Festwochen: "Ich bin nicht Claus Beck-Nielsen"

Kann man einen Toten interviewen? 2001 verschwand der dänische Künstler Claus Beck-Nielsen. "Die Presse" sprach in Wien mit einem "Namenlosen".

Die Presse (Harald Hofmeister)

Ich bin nicht Stiller“, sagte Max Frisch' homo faber. Aber er hatte wenigstens einen anderen Namen, White. Wie aber ihn ansprechen, den Herrn aus Dänemark, der „Ich bin namenlos“ sagt, als wäre das das Selbstverständlichste der Welt. Und wie beginnen – etwa mit: „Wie lebt's sich so, wenn man gestorben ist?“ „Ich bin ja nicht tot“, sagt der Herr lächelnd in bestem, dänisch gefärbtem Deutsch. Nur mager ist er, sieht ein wenig so aus wie US-Schauspieler Willem Defoe nach einem langen Hungermarsch durch die Wüste.

Vor drei Jahren ging er tatsächlich durch die Wüste, sie waren zu zweit, trugen Anzug, weißes Hemd, Krawatte und gemeinsam einen hellgrauen Metallkoffer, auf dem stand: „The Democracy – Destination: Iraq“ – die dänische Künstlergruppe Beckwerk hatte den Auftrag, die Demokratie in die Welt zu tragen, wörtlich genommen. Das Ergebnis ist auf den Wiener Festwochen zu sehen, im Rahmen ihres mehrteiligen Projektes, das gestern Abend mit einer „Claus Beck-Nielsen Memorial Night“ begann. Die Werke dieses Künstlers will das Beckwerk verbreiten und seine Biografie durch Kunstaktionen mit der Weltpolitik verknüpfen.


Wie ein Experiment zum Schicksal wurde

Aber wer ist – wer war der Däne Claus Beck-Nielsen? 2001 wurde er für tot erklärt, es gibt einen Grabstein, sogar eine Biografie: „Claus Beck-Nielsen (1963–2001)“. Auf der Rückseite dieses Buchs ist vom „Beginn einer Tragödie“ zu lesen: „Eines Tages im Dezember 2000 nahm der Schriftsteller Claus Beck-Nielsen das charakteristische ,Beck' aus seinem Namen, er verließ Wohnung, Frau und seine kleine Tochter und ging auf die Straße als Claus Nielsen.“

Bald darauf begannen sich nach Polizei, Einwohnermeldezentrale, Innenministerium und Obdachlosenfürsorge auch Dänemarks Zeitungen für den Unbekannten zu interessieren, der angab, sich nur an seinen Namen zu erinnern. Alle waren hilflos vor diesem laut Kopenhagener Polizei „nicht identifizierten umherwandernden Objekt“. Der Fall wurde zum Politikum. „Es stellte sich heraus, dass du ohne Personenkennziffer keine Hilfe bekommen kannst, du existierst nicht“, erzählt mein „Namenloser“.

Der Künstler Beck-Nielsen erinnerte die Öffentlichkeit an die Absurdität des Systems, den rechtlosen Status der Menschen ohne Papiere. Mit tragischen Folgen für das eigene Leben: „Claus Nielsen wurde dämonisch, er ging mit Claus Beck-Nielsen nach Hause zu Frau und Tochter, doch die Frau (eine bekannte Schriftstellerin, Anm.d.R.) wollte nur Claus Beck-Nielsen.“ Sie trennte sich. „Er lebte einige Zeit auf der Straße, dann verschwand er, wie, wissen wir nicht“.

So viel zu Claus Beck-Nielsen. Aber wer ist dieser höfliche Herr, der sich für das Foto noch schnell den Anzug zurechtrückt, weil „Österreicher noch auf Formalitäten Wert legen“? Er nennt sich „Verwalter“, ein Angestellter des Beckwerks sei er. Auffällig, dass er lieber „wir“ als „ich“ sagt. Wie oft fühlte er sich im Irak in Lebensgefahr? „Eigentlich immer.“ Die US-Soldaten hätten sie angesehen wie eine Fata Morgana, als Nächstes sei meist die Frage gefolgt: „What's this – a bomb?“ Anders die Iraker: „Sie waren offener, fassten den Koffer an, für sie war darin wirklich ,Demokratie‘.“

Auch in den Iran reisten sie mit der „Demokratie“ – und in die USA. „Sie war zwei Tage am Flughafen in Quarantäne, dann schickten sie sie zurück. Nach einer Woche durfte sie dann doch einreisen. Beim Weißen Haus kamen wir aber nur bis zum Eingang.“ Demokratie sei nicht „zu haben“, zu installieren wie ein Windows-Programm, sie müsse jeden Tag produziert werden, sagt der Herr. „Dafür haben die Menschen heute keine Zeit mehr.“ Und wer ist „Der letzte Europäer“, der dem Beckwerk-Festwochenprogramm den Namen gab? „Ken Bigley, der gekidnappte britische Ingenieur. Er flehte Europa an, und niemand hat ihn gerettet.“


„Identitätsgewicht macht narzisstisch“

Doch welche Rolle spielt bei alledem Claus Beck-Nielsen? „Wir versuchen, aus einer Tragödie eine Utopie zu machen. Unsere Zeit ist so fokussiert auf Identitätsproduktion; wenn es gelänge, den Menschen ein wenig von seinem Identitätsgewicht zu befreien, würde er vielleicht weniger narzisstisch.“ Aber es gehe nicht darum, einen Mythos zu kreieren, betont der Herr. Und so verrät er dann doch auch Technisches. Denn wie kann einer, den es eigentlich nicht geben dürfte, angestellt sein? „So weit wie möglich arbeiten wir ohne Namen, in ein paar Punkten führen wir die Personenkennziffer von Claus Beck-Nielsen weiter.“

Ob er sich leichter fühlt, als Namenloser? „Ja. Ich brauch mich nicht mehr um mich zu kümmern.“ Und wie geht es Claus Beck-Nielsens Tochter? „Als sein Nachlasswalter muss ich mich ab und zu um sie kümmern. Das tu ich so ernst und leicht, wie ich nur kann.“ Sagt's, und lächelt plötzlich ganz anders – die Augen schwer und feucht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.06.2007)

Kommentar zu Artikel:

Festwochen: "Ich bin nicht Claus Beck-Nielsen"

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen