Serbische Orthodoxe: Es ist ein Kreuz mit dem Kosovo

Amselfeld, Märtyrer, zerstörte Klöster: Der serbische Zorn hat eine religiöse Tiefenschicht.

(c) AP (Pier Paolo Cito)

Feuer in Belgrad: Was mit einer brennenden US-Botschaft und einer verkohlten Leiche endete, begann mit zehntausenden Kerzen vor der Kirche des heiligen Sava. Der Protestmarsch der 200.000 hatte vor dem Parlament begonnen. Doch sein Ziel war das zwei Kilometer entfernte Gotteshaus, das größte der serbisch-orthodoxen Kirche. Dort sollte ihr höchster Vertreter, Patriarch Pavle, eine Messe zelebrieren. Weil er krank wurde, vertrat ihn Amfilohje, der Metropolit Montenegros. Die Marschroute war, wie so vieles in der serbischen Geschichte und Gegenwart, ein Symbol. Die Politik von heute, die umstrittene Deutung des Völkerrechts, ist nur der offizielle Startpunkt des Volkszorns. Der Weg zur Kirche war ein Weg zurück an seine Wurzeln, zum Mythos und zur Religion.

Sollte die Messe in der Sava-Kirche das inszenierte Feuer der Wut mit versöhnlichen Worten löschen? Wohl kaum. Denn schon seit Monaten hatten Religionsvertreter mitgezündelt. Der kosovarische Bischof Artemije forderte, was zuletzt auch radikale Politiker nicht mehr gefordert hatten: eine Rückeroberung des Kosovo. Dabei soll Russland, der große Glaubensbruder, mit Militär und Waffen zu Hilfe eilen. Für den Synod der serbischen Bischöfe nimmt man den Serben mit dem Kosovo „seine Wiege, seine Seele und sein Herz“. Der Wiener russisch-orthodoxe Bischof Hilarion sprach von der „Vernichtung der christlichen Kultur unter Beihilfe der USA und ihrer Alliierten“.


Die Religion im Dienste der Politik

Politik und Glaube, weltliche und kirchliche Macht sind in allen orthodoxen Kirchen seit dem Oströmischen Reich eng verknüpft. Ein oft heilbringender, oft aber auch unheiliger Bund, den der Marxismus für wenige Jahrzehnte zerrissen hat. Seit 1989 werden die Bande, am Balkan wie in Russland, neu und fester geknüpft. Treibende Kraft sind Politiker von Milosevic bis Putin. Sie suchen die Unterstützung der orthodoxen Landeskirchen. Wo die Argumente im Diskurs der Politik versagen, sollen die Prediger übernehmen, an die Geschichte erinnern, Moral einfordern oder Emotionen schüren.

Erst 1999 rang sich Patriarch Pavle zu einer Verurteilung des Milosevic-Regimes durch. Noch 1997 hatte er einen Appell gegen die Haftbefehle für die Kriegsverbrecher Karadzic und Mladic unterschrieben. Sein Vorgänger, Patriarch German, stand 1989 Seite an Seite mit Milosevic auf dem Amselfeld im Kosovo. Die 600-Jahr-Feier der legendären Schlacht eines christlichen Heeres unter serbischer Führung gegen die Türken nutzte der kommunistische Präsident zu einer Brandrede, die den rhetorischen Auftakt zu den Jugoslawienkriegen bildete.


Das Amselfeld: Ein Mythos lebt

Das Amselfeld ist weit mehr als der Ort der Schlacht von 1389. Ihm entwuchs ein Epos vom gnostischen Kampf zwischen Licht und Dunkel. Wie tief seine Wurzeln reichen, zeigt der Feiertag zu seinem Gedenken: hinter dem „Vidovdan“ steht nicht nur der heilige Veit der Christen, sondern auch der altslawische Kriegsgott Sveti Vid, der „heilige Sieger“. Das spezifisch Christliche an der Amselfeld-Legende ist die Glorifizierung des Scheiterns, der Niederlage um des höheren Sieges willen. Tatsächlich vermeldete kein Zeitgenosse, die Serben seien geschlagen worden. Entscheidend nur, dass sie ihre Märtyrer fanden: Lazar, den im Kampf gefallenen Fürsten, und MilosObilic, den Attentäter, der den Sultan tötete. Dass Lazars Witwe wenig später die Oberhoheit des neuen Sultans anerkennen musste, wurde zur Niederlage stilisiert, zum Beginn des Leidens um des Glaubens Willen. Die Wahrheit war prosaischer: Die Fürstin brauchte die Hilfe des Sultans gegen einen Bruder in Christo, Sigismund, König von Ungarn. Tatsache ist, dass für die Serben Jahrhunderte der Fremdherrschaft folgten.

Nun hat die serbische Orthodoxie neue Märtyrer gefunden. Von 1999 bis 2004 wurden serbischen Angaben zufolge 150 orthodoxe Kirchen und Klöster von albanischen Extremisten zerstört oder geplündert. Dass dies vor den Augen der KFOR-Truppen geschah, prangern Orthodoxe aller Länder an. So sprach der Moskauer Patriarch Alexi II. im Dezember von „monströsen Verbrechen“ und machte eine Annäherung an die katholische Kirche von der Haltung des Vatikans in der Kosovo-Frage abhängig. Der reagierte vorsichtig, mit verklausulierter Kritik an der Anerkennung durch die USA und EU.

Die Vorgeschichte, die Verachtung und Unterdrückung der albanischen Mehrheit im Kosovo, wird bei all dem ausgeblendet. Wieder verblasst die Realität vor dem Mythos. Waleri Aleksejew, Präsident des Moskauer Fonds der „Einheit der orthodoxen Völker“, hat die Formel gefunden: Der Kosovo sei heute, mehr denn je, ein „Heiligtum für die ganze orthodoxe Welt“.

Siehe auch den Bericht „Unsere Flagge wird nie
im TV diskutiert“, Seite 38

DIE SCHLACHT AM AMSELFELD

Am 15.Juni1389 trafen in der
Gegend von Pristina, der heutigen Hauptstadt des Kosovo, 40.000 Osmanen unter Sultan Murad I. auf ein christliches Heer: 25.000 Serben, Bosnier, Mazedonier und Albaner unter dem serbischen Fürsten Lazar. Beide Anführer wurden getötet. Die Schlacht endete ohne klaren Sieg. Erst in der Folge konnten die Osmanen ihr Einflussgebiet auf die serbischen Kernländer ausdehnen, die erst wieder 1867 unabhängig wurden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.02.2008)

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