Religion und Psychiatrie: Homotherapie und Hagiotherapie?

Die Kontroverse um einen Kongress in Graz hält an – der Organisator wehrt sich.

(c) Berlinale/'Requiem'

Die American Psychiatric Association (APA), die wichtigste Vereinigung von Psychiatern in den USA, ist nicht gerade für religiösen Fundamentalismus bekannt. Trotzdem hielt sie 2004 eine Konferenz zu Religion und Psychiatrie ab, bei der an die 17.000 Psychiater aus Amerika teilnahmen. Davon habe er sich „animieren“ lassen, erzählt der Grazer Psychiater Ralph M. Bonelli. Das Ergebnis ist ein „interdisziplinärer Kongress“ zu „Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie“, er findet vom 11. bis 13. Oktober in Graz statt, wird von der Universitätsklinik des dortigen LKH veranstaltet und genießt die Patronanz der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie. Klingende Namen finden sich im wissenschaftlichen Beirat, und der Ehrenschutz reicht vom steirischen Landeshauptmann bis zum steirischen Diözesanbischof.

Einer breiten Öffentlichkeit wäre dieses Unternehmen wohl nie aufgefallen, wäre nicht im Programm der Name eines deutschen Diakons namens Markus Hoffmann aufgeschienen: als Leiter eines Workshops „Therapeutisches Arbeiten bei ichdystoner Sexualorientierung“ – gemeint ist das Leiden an der eigenen sexuellen Orientierung. Deutsche Interessensgruppen protestierten: Hoffmann sei Leiter der deutschen evangelikal geprägten Organisation „Wüstenstrom“. Und die verfolge das Ziel, Homosexuelle, die unglücklich mit ihrer sexuellen Orientierung seien, zu „heilen“.

 

„Ein Wissenschaftsskandal“

Das wäre der American Psychiatric Association, die für die Ehe von Homosexuellen eintritt, wohl nicht passiert. Inzwischen ist der Workshop aus dem Programm gestrichen, doch wie es mit dem religiös-wissenschaftlichen Großunternehmen weitergeht, ist nach wie vor offen. „In Österreich brodelt ein Wissenschaftsskandal“, schrieb zuletzt das Magazin „Der Spiegel“. Tatsächlich wird auch der von Erzbischof Christoph Schönborn offiziell anerkannte, am Internationalen Theologischen Institut im niederösterreichischen Gaming tätige Exorzist Larry Hogan dort sprechen. Der kroatische katholische Theologe Tomislav Ivancic referiert über die von ihm gegründete „Hagiotherapie“, die Menschen mit Gebet und Meditation „geistlich heilen“ will. Heftig opponiert der Wiener Vaccinologe Wolfgang Maurer gegen die Teilnahme des steirischen Homöopathen, Impfgegners und Opus-Dei-Mitglieds Hans Loibner. Auch Hauptveranstalter Bonelli gehört laut "Spiegel" dem Opus Dei an.

Wird die österreichische Psychiatrie von religiösen Fundamentalisten unterwandert, wie bisherige Berichterstattung suggeriert? Zuletzt langte bei der „Presse“ auch ein Hinweis ein, dass der ebenfalls als Referent auftretende Grazer Arzt Kurt Usar auf der extrem konservativen katholischen Internetseite kreuz.net Homosexuelle als „ekelhaft und krank“ bezeichne. Usar jedoch ist über den Vorwurf entsetzt: „Ich weiß, dass da jemand unter meinem Namen Postings abgegeben hat, die meinen Ansichten diametral entgegengesetzt sind. Ich kann mich aber nicht dagegen wehren“, sagt er der „Presse“. Zwischen dem Vaccinologen Maurer und dem Homöopathen Loibner wiederum geht seit Jahren ein Rechtsstreit: 2006 wurde Maurer rechtskräftig verurteilt, Loibner (der eine Zeitlang mit einem – inzwischen wieder aufgehobenen – Berufsverbot der Ärztekammer belegt war) nicht mehr als „unseriösen Impfgegner“ darstellen zu dürfen.

„Wir haben nur die elf Plenarvortragenden eingeladen, die restlichen haben sich alle selbst gemeldet“, erklärt Ralph M. Bonelli der „Presse“ die ursprüngliche geplante Teilnahme des „Homosexuellen-Heilers“ Hoffmann. „Es waren am Ende 140 Referenten, wir haben nicht jede Biografie genau überprüft, außerdem wollten wir eine freie Diskussion.“ Er habe Hoffmann nicht gekannt und sei davon ausgegangen, dass sein Vortrag „nichts Homophobes“ habe. „Das war einfach Pech.“ Zum Vorwurf im Magazin „Profil“, er habe einmal selbst einen Patienten an Hoffmann verwiesen: „Ich kannte Hoffmann vor seiner Einreichung nicht. Vor einigen Wochen gab es eine Email-Anfrage, wer ,ichdystone Sexualstörungen‘ therapieren würde, ich dachte mir, da gibt es offenbar einen Experten in Deutschland, und habe den Namen weitergegeben.“

Auch die Darstellung des Kongresses als „Opus-Dei-Unternehmen“ ist für Bonelli abwegig: „Von 140 Vortragenden gehören nur vier zu Opus Dei. Wir haben inklusive Agnostikern neun verschiedene Konfessionen vertreten, wir wollten ganz bewusst weg vom katholischen Glauben.“ Und Larry Hogans Exorzismus-Workshop sei bewusst durch einen Gegen-Workshop ergänzt, der die Frage „Gibt es eine Besessenheit jenseits der Psychose?“ mit nein beantworte.

 

Wissenschaftler bleiben gelassen

Die Wissenschaftler scheinen die Aufregung gelassen zu nehmen: Von den über zwanzig Experten im Beirat trat bis dato nur ein Einziger (der Innsbrucker Wolfgang Fleischhacker) zurück. Auch die Österreichische Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie bleibt nach dem Ausscheiden Markus Hoffmanns bei ihrer Patronanz. Und der Ehrenschutz hat sich nicht, wie „Profil“ meldete, „fast zur Gänze“ aufgelöst. Er ist noch vollständig, denn sowohl Diözesanbischof Kapellari als auch Landeshauptmann Voves, die gegen den Hoffmann-Workshop protestiert hatten, haben sich ebenfalls mit dessen Absage zufrieden gegeben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.09.2007)

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