Gregorowicz: "Wie viel Killer-Gen steckt wohl in Parzival?"

Lucas Gregorowicz spielt ab kommenden Sonntag die Titelrolle in Tankred Dorsts „Parzival". Mit der „Presse" sprach er über skrupellose Helden, sein Faible für Popmusik, seinen Vater, der Discjockey war, und die Burg-Krise.

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Die Presse: Wer ist Parzival für Sie? Ein junger Mann in der Krise?

Lucas Gregorowicz: Ein bisschen mehr als das. Unser „Parzival" ist ein Teil von Tankred Dorsts „Merlin oder das wüste Land". Wir sammeln verschiedene Materialien daraus, Herr Dorst hat uns freie Hand darin gelassen, welche Texte wir nehmen. David Bösch schöpft aus dem Vollen und im Bühnenbild von Patrick Bannwart wird die Aufführung vielleicht so etwas wie ein dunkles, wundersames Märchen. „Jung will ich sein, Jahrtausende alt und König im dunklen Zauberwald". Das trifft es ziemlich gut. In diesem Szenario wächst Parzival von seiner Mutter überbehütet auf, die die Welt von ihm freihält.

Sie stirbt in dem Moment, wo ihr Sohn sie verlässt.

Parzival weiß da noch nicht was Sterben überhaupt bedeutet. So wie ein Kind es nicht weiß. Ich dachte erst, ich wäre zu alt für die Rolle mit meinen 37. Ich müsste 15 Jahre jünger sein. Aber man kann ja zum Glück noch lange ein „Muttersöhnchen" bleiben.

Manche Knaben bleiben bis 40 bei der Mama. Vielleicht ist das ja beim Parzival auch so gewesen...

Vielleicht. Parzival ist aber auch so etwas wie ein Kaspar Hauser. Er ist auf der Suche nach sich selbst, Gott, dem größten Herrscher und danach, was es heißt ein Mensch zu sein. Er ist überheblich und will ganz nach oben. Auf seinem Weg trifft er auf die skurrilsten Gestalten.

Parzival hat eigentlich ein positives Image: Der reine Tor, der die Welt erkundet. Heute würde man allerdings sagen, ein reiner Tor, das kann auch ein naiver Trottel sein..

Parzival will ein Mann werden. Er sucht ein Vorbild, eine Vaterfigur. Seinen eigenen Vater, einen Ritter, hat er nicht gekannt. Man fragt sich, wie viel Killer-Gen steckt in Parzival? Er hat keinen Begriff von Moral, von Gut und Böse, davon, was man tut oder was man nicht tut. Er ist wie ein Kind in einem ausgewachsenen Körper. Er hat einen unglaublichen Ehrgeiz, will ganz hoch hinaus. Seine Sehnsucht nach der großen Welt ist unermesslich. Er nimmt keine Rücksicht auf irgendetwas, geschweige denn auf andere Menschen. Auf jedem Archetypen, dem er begegnet lässt er sich sofort ein. Wenn er bekommen hat, was er für seinen Weg braucht, tötet er die Leute, lässt sie liegen und zieht weiter. Parzival verpasst alle Gelegenheiten bei einem Menschen, wirklich anzudocken.

Was hat Parzival von Ihnen persönlich?

Ich glaube, ich kann auch sehr naiv sein.

Und haben Sie schon irgendwo angedockt?

Immer mal wieder. Und seit ich verheiratet bin, richtig.

Wie sind Sie zur Schauspielerei gekommen?

Ich bin in London geboren und bis zum neunten Lebensjahr in Polen aufgewachsen. Ich habe die Schule abgebrochen, bin für eine Weile zurück nach England, wollte berühmt werden mit meiner Band. Als ich wieder nach Bochum kam, war das Schauspielhaus mit Leander Haußmann, Jürgen Kruse und Dimiter Gotscheff der Ort, an dem ich sein wollte. Egal als was. Ich habe im Tonstudio angefangen, habe hospitiert, in der Requisite gearbeitet und war Komparse. Dann wurde ich an der Westfälischen Schauspielschule in Bochum angenommen. Seither bin ich dabei.

Haben Sie einen künstlerischen Background daheim?

Mein Vater war Discjockey.

Sie hatten nicht das übliche Problem als Heranwachsender mit Eltern, die rufen: Dreh diesen scheußlichen Krach sofort ab!

Überhaupt nicht. Mein Vater hat eine große Plattensammlung. Als ich vier Jahre alt war, musste mich meine Oma nachts um eins aufwecken, damit ich die Play- und Record-Taste drücke, um für meinen Vater, der in der Disko aufgelegt hat, die West-Hitparade aufzunehmen. Wir lebten ja damals in Polen.

Welche Popmusik mögen Sie?

Ich bin ein Kind der 1980er und frühen 1990er-Jahre. Amerikanische Rockmusik von der Westküste mochte ich sehr, Black Flag, Pearl Jam, Soundgarden, Melvins, das war so meine Musik. Und viel Pop aus dem Radio.

Werden Sie als Parzival auch singen?

Vielleicht.

Wie haben Sie die Burgtheater-Krise wahrgenommen?

Matthias Hartmann hat mich an das Burgtheater geholt. Ich habe „1979" und „Troja" mit ihm zusammen gemacht. Zwei tolle und für mich sehr wichtige Arbeiten. Viel mehr gibt's dazu nicht zu sagen. Ich war sehr froh in der schlimmsten Phase dieses Debakels mit den Proben zu „Parzival" beschäftigt zu sein.

Das Publikum ist teilweise nicht erbaut, dass Hartmann weg ist. Die Leute mochten sein interessantes und humorvolles Programm.

Schön, dass Sie das sagen. Der Sturm, der in der Öffentlichkeit, in der Presse und damit auch beim Eisenwarenhändler, beim Bäcker und beim Apotheker ausgebrochen ist, das war mir völlig neu. Die Stadt hat ihre Fratze gezeigt.

In Berlin wäre der Shitstorm schlimmer gewesen.

Bestimmt, aber anders. Das Burgtheater spielt in dieser Stadt und in diesem Land eine zentrale Rolle.

Es ist schwer zu verstehen, dass ein Burgtheaterdirektor extra Geld für Inszenierungen erhält - und dann noch so hohe Summen.

Unter 200.000 Euro können sich die Leute mehr vorstellen als unter 15 Milliarden für die Hypo Alpe-Adria-Bank. Einen Theaterdirektor zu köpfen ist auch einfacher als die Schuldigen für die Hypo-Krise zur Verantwortung zu ziehen. Dass nach den Bankern und den Managern die Kulturschaffenden an den Pranger kommen, ist meiner Meinung nach weit übers Ziel hinaus geschossen - und kein Zufall. Und es ist auch kein Zufall, dass Herr Springer noch im Amt ist, was ich als Hohn empfinde. Uns wurde hier ganz schlechtes Theater vorgespielt. Wir sind Schauspieler, wir erkennen das.


Manche sagen, dieser ganze Skandal wird letztlich ohne Wirkung bleiben.

Ich weiß es nicht. Vielleicht wird das Burgtheater aber auch in einen anderen Kontext gestellt und nicht länger als mäanderndes Kulturparadies existieren. Wir spüren das, wenn wir auf die Bühne gehen. Etwas hat sich verändert.

Die Schauspieler haben doch heftig dazu beigetragen, in dem sie sich beim Minister über ihren Direktor beschwert haben. Eine im Grunde seltsame Vorgangsweise. Bankangestellte oder Journalisten können sich nicht beim Bundeskanzler über ihren Chef beschweren.

Wir sind kein privater Betrieb. Dieser Misstrauensantrag war intern aber tatsächlich ein sehr umstrittener Vorgang. Jeder Angestellte hat doch ein ambivalentes Verhältnis zu seinem Chef und wird leicht hysterisch wenn er in seinem Selbstverständnis bedroht wird. Aber man sollte das Ganze sehen: Das Burgtheater lebte vielleicht schon immer über seine Verhältnisse. Aber auch deswegen ist hier künstlerisch so viel Großartiges möglich. Der Staat hat sich das geleistet und die Leute waren stolz auf dieses Riesenschiff, das die ganze Welt spielt.

Sie werden also auch hysterisch, wenn Sie nicht spielen?

Ich bin Schauspieler. ich brauche viel Aufmerksamkeit und zwar 24 Stunden am Tag. Wir sind nah am Wasser gebaut und das liegt in der Natur des Berufes. Aber ich mache auch andere Sachen gern: Ich verbringe gern und viel Zeit mit meiner Familie. Ich fahre mit dem Motorrad, ich schraube daran herum, ich radle, ich mache Musik - in meiner Naivität bilde ich mir gerne ein, dass das keine Hobbies sind, sondern unerlässliche Leidenschaften, von denen ich irgendwann werde leben können, wenn es mit der Schauspielerei zu Ende sein sollte. Seit dieser öffentlichen Diskussion um das Burgtheater, wo immer noch nachgetreten wurde, hat dieses Selbstverständnis einen Knacks. Aber nur bis zur nächsten Premiere!

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.04.2014))

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