Die Bühne als Therapie: Das Leben der Sexkabarettistin

Die Vorarlbergerin Barbara Balldini bewegt mit ihrem Sexkabarett. Hinter ihrem Erfolg steht eine bemerkenswerte Lebensgeschichte. Sie wollte, sagt Barbara Balldini, ja nur einen Vortrag halten.

(c) balldini.com

Sie wollte, sagt Barbara Balldini, ja nur einen Vortrag halten. Um mit den Mythen aufzuräumen – wie jenem, Pornografie sei echt. Im Anschluss gratulierte man der Sexualpädagogin zum gelungenen Kabarett. Balldini war verblüfft. Und füllt seither mit ihrem unbefangenen Vorarlbergerisch einen Veranstaltungsort nach dem anderen. Dass sie lustig ist, verbreitet sich über Mundpropaganda, inzwischen gehört sie, an den Besucherzahlen gemessen, zu Österreichs erfolgreichsten Kabarettisten.

Dass man sie, außerhalb ihres Publikums, trotzdem nicht kennt, amüsiert die 50-Jährige, die Dinge sagt wie „Schätzle“ oder dass die Sonne „in Strömen scheint“. Nur mit dem vielen Applaus, mit dem kann sie auch nach sieben Jahren noch nicht umgehen. Bei mehr als 20 Sekunden kämen ihr die Tränen, sagt sie beim Gespräch im Wiener Café Westend. „Schau, sogar jetzt, wenn ich daran denk.“

Altlasten seien das, sagt sie. Lange sei die Bühne für sie „Therapie gewesen, für jemanden, dem man jahrelang erzählt hat, er sollte nicht auf der Welt sein“. Zeitlebens hatte ihr die dominante, altnationalsozialistische Großmutter väterlicherseits vorgeworfen, dass ihre Mutter mit den 5000 Schilling für die Abtreibung einkaufen ging, schreibt sie in ihrer Biografie. „Am Ende“, sagt Balldini trocken, „hab ich ihr das Geld zurückgezahlt.“

Die Mutter selbst war Prostituierte und Hochstaplerin gewesen; im Alter von sechs Wochen gab man Balldini im Kloster ab. Dort fürchtete sie sich zwar vor der „Hand des Teufels“, die ungehorsame Kinder holt. Noch heute denkt sie, wenn sie in ihrem Wochenendhaus im Waldviertel aufwacht, an diese Hand. Trotzdem – „es war mein Dahoam“, sagt sie und zeigt ein Foto, vor Kurzem aufgenommen, das sie lachend mit zwei Schwestern zeigt.

 

Sadistische Stiefmutter

Das Schreckliche, das seien damals die Wochenenden zu Hause gewesen, beim Offiziersvater und dessen sadistischer neuer Frau. „Da hab ich nicht gewusst, ob ich das überlebe“, sagt sie wie beiläufig und meint es wörtlich. Irgendwann begannen die Klosterfrauen, das grün und blau geprügelte Mädchen zu decken, Ausreden zu erfinden. „Da hat sie mich am Boden liegend an den Zöpfen rausgezerrt.“ Es ist eine der harmloseren Episoden.

Nur einmal habe ihr Vater, sonst hinter der Zeitung versteckt, für sie Partei ergriffen, erzählt Balldini. „Da hat sie das heiße Bügeleisen nach ihm geschmissen.“ Es ist etwas, das sie oft bei Männern beobachtet, „wie sehr sie sich von Frauen unterdrücken lassen“. Einmal habe sie in ihrer Zeitungskolumne über diese Opfermänner geschrieben. „Da habe ich drei Monate lang böse Briefe von Emanzen bekommen.“

„Tausendmal schlimmer als die Kindheit“ (inklusive „Onkel Fritz“, der sie missbraucht) sei aber etwas anderes gewesen: Als Balldini mit 20 schwanger wird, zwei Kinder bekommt – und die überschwängliche Liebe ihres Partners nicht erträgt. Weil er derjenige ist, der „ein Puppenhaus mit fließendem Wasser baut“, der Sicherheit und Ruhe bietet, lässt sie die Kinder nach der Trennung bei ihm. Daran kiefelt sie noch heute. Ganz abgesehen von der Tatsache, dass sie zur öffentlich geächteten Rabenmutter wird. Trotzdem: Alle (mittlerweile) drei Kinder stünden heute „wie ein Felsen hinter mir“. Acht Jahre Therapie haben Wirkung gezeigt, ebenso ihre Hinwendung zum Buddhismus. „Das verändert die Sicht auf die Vergangenheit. Man übernimmt die Verantwortung für sich.“

Beruflich war Balldini Buchhändlerin, Elefantenpflegerin im Zirkus, Aussteigerin im Waldviertel. Als Sozial- und Berufspädagogin entdeckt sie ihr Beratungstalent. Sie coacht Arbeitssuchende und Unternehmer. Später, als Sexualpädagogin, eröffnet sie in Vorarlberg („teils prüde, teils Sodom und Gomorrha, und unglaubliche viele Hausfrauen arbeiten als Prostituierte“) ein eigenes Institut. Zwei Jahre lang war es, wegen der Trennung von ihrem langjährigen Gefährten, geschlossen. Jetzt sind sie wieder zusammen, am 1.April sperrt sie wieder auf. Unterdessen ist sie mit ihrem dritten Programm voll Lebensfreude auf Tournee. „Ich wäre“, sagt sie, „heute nicht die Balldini, hätte ich diese Geschichte nicht.“

ZUR PERSON

Barbara Balldini (50) ist Wirtschafts- und Organisationstrainerin, Sexualpädagogin, Autorin und seit 2007 Kabarettistin. Sie pendelt zwischen Wien, dem Waldviertel und Vorarlberg. Am Montag und Dienstag spielt sie im Wiener Orpheum ihr drittes Vortragskabarett: „Balldini kommt.“ Beide Abende sind ausverkauft. Weitere Wien-Termine: 28.und 29. April, 10. Mai, 16. und 17. Juni.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.03.2014)

Kommentar zu Artikel:

Die Bühne als Therapie: Das Leben der Sexkabarettistin

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen