"Inzest-Tatort": Opfer einer Propagandalüge

Die Aufregung um eine „Tatort“-Folge über einen Inzestfall in einer alevitischen Familie ist fast verebbt. Was bleibt? Vorurteile, explosiver Stoff für künftige Konflikte – und gähnendes Unwissen der Bevölkerung.

AP

Sie essen Schweinefleisch, trinken Alkohol, fasten nicht zu Ramadan und die Frauen tragen kein Kopftuch: Mit dem Bild, das der durchschnittliche Europäer von einem durchschnittlichen Muslim hat, haben die Aleviten sehr wenig zu tun. Ihre Glaubensvorstellungen unterscheiden sich von denen der Mehrheit der Muslime so stark, dass es kaum alevitische Eltern in Deutschland und Österreich gibt, die ihre Kinder in den islamischen Religionsunterricht schicken.

Dabei sind sie zahlreich: In Österreich sind es 60.000, und ebenso wie in Deutschland stellen sie auch hierzulande ein Drittel aller türkischen Muslime. Wäre aber einer italienischen Drehbuchautorin nicht eingefallen, eine „Tatort“-Serie über einen Inzest in einer alevitischen Familie zu schreiben, dann hätte die Öffentlichkeit die gar nicht glückliche Situation der Aleviten in Deutschland und Österreich wohl noch lange ignoriert. Und das, obwohl diese Menschen dem Westen als liberale „Vorzeige-Muslime“ hochwillkommen sein müssten.


Als ungläubig und unzüchtig diffamiert

Einen traurigen Anlass hatte das bisher stärkste öffentliche Lebenszeichen dieser Glaubensgemeinschaft: Bis zu 20.000 Aleviten demonstrierten vergangenen Sonntag vor dem Kölner Dom aus Protest gegen jene „Tatort“-Folge, die ARD und ORF einen Tag vor Weihnachten ausgestrahlt hatten; außerdem hat die alevitische Gemeinde Deutschland bei der Staatsanwaltschaft in Berlin Klage wegen Volksverhetzung eingereicht. Der Grund: In der Folge „Wem Ehre gebührt“ sucht Kommissarin Charlotte Lindholm nach der Ursache für den Tod einer jungen Deutschtürkin – und kommt einem Inzestfall auf die Spur.

Der Überempfindlichkeit kann die Demonstrierenden nur zeihen, wer ihre Geschichte nicht kennt. Die meisten kommen aus der Türkei, Jahrhunderte lang wurden die Aleviten im Osmanischen Reich von der sunnitischen Mehrheit unterdrückt, als unwürdige Muslime und Ungläubige verachtet und in Massakern getötet.

Der Inzestvorwurf zählte dabei seit dem 16. Jahrhundert zu den wichtigsten Propagandalügen. Er gründet auf nichts anderem als der Tatsache, dass im alevitischen Glauben Männer und Frauen einander gleichgestellt sind und daher auch gemeinsam im Gottesdienst beten.

Es sei nur ein unglücklicher Zufall, verteidigt sich die Drehbuchautorin Angelina Maccarone, die die „Tatort“-Folge geschrieben und inszeniert hat. Sie habe hart recherchiert, um ein differenziertes Bild einer muslimischen Familie zu zeichnen, dieses Detail aus der „Geschichte des Osmanischen Reiches“ sei ihr aber entgangen. Wäre es wirklich ein verjährtes Detail, könnte man den Vorfall wieder vergessen. Aber mit diesem tief verwurzelten Vorurteil werden Aleviten in der Türkei, wo sie je nach Schätzung ein Viertel oder Fünftel der Gesamtbevölkerung ausmachen, bis heute vereinzelt konfrontiert. Und in Deutschland und Österreich ebenfalls. Etwa bei Streitereien zwischen sunnitischen und alevitischen Familien, erzählt Deniz Karabulut, der stellvertrende Vorsitzende der alevitischen Gemeinde Österreich, der „Presse“.


Wählte Autorin falsche Berater?

Ein Blick ins Internet zeigt auch: Es ist schier unmöglich, sich über Aleviten zu informieren, ohne auf diesen Vorwurf zu stoßen. Auch der Umstand, dass sich in der Fernsehsendung außerdem die schwangere Schwester der Toten (die schließlich ermordet wird, als sie bei der Aufklärung des Verbrechens helfen will) offenbar einer strengeren Form des Islam zuwendet – sie flüchtet sich zumindest vor dem Vater unter das bei den Aleviten unübliche Kopftuch – deutet darauf hin, dass sich die Erfinderin dieses Kriminalfalls wohl bei der Wahl ihrer Berater vergriffen und selbst Opfer einer sunnitischen Propagandalüge geworden ist.

Aber da der Kölner Dom nicht angezündet wurde und sich die erste Aufregung gelegt hat, könnte man da nicht wieder zur Tagesordnung übergehen? Die alevitische Gemeinde plant laut Deniz Karabulut nur ein Gespräch mit ORF-Chef Alexander Wrabetz (sobald er aus dem Winterurlaub zurück sei) sowie einen Beschwerdebrief an den Publikumsrat. Und wie geht es in Deutschland weiter? Für Anfang nächster Woche sei ein Gespräch mit NDR, der die „Tatort“-Folge produziert hat, anberaumt, sagt Ismail Kaplan, der Bildungsbeauftragte der alevitischen Gemeinde in Deutschland, im Gespräch mit der „Presse“. „Wenn sich der Sender offiziell entschuldigt, werden wir die Klage zurückziehen. Man hat dort bereits Verständnis gezeigt, ich glaube also, dass es auf partnerschaftlichem Weg gehen wird.“


„Vorurteile bis heute nicht aufgearbeitet“

Was bleibt also? Stoff für künftige Konflikte – und gähnendes Unwissen in der breiten Öffentlichkeit. „Die Vorurteile sind in der sunnitischen Bevölkerung immer noch verwurzelt und wurden bisher nicht aufgearbeitet“, sagt Ismail Kaplan. „Solange nicht öffentlich Aufklärung betrieben wird, bleibt der Vorwurf haften. Und die Spannungen zwischen Sunniten und Aleviten sind immer noch sehr stark ausgeprägt, auch wenn es zu Freundschaften kommt oder sich Jugendliche ineinander verlieben.“ Außerdem würden viele alevitische Kinder und Jugendliche aus Angst vor Diskriminierung ihren Glauben geheim halten, sagt Kaplan. Ähnliches bestätigt auch Karabulut: „Man scheut sich, direkt zu sagen, dass man Alevit ist, weil man dann vielleicht von den übrigen Muslimen schief angesehen wird.“

Vor allem aber bleibt, dass Aleviten in Deutschland, insbesondere aber in Österreich immer noch keinen eigenen Religionsunterricht haben. Weil ihre liberalen Auffassungen so unvereinbar sind mit dem, was im islamischen Religionsunterricht gelehrt wird, sieht man alevitische Kinder eher noch in katholischen und evangelischen Religionsstunden als in islamischen. „Viele islamische Religionslehrer in Österreich haben sich in den letzten Jahren deswegen bei uns beschwert und Druck ausgeübt“, erzählt Karabulut.


Ringen um eigenen Religionsunterricht

„Evangelische und katholische Kinder werden getrennt unterrichtet, dabei sind die Unterschiede zwischen diesen Konfessionen viel kleiner als zwischen Aleviten und Sunniten“, betont Kaplan. Aber in Deutschland bessere sich die Situation mittlerweile: „Wir fangen 2009 in vier Bundesländern mit einem eigenen Religionsunterricht an.“ Und in Österreich? „Es hat schon einmal zehn Jahre gebraucht, bis wir überhaupt einen gewissen Status erhalten haben, heute werden wir immerhin immer wieder bei offiziellen Veranstaltungen eingeladen“, erzählt Karabulut. „Im Frühjahr werden wir zwei Anträge stellen, einen auf staatliche Anerkennung als Religionsgemeinschaft, und einen zweiten auf Zulassung eines alevitischen Religionsunterrichts. Wir sind zuversichtlich und hoffen, dass wir in zwei Jahren in gewissen Städten und Schulen mit einem Pilot-Unterricht beginnen können.“

Aber warum ging das nicht schon viel früher? „Anfangs wussten die Behörden überhaupt nicht, wer die Aleviten sind. Die in Österreich Lebenden kommen fast alle aus der Türkei, also wandten sich die Behörden an das türkische Religionsamt. In der Türkei sind die Aleviten aber als Religionsgemeinschaft nicht anerkannt.“ Wo Religionsgemeinschaften niedergeschwiegen werden, wird eben auch Unwissenheit zu einem Mittel der Diskriminierung. In der Türkei war dieses Mittel lange Zeit erfolgreich; aber, das zeigt der Vorfall rund um den jüngsten „Tatort“ – nicht nur in der Türkei.

LEXIKON. Das Alevitentum – eine liberale Form des Islam

Die Nachfolgestreitigkeiten in der islamischen Urgemeinde und die Gruppen, die sich daraus bildeten, bilden die Wurzel der alevitischen Gemeinschaft. Die heute bekannteste Abspaltung, die damals entstand, sind die Schiiten, sie plädierten gegen die Sunniten für Ali ibn Abu Talib, den Vetter und Schwiegersohn des Propheten Mohammed, als rechtmäßigen Nachfolger.

Wegen ihrer Verehrung für Ali ibn Abu Talib(daher auch der Name Aleviten) bzw. für die auch von den Schiiten verehrten 12 Imame werden die Aleviten oft dem schiitischen Zweig des Islam zugerechnet, ihr Glaube unterscheidet sich jedoch wesentlich von dem der Schiiten.

Konkretisiert hat sich die alevitische Auffassung im 13. Jahrhundert aus der Verschmelzung der Schia (arab. Partei, im Sinne der Partei Alis) in Gestalt der Verehrung von Ali ibn Abu Talib mit dem alttürkischen Kam sowie vor allem der mystischen Interpretation des Koran (Sufismus).

Verbreitet sind die Aleviten u.a. in Syrien, Albanien, Libanon, dem Irak, vor allem aber in der Türkei, wo sie die zweitgrößte Religionsgruppe nach den Sunniten darstellen.

Unter den Osmanen wurden die Aleviten als Häretiker verfolgt, insbesondere weil sie sich mit den iranisch-safawidischen Schahs gegen die Machthaber verbündeten.

Aleviten legen den Koran nicht wörtlich aus, lehnen die Scharia ab und vertreten Entscheidungs- und Glaubensfreiheit. Sie beten, wann und wo sie wollen, und besuchen auch keine Moscheen, sondern treffen sich zu Kulthandlungen, genannt Cem, wo Gedichte rezitiert und rituelle Tänze aufgeführt werden – von Frauen und Männern gemeinsam.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.01.2008)

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