documenta 12: Traum und Trauma

Die Märchenstimmung des Deutschen Tapetenmuseums in Kassel inspirierte documenta-12-Künstlerin Danica Dakic zu einer eindrucksvollen Video- und Klanginstallation.

El Dorado: Vom Detail einer Tapete ist Danica Dakic für ihre documenta-Arbeit ausgegangen. Sie hat Jugendliche gefragt, was für sie Paradies bedeutet.
El Dorado: Vom Detail einer Tapete ist Danica Dakic für ihre documenta-Arbeit ausgegangen. Sie hat Jugendliche gefragt, was für sie Paradies bedeutet.
(c) Danica Dakic

Warum haben Sie ausgerechnet das Kasseler Tapetenmuseum zum Schauplatz und Drehort Ihres documenta-Projekts gemacht?

Ich hatte für meine Arbeit ein Bild vor Augen, das ich seit vielen Jahren als kleine Schwarz-Weiß-Abbildung kenne. Dieses Bild – „El Dorado“ – ließ mich nicht los. Als dann die documenta-Einladung kam, dachte ich: „Guck mal, wo das ist!“ Es war ein Ausschnitt aus einer Panoramatapete aus dem Jahr 1849, die im Deutschen Tapetenmuseum zu sehen ist. Da dachte ich: „Der Weg führt dorthin.“

Sie haben die Tapete durch Ihre Arbeit gewissermaßen lebendig gemacht ...

Ich wollte meine Arbeit in Kassel verankern. Im Lauf eines Jahres hat sich dieses El Dorado wirklich entwickelt. Der Film und das Foto, die beide im Schloss Wilhelmshöhe zu sehen sind, sind mit Jugendlichen entstanden, die in einem Wohnheim für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Kassel wohnen. Für die Klanginstallation im Tapetenmuseum habe ich 200 Jugendliche befragt, was El Dorado für sie bedeutet – Lebenserfahrungen, Glück, Durchhalten. Dann habe ich das Audiomaterial zusammen mit dem Komponisten Bojan Vuletic in 25 Tracks verarbeitet, die jeweils mit einem klassischen Schlaginstrument unterlegt sind.

Ist das auch ein Statement zum Museum?

Auf jeden Fall. Ich wollte mich quasi nahtlos in diesen Zusammenhang einfügen, wodurch eine neue Ebene hinzugekommen ist. Darüber hinaus gibt es etwas Märchenhaftes, das mit Emotionen und Klangfarben spielt. Man hat das Gefühl, die Tapeten sprechen und singen – wie eine Klanglandschaft.

Ist das Märchenhafte wichtig für Sie? Sie haben damit schon früher gearbeitet.

Das hat viel mit dem kollektiven Gedächtnis zu tun, mit Dingen, die uns geprägt haben. Es gehört zu meinem Repertoire – ob es nun Märchen sind oder Wiegenlieder, mit denen ich auch gearbeitet habe. Dieses kollektive Gedächtnis interessiert mich, weil es darum geht, etwas anzusprechen, das viele Menschen interessiert.

Die Tapeten, die im Museum ausgestellt sind, sind im Grunde politisch völlig inkorrekt. Sie stehen für Luxus, Reichtum, Macht, Unterdrückung  ...

Diese Bewertung überlasse ich den Besuchern. Die Panoramatapete „El Dorado“ wird bis heute produziert: Ein alter Traum, der zu einem Luxusartikel geworden ist. Aber auch viele Jugendliche verbinden das Paradies mit Luxus oder Konsum – etwas für sie sehr Wichtiges.

Welche Rolle spielte die Arbeit mit Jugendlichen?

Ich wollte in diese museale Sehnsuchtswelt eine andere Ebene einbringen – die einer heutigen Generation – und Migration in eine andere Richtung denken. Es ging darum, vor dieser historischen Projektionsfolie von „El Dorado“ die Umbrüche ihres Erwachsenwerdens, ihrer Migration und ihrer Suche nach dem Paradies zu verhandeln. Es war für mich wichtig, diesen Jugendlichen zu begegnen, zu sehen, wie sie reagieren und was kommt, und dann von ihnen selbst zu erfahren, was sie denken, wie sie fühlen. Form und Komposition haben sich erst beim Schneiden entwickelt.

Was bedeutet „El Dorado“ für Sie persönlich?

Es ging für mich auch darum, das herauszufinden. In „El Dorado“ stecken viele Möglichkeiten. Es ist ein Traum und ein Trauma: die Utopie des richtigen Ortes einerseits, anderseits aber Kolonialisierung. Es ist ein Begriff, der überall in der Welt etwas bedeutet. Das war ebenfalls wichtig: Weil die documenta ein Rahmen ist, wo Menschen aus der ganzen Welt hinkommen.

Haben Sie die Erfahrung der Migration selbst machen müssen?

Ich bin in Sarajevo geboren und aufgewachsen und vier Jahre vor dem Krieg nach Deutschland gekommen, um hier zu studieren. Ich bin hier geblieben. Dennoch hat der Krieg mein Leben und meine Kunst sehr stark geprägt. Ich bin mit dem Land weiterhin sehr verbunden. Meine Familie lebt dort und ich arbeite dort sehr viel mit einem Team, das auch meinen documenta-Film geschnitten hat.

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