Kritik ImPulsTanz: Schamloser Flirt zum Playback

"Posing Project": Mit Witz und Erotik führt Chris Haring vor, wie man Welt und Partner verführt.

Tänzer als Schatten, musikalisch und real, tolle Vexierspieleder Erotik von 'liquid loft'.
Tänzer als Schatten, musikalisch und real, tolle Vexierspieleder Erotik von 'liquid loft'.
(c) Chris Haring

Verführung ist Irreführung. Man setzt sich in Pose, will imponieren, modelliert und präsentiert den eigenen Körper, verbiegt und faltet ihn, maskiert und deformiert ihn, formt ihn neu, bis das Begehren erwacht und Eros sich ins Fäustchen lacht. „Posing Project“ nennt Chris Haring mit seiner Gruppe „liquid loft“ eine Serie von Aufführungen, die sich mit der Kunst der Selbstdarstellung, des Posierens und Beeindruckens beschäftigt. Im Semper-Depot zeigt er bei „ImPulsTanz“ nach „the art of wow“ (Tanzquartier, April 2007) den zweiten Teil „Project B – the art of seduction“. In Venedig, wo diese mit Witz präsentierte Verführungskunst bei der diesjährigen Tanzbiennale uraufgeführt wurde, erhielt „liquid loft“ den Goldenen Löwen. Die Verbindung von Tanz und (Klang-)Installation passte perfekt in den Themen-Rahmen des Festivals: „body & eros“. Darum geht es doch immer.

Die 2004 vom Tänzer Chris Haring gemeinsam mit dem Dramaturgen Thomas J. Jelinek, dem Musiker Andreas Berger und der Tänzerin Stephanie Cumming gegründete Compagnie „liquid loft“ hat schnell auch internationale Anerkennung gewonnen. Das liegt nicht nur an der präzisen und ernsthaften Arbeit Harings und seines Teams sondern auch am intelligenten Humor und dem augenzwinkernden Kontakt mit dem Publikum in jeder Performance.

Diesmal wird sogar schamlos geflirtet. Die Tänzerinnen (Stephanie Cumming, Katharina Meves, Anna Maia Novak) und zwei Tänzer (Luka Baio, Alexander Gottfarb) posieren in einem von Berger kunstvoll gebauten Klangraum und beeindrucken durch die hohe Kunst des Playback-Gesangs. Henry Purcell und Lionel Richie geben die scheinbar harmlosen akustischen Regeln vor, Eisbärfell, Sofa und die Lichtkreise der Spots das optische Ambiente. Mit großer Lust wird entblättert und verhüllt, werden Hüften gerollt und Hinterteile gereckt, Blicke geworfen, Lippen gespitzt, Zungen geschnalzt und in perfektem Takt gehechelt und gekeucht, gegurrt, geschnurrt und gejapst – bis Eros sein perfides Werk vollenden kann und alle Hemmungen fallen.


Keiner berührt den anderen

Doch es sind nur Schatten an der Wand, die sich im orgiastischen Akt vergnügen. Die Realität, das Tableau vivant, zeigt ein ganz anderes Spiel. Keiner berührt den anderen, jeder ist allein. Irreführung der Verführung.

Sensationelle 98 Prozent Auslastung hat das ImpulsTanz-Festival heuer erreicht – zu Recht: Es überrascht diesmal nicht durch Spitzen oder Einbrüche, sondern durch ein gleichmäßig hohes Niveau.

Chris Haring / liquid loft: „the art of seduction“, am 10. und 11. 8., 21 Uhr, Semper-Depot. Das Internationale Tanzfestival läuft noch bis 12. August. impulstanz.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.08.2007)

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