„Schuschnigg war ein armer Mann“

Franz Olah und Ludwig Steiner: Wie zwei österreichische Politikergranden den „Anschluss“ erlebten.

Die Presse (Fabry)

Die Presse: Herr Olah, kennen Sie dieses Dokument? Geheime Staatspolizei, Leitstelle Wien. Der sogenannte Prominententransport. Die Nummer 129 darauf: Franz Olah.

Franz Olah: Dabei war ich damals nicht prominent, nur im Untergrund. Sonst kannte mich kein Hund, Gott sei Dank! Zwei Jahre bin ich in Österreich herumgefahren, die Staatspolizei hat mich nicht erwischt. Wenn nicht im November 1937 die Dame, die die Korrespondenz ausgetragen hat zu den früheren Spitzenfunktionären, hinter sich die Kriminalbeamten nachgezogen hätte...

 

Wie war das am 12.März 1938 um vier Uhr in der Früh?

Olah: Sie sind gekommen um halb, dreiviertel fünf, ich war schon beim Anziehen, zum Weggehen – ich hab gerechnet damit, dass sie mich holen werden. Zu spät. Kommen ein Kriminalbeamter und ein Polizist – „Aha, woll' ma scho gehen!“ Am Abend auf dem Kommissariat Hernals ist ein Polizist zu mir und dem Schärf gekommen (Adolf Schärf, Sozialdemokrat und späterer Bundespräsident, Anm.d.Red.), sagt: „Ich habeden Auftrag, Sie ins Polizeigefangenenhaus zu bringen, zur Rossauer Lände, mit der Tramway – wird ungut sein, sind ja überall Demonstrationen.“ Da hat der Schärf g'sagt: „Also ich zahl' a Taxi!“ Im Gefängnis bin ich in eine Einzelzelle gekommen, die mit acht Mann besetzt war. Jeden Tag ist einer weggegangen. Aber ich hab g'wusst, mich lassen sie nicht mehr raus.

 

Dann kam die Zugfahrt in der Nacht, vom Westbahnhof weg...

Olah:Nach zweieinhalb Wochen sind wir in eine Transportzelle gekommen. Alle haben gejubelt: „Wir gehen nach Hause!“ Einige haben demonstrativ den Völkischen Beobachter eingesteckt, ein anderer hat sich ein Hakenkreuz angeheftet, das er noch von draußen gehabt hat. Der mit dem Hakenkreuz hat a ordentliche Watsch'n kriegt von einem SS-Mann, der Nächste mit seinem Völkischen Beobachter hat auch seinen Teil abbekommen. Die sich angepasst haben, haben schlecht abgeschnitten (lacht), ich hab's ihnen vergönnt. Charakterloses Gesindel!

 

Herr Steiner, wie war das für Sie als 15-Jährigen aus katholischer Familie in Innsbruck?

Ludwig Steiner: Ende 1937, Anfang 1938kam es zu Straßenkämpfen gegen die Nazis, da hab ich mitgemacht. Im Frühjahr gab's dann eine gewisse Wende hin zu einem österreichischen Patriotismus. Plötzlich hat man in den Demonstrationen gegen die Nazis Rechte und Linke gemeinsam gesehen, katholische Studenten mit Sozialisten, sogar Kommunisten. Am 11.März dann war ich bei einer Einheit der Front-Miliz, die die Post verteidigen sollte. Am Abend hieß es, es wird nicht gekämpft. Das war die große Enttäuschung. Der 12.März hat damit begonnen, dass um vier Uhr in der Früh bei uns im Haus der Arbeiterkammerpräsident, ein Christlich-Sozialer, mit den Füßen voraus vier Stockwerke runtergezogen worden ist.

 

Olah: Hätten wir bewaffneten Widerstand geleistet, wir wären nicht so untergegangen. Ich habe dem Doktor Schuschnigg später einmal gesagt: „Haben Sie nie daran gedacht, was passieren wird? Sie müssen doch erfahren haben, wie auch Ihre Leute in Deutschland behandelt worden sind!“ Sagt er: „Was hätt' ich tun sollen?“ Ich: „Schießen lassen im März 1938!“ „Aber deutsches Blut vergießen...“, sagt er. Drauf ich: „Ja, sehen Sie denn nicht, wie viel deutsches Blut am Ende vergossen wurde?!“

 

Steiner: Ich war selbst überzeugt, dass es ein schwerer Fehler war, keine Waffen einzusetzen. Ich habe mich oft gefragt, auch während des Kriegs: Was wäre gewesen, wenn? Hätte das Bundesheer gehalten, hätte es schon ein paar Anfangserfolge erzielen können. Mit Blutvergießen, ja – aber wenn man das in Relation setzt zu den Toten des Krieges...

 

Herr Olah, was haben Sie sich erwartet, als Sie nach Dachau kamen?

Olah: Dass ich nicht sehr lebendig rauskomm'. Aber aufgegeben hab ich nicht! Steinbrucharbeit im Winter, Erdarbeiten, Abbrucharbeiten, alles hab' ich gemacht. Später 45 Tage Dunkelhaft. Am Baum war ich auch (gängige Bestrafung in Dachau: Inhaftierte wurden für eine Stunde mit den Armen nach hinten an einem Baum aufgehängt, Anm.d.R.). Da war ein Gefangener, mehrfacher Mörder, den hab' ich hie und da gesehen, und ich weiß nicht, er hat mir leidgetan. Ein uralter Mann, isoliert, ohne jeden Angehörigen. Da hab ich ihm in der Kantine einmal ein Packerl Keks gegeben. Als ich dann am Baum gehängt bin, hat er zu den Wärtern gesagt, der hängt viel zu hoch! Was ein Packerl Keks alles ausmacht.

Währenddessen wurden Sie, Herr Steiner, mehrmals von der Schulbank direkt zum Verhör geholt...

Steiner: Das war 1939. Sie haben gesagt: Wenn du zur SS gehst, wird dein Vater freigelassen. Dazu gab es die entsprechenden Schläge. Als junger Mensch hat man aber noch einen unglaublichen Willen. Das hat die Widerstandskraft also noch erhöht, sofern man's körperlich ausgehalten hat. Nach dreieinhalb Stunden ging's zurück in die Klasse. Meine Mutter hat mir gesagt: Dein Vater würde niemals dulden, dass du zur SS gehst. Du bleibst bei dem, was du machst.

 

Gab es den „Geist der Lagerstraße“?

Olah: Zwischen bestimmten Gruppen. Bei den Österreichern war er sehr stark ausgeprägt, den Roten und den Schwarzen. Nicht bei den Kommunisten! Wenn sie was ergattert haben, hat man keinen Bissen abgekriegt. Sie waren unkameradschaftlich, gehässig bis zum Letzten. Als wir in Dachau angekommen sind, haben sie gesagt: Na endlich, wir haben schon gewartet, dass ihr kommt! In manchen Dingen waren sie nicht besser als die SS.

Haben Sie zum Gedenken an 70 Jahre 1938 einen Tipp an die Regierungsparteien?

Steiner: Ja. Keine Frage, dass es damals Jubler in der Überzahl gab – aber wir werden doch wohl die Kraft haben, unsere eigenen Märtyrer zu nennen! Das wird immer verschwiegen, stattdessen wird die Reichspropaganda wiedergekäut.

Herr Olah, welche Gefühle überwiegen, wenn Sie heute an 1938 denken? Wut, Trauer?

Olah: Am meisten Bitterkeit über die damalige Regierung, die das Unglück nicht sehen wollte. Viele haben die Nazis ja herbeigesehnt aus Wut aufs Regime, wegen 1934, und weil es alles zerstört hat, was es an Kultur- und sonstigen Einrichtungen gegeben hat. Die Leute haben das nicht verziehen, auch nachher nicht. Ich war 1948 in New York, da hat ein Emigrant gesagt: Wie könnt ihr nur mit den Schwarzen in eine Regierung gehen! Damit wir nicht verhungern!, hab ich ihm geantwortet. Zuerst müssen wir Brot beschaffen, dann können wir streiten.

 

Und wie denken Sie heute über Schuschnigg?

Olah: Er war ein armer Mann! Er hat das wohl alles nicht übersehen. Und da war die Charakterlosigkeit so vieler seiner Leute! Ein hoher Polizeioffizier hat in Dachau beim Rasieren gesagt: Warum sperrt man uns ein? Wir waren ja immer national – und dass man die Roten aufhängt, dagegen ham ma ja nix! Aber von den wirklichen schwarzen Politikern ist keiner umgefallen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.01.2008)

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