Martin Praska: Warhol und Würstel

Wo der Hase von Dürer genauso vom Playboy sein kann: Martin Praska hat den Stilbruch zu seinem Stil gemacht. Ein Porträt mit ironischer Zigarre.

In Pose: Martin Praska weiß auch, sich selbst zu inszenieren. Seine Leinwände kosten je nach Größe zwischen 600 und 4000 Euro.
In Pose: Martin Praska weiß auch, sich selbst zu inszenieren. Seine Leinwände kosten je nach Größe zwischen 600 und 4000 Euro.
(c) Julia Stix

Graue Fassade, finsterer Korridor, ein Stiegenhaus, in dem sich der Geruch von verbranntem Kohl breitmacht. Ein typisches Zinshaus mitten im zweiten Wiener Gemeindebezirk. Dass sich hier, oben unterm Dach, ein helles luftiges Künstleratelier befindet, lässt sich, solange man auf den Aufzug wartet, nur schwer vorzustellen. Endlich kommt der Lift, acht Stockwerke geht es hinauf. Die Tür steht offen, drinnen ist die Arbeit voll im Gang. Angesetzt ist eine Fotosession zum Thema: „Künstlerporträt“. Gerade bringt sich der Künstler auf einem blauen Fünfzigerjahre-Stuhl gekonnt in Pose und hantiert mit Zigarre und Streichholz. „Manchmal rauche ich im Atelier eine Zigarre, nehme ein Glas Whisky in die Hand und fühle mich ganz wie ein Genie. Das entspannt ungemein, das ganze Lampenfieber geht dabei weg“, sinniert Martin Praska und versprüht dabei eine gehörige Prise Ironie. „Ich hätte jetzt natürlich auch einen weißen Anzug anziehen können, aber das macht ja schon der Lüpertz.“

Reflexion mit Spaßfaktor

Martin Praska ist Maler und reflektiert als solcher nicht nur das Malen und dessen Geschichte, sondern auch die zugehörigen Geschichten und Strategien. Also auch das Gehabe der Malerfürsten, die Mechanismen des Kunstmarkts und die des Erfolgs. Von Fall zu Fall macht er das im Team, zusammen mit drei anderen Künstlerfreunden „gleicher Geisteshaltung“ (Praska). Die haben sich vor neun Jahren unter dem Label „Die halbe Wahrheit“ zusammengetan, um in gemeinsamen künstlerischen Aktionen und Performances mit hohem Spaßfaktor die Zeit und den Zeitgeist auf die Schippe zu nehmen. Weil dabei, so sind die Herren Martin Praska, Sebastian Weißenbacher, Götz Bury und Matthias Hammer überzeugt, nie mehr als die halbe Wahrheit herausgearbeitet werden kann, wurde die Erkenntnis zur Trademark.

Am Ende will die Malerei auch nichts anderes als Schönheit sein.

Martin Praska

Kürzlich erst konterte das Quartett in Viktor Buchers Projektraum der großen Baselitz-Personale der Albertina mit einer fiktiven „Georg Paselitz“-Show. Und aktuell stellen die vier gerade den Ego-Kult Yves Kleins auf den Prüfstand, mit einer Reihe in „Internationalem Klein-Blau“ angestrichenen, aus Baumarktmaterialien hergestellten totemistischen Säulenskulpturen auf dem Freigelände der „Summerstage“ an der Rossauerlände.
Der Kommentar. Er ist im Grunde das Dilemma jeder zeitgenössischen Kunst, die sich selbst in ihrer Postmodernität reflektiert. Darauf läuft auch Martin Praskas eigene Kunst hinaus. Da gibt es eigentlich nichts, was der gebürtige Baden-Württemberger des Kommentars nicht für würdig erachtet. Dazu gehört auch das Drumherum, etwa der eigene Lebenslauf. In Antwort auf die heute üblichen, nicht enden wollenden Künstler-Viten hat sich Martin Praska in einem Katalog kürzlich selbst so vorgestellt: „1963 in Wiesloch geboren, Kunstakademie Wien, Ausstellungen, Preise, Stipendien … das Übliche … Autor eines Groschenromans. Wien, Heidelberg, London, Frankfurt, Zürich, Paris, Cesky Krumlov, Hamburg, Salzburg, Wolkersdorf und anderswo“. Das Übliche … und anderswo. In Zeiten, in denen jeder Kunstschulabsolvent in seinem Curriculum mit einer möglichst langen Liste aufwartet, kann man selbige gleich auch ganz weglassen.

Schön ist die Welt

Solche Abschneider macht Praska auch in der Malerei, vor allem in den Bildern der letzten zwei Jahre. Wobei es ihm wichtig ist, die Geschichte der modernen Malerei zu durchstreifen. Anspielungen auf die Dadaisten, Polke, die Leipziger Schule finden sich da ebenso wie Zitate von Kitsch und Trivialität, neuerdings tschechische Porzellanpüppchen fürs Wohnzimmer oder Pin-ups. Fotorealistisch gemalte Frauen mit Porzellanhaut sind umgeben von poppigen Blümchen à la Warhol oder amorphen Formen, die an Kartoffel erinnern. Und drüber legt sich vielleicht ein linear gemalter Hase und ist gleichermaßen Anspielung auf Dürers Hasen wie aufs Playboy-Bunny. „Ich versuche, mein Repertoire offen zu halten und beobachte viel. Das heißt aber nicht, auf den fahrenden Zug des Zeitgeistes aufzuspringen.“ Malerei also wider den Zeitgeist? „Nein“, sagt Praska, „der lässt sich ja nicht aus der Welt schaffen, da kann man nicht raus. Ich versuche nur, das Zeug zu relativieren und zu sublimieren. Die Parodie ist dafür ein gutes Mittel. Nehmen Sie diese Porzellanpüppchen: Sie transportieren eine spießbürgerliche Idylle, aber auch eine gewisse Geilheit und Frivolität – alles, worunter sich der kleine Maxl vorstellt: Schön ist die Welt! Schönheit fürs Wohnzimmer eben. Am Ende aber will die Malerei auch nichts anderes sein als Schönheit. Der Unterschied ist: Wenn es sich als Kunst bemäntelt, kann man sich alles Mögliche ins Wohnzimmer hängen. Das ist dann halt die Schönheit fürs gehobene Wohnzimmer.“

TIPP

Martin Praska: Bilder
Galerie Wolfgang Exner, bis 5.9.
www.galerie-exner.at

Die halbe Wahrheit: Die blaue Lagune
www.summerstage.co.at
www.martinpraska.at

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