Julia Stemberger: Wie eine Löwin in Sarajewo 1914

Im Theater in der Josefstadt spielt Julia Stemberger ab 3. 4. in "Die Schüsse von Sarajevo" eine Serbin. Im Interview spricht sie über die Katastrophe des Kriegs und neue Gefahren.

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Julia Stemberger – Theresa Zötl/www.detailsinn.at

Sie spielen in „Die Schüsse von Sarajevo“ Marija Begovic, die serbische Freundin des Untersuchungsrichters Leo Pfeffer, der die Mörder von Kronprinz Franz Ferdinand 1914 verhört. Haben Sie Empathie zu ihr?

Julia Stemberger: Selbstverständlich. Ich kann gar keine Figur spielen, zu der ich nicht irgendwie einen Zugang finde, und kann völlig verstehen, dass besetzte Gebiete darauf drängen, die Besatzer rauszuhauen. Den Wunsch nach Selbstbestimmung verstehe ich sehr gut. Diese Kraft hat sich bei den Serben in Jahrhunderten der Unterdrückung aufgebaut. Es ist stets gefährlich, Menschen die Würde zu nehmen. Aber es sind eben nicht alle Mittel zu rechtfertigen. Marija hat ein Kind, das von den österreichischen Behörden gefangen genommen wird. Wie eine Löwin setzt sie sich für diesen Sohn ein und gerät dadurch in einen fast nicht vorstellbaren Konflikt. Sie liebt ihn und hat auch ein moralisches Empfinden in dieser Situation. Die Geschichte verdichtet sich für sie enorm. Ich weiß nicht, ob ich so konsequent handeln würde.

Darf man verraten, dass es sich auch um eine Liebesgeschichte handelt?

Die Geschichte beginnt mit einer glücklichen Beziehung. Die aber gerät mitten hinein in diese serbisch-österreichische Auseinandersetzung, die aus der Geschichte bekannt ist. Wie ein Beil fällt sie dazwischen, nationalistische Konflikte beherrschen das Geschehen. Die zu deuten, fällt heute noch schwer. Was die Hintergründe des Attentats wirklich waren, kann man nicht restlos klären. Berufene Historiker sind sehr vorsichtig in ihren Aussagen dazu. Wir aber erzählen hoffentlich mehr von der persönlichen Geschichte. Ich habe mir jetzt „Die Schlafwandler“ von Christopher Clark angeeignet. Schon im Vorwort mahnt er zur Vorsicht, vor allem bei der Schuldfrage. Die Vorgeschichte zu Serbien ist unglaublich dramatisch. Durch die Beschäftigung mit dem historischen Stoff tun sich für mich die Landkarten neu auf. Ich bin auf den Geschmack gekommen.

Dem Drama liegt ein Roman von Milo Dor zugrunde: „Der letzte Sonntag“. Haben Sie diesen aus Serbien stammenden Autor, der 2005 gestorben ist, noch kennengelernt?

Nein, aber seinen Sohn Milan Dor, der mit Stephan Lack die Dramatisierung von „Die Schüsse von Sarajevo“ gemacht hat. Den Roman habe ich nicht gelesen, mir waren neben dem Stoff die historischen Hintergründe wichtig. Wir haben über meine Rolle geredet. Da haben wir in größerer Runde beim Besprechen bemerkt, wie viele Vorurteile gegen Serben es noch immer bei uns gibt. Ich konnte mir von diesem Land noch kein eigenes Bild machen.

Wie sieht es mit nationalen Konflikten heute aus? Was sagen Sie zur Situation in der Ukraine? Gibt es da Parallelen zu 1914?

In vieler Hinsicht. Ich merke an mir selbst, wie ich meine Meinung zur Krise um die Krim ständig adaptieren muss. Zuerst dachte ich, wie frech es sei, dass der russische Präsident Wladimir Putin Soldaten in diese autonome Region der Ukraine schickt. Dann aber sieht man, wie bei diesem übereilten Referendum 96 Prozent für die Abspaltung stimmen. Das muss man doch auch bei aller Vorsicht in der Bewertung dieser Abstimmung in Betracht ziehen. Kommen wir zu unserem Stück von 1914: Jemand wie der österreichische Untersuchungsrichter Leo Pfeffer versucht sich anhand von Beweisen in einer Indizienkette klar darüber zu werden, was wirklich passiert ist. Er ist aber von Leuten umgeben, die bloß Interessen durchsetzen wollen, während er ein zutiefst aufrechter Mensch bleibt. Wenn man die Wahrheit verstehen will, muss man sich mit der Bildung eines Urteils länger Zeit nehmen. Selbst Pfeffer lässt jedoch dann wegen der Liebe fünf gerade sein.

Sie spielen das erste Mal im Theater in der Josefstadt. In den Jahren zuvor waren sie bei den Festspielen Reichenau. Aber lange Zeit haben Sie den Film bevorzugt. Warum?

Es war nicht so, dass ich mich in den Neunzigerjahren willentlich entschieden habe, nicht mehr Theater zu spielen, manche Dinge haben eben eine Eigendynamik. In den ersten zehn Jahren meines Berufes ab 1984 war das Verhältnis zwischen Film und Theater bei mir ausgewogen. Ich habe bei den Salzburger Festspielen mit Jürgen Flimm und Peter Stein gearbeitet, ich war am Burgtheater. Ab „Der Schattenmann“ aber gab es fast nur Drehs. Meine erste Erfahrung war eben ein Film. Später war ich wieder in Berlin und Reichenau auf der Bühne. Jetzt freue ich mich wahnsinnig auf die Josefstadt!

Was ist der wesentliche Unterschied in der Vorbereitung auf diese zwei Varianten?

Das hängt ganz von den Leuten ab, mit denen man zusammenarbeitet. Das Schöne am Theater ist das wochenlange Ausprobieren. Beim Filmen musst du gut mit Adrenalin umgehen können. Alles muss sofort stimmen. Ich bereite mich immer so gut wie möglich vor. Wenn ich den Text beherrsche, kann ich mich mit anderen Dingen beschäftigen. Da gibt es keinen Unterschied in der Vorbereitung. Und ich muss in beiden Metiers immer mit den Gedanken und Gefühlen spielen, die die Situation ausmachen. Die Mittel zur Darstellung sind jedoch andere. Was auf der Bühne gut ist, wirkt durch die Kamera oft viel zu groß. Und wenn man vom Film auf die Bühne kommt, muss man sich erst wieder an die höhere Lautstärke gewöhnen.

Angst haben Sie keine?

Als ich meinen ersten Film mit 19 drehte, habe ich mich nur gefreut, da gab es keine Angst. Mit zunehmendem Wissen darüber, was alles schief gehen kann, änderte sich das. Ich bin seit 30 Jahren Schauspielerin. Da lernt man einiges. Zu viel Angst oder Respekt oder zu wenig Lust sind der Sache nicht dienlich. Ich kann besser sein, wenn ich mich wohlfühlen darf. Und man braucht Selbstbewusstsein, wenn man die Hosen runterlassen muss.

Wie sehr haben die aktuellen Vorgänge am Burgtheater Sie berührt, der Skandal?

Es ist eine traurige, beschämende und peinliche Situation gewesen. In der Branche reden alle darüber. Was ich arg finde: Du hast einen Beruf, der dazu beitragen soll, dass die Welt ein bisschen besser wird. Wenn das Theater in dieser Form missbraucht wird, ist das fast noch schmerzhafter als die Machenschaften von Banken. So viel Verrat hat stattgefunden! Ich finde es nun gut, dass zwei Menschen sich bereit erklären, Feuerwehr zu spielen, die das Haus sehr gut kennen. Ich wünsche Karin Bergmann und Hermann Beil viel Kraft. Sie werden die Ärmel aufkrempeln müssen. Auf die Gefahr hin, oberflächlich zu erscheinen, finde ich es wichtig, den Blick nach vorn zu richten. Das ist die Energie, die wir auf dieser Welt brauchen.

 

Steckbrief

29. Jänner 1965
Julia Stemberger wird in Wien geboren, als Tochter der Sängerin Christa Schwertsik und des Mediziners Heinrich Stemberger.

1984
Mit 19 erhält sie in ihrem ersten Film die Hauptrolle: „Herzklopfen“. Rasante Bühnenkarriere, Zusammenarbeit mit Tabori, Flimm, Zadek und Stein. In den Neunzigerjahren verlegt sie sich stärker auf den Film. 1996 mit der Romy, 1997 mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet.

2008
Hauptdarstellerin in der TV-Serie „Die Stein“, bis 2011.

3. April 2014
Premiere von „Die Schüsse von Sarajevo“ in der Josefstadt.

2. Juli 2014
Premiere von Arthur Schnitzlers „Das weite Land“ bei den Festspielen Reichenau, Stemberger als Genia.
Detailsinn/Teresa Zötl

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.03.2014)

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