Seele entblößt sie nicht.

 

Laue Betriebstemperatur

Mit Innenleben mühen sich Rockstroh und Stokowski in zum Teil platten Texten ab. Nur selten blitzt Tragisches auf, etwa im versehentlichen Telefonat mit einem Kind. Gito ist ein skurriler Dandy, der im Selbstmitleid zerfließt und dabei manchmal sogar witzig erscheint. Stokowski wendet als Morris all seinen Reichtum an Mimik und Gestik auf, um das Stück in Schwung zu halten. Er spricht gelegentlich sogar das Publikum an.

In diesen Momenten fühlt man sich fast wie ein Barkeeper, ausgesetzt auf den Müllhalden des Herzens. Mann! Dieses Duo hat sich die Begleitung doch nur kommen lassen, um etwas Wärme zu spüren, so wie man dem greisen König David die liebe Jungfrau Abischag als eine Art Wärmeflasche ins Bett legte. Doch bei der Premiere wird die Betriebstemperatur höchstens lau, sie lässt einen leider auch kalt.

Nächste Termine im Akademietheater am 9., 10. und 29. März.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.03.2014)

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