Roman Herzig: „Ich persönlich kaufe fast nichts aus Auktionen“

Roman Herzig, Wiens schillerndster Altmeisterhändler, spricht im Interview mit der "Presse" über TEFAF, Arcimboldo-Gerüchte und Messepläne.

(c) St. Lucas

Die Presse: Es gibt in Wien keinen geheimnisvolleren Kunsthändler als Sie. Ihre Galerie St. Lucas gleich neben der Stallburg ist als solche praktisch nicht zu erkennen. Die meisten wissen gar nicht, dass hier einer der international renommiertesten Altmeisterhändler logiert.

Roman Herzig: Diskretion gehört zum Handwerk dazu. Das ist das erste Interview, glaube ich, das ich seit zehn Jahren gebe.

Heute sind die Zentren des Kunstmarkts allerdings klar woanders zu suchen. Warum sind Sie Wien trotzdem treu geblieben?

Herzig: Wir betreiben das Geschäft seit drei Generationen. Aber Wien ist seit 1938 keine Sammlermetropole mehr. Es gab noch bis in die 70er-Jahre Ausläufer des Bildungsbürgertums, die ich im Geschäft bei meinem Vater noch miterlebt habe. Aber seit rund zehn Jahren haben wir in Wien gar keine Kunden mehr. Das Geschäft wäre von woanders wohl besser gewesen, das kann sein. Ich habe etwa heuer nur ein Bild aus Österreich bekommen, alles andere kommt aus England, Frankreich, auch ein wenig Italien. Ich reise eben viel. Dass in Wien einmal die Türe aufgeht, jemand hereinkommt und sagt: „I would like to buy a painting“ – das ist schon lange nicht mehr passiert. Aber ich kann mich an ein junges Paar in Tennisschuhen erinnern, bei denen die Sammelleidenschaft genau so begonnen hat: Heute geben sie Leihgaben an Museen.

Sie zählten 1987 zu den Neugründern der TEFAF. Heute ist sie die bedeutendste Kunstmesse der Welt – neben der Art Basel für zeitgenössische Kunst. Was sind die großen Veränderungen der letzten 21 Jahre?

Herzig: Heute kann man nur mehr die beste Qualität anbieten, etwas anderes wird einfach nicht mehr nachgefragt. Das Angebot war in den 60er-, 70er-Jahren noch nicht so selektiv. Es gibt heute eben mehr Verlockungen, das Angebot ist breiter geworden.

Wie das Sammlerfeld auch?

Herzig: Nein, unser Geschäft war immer ziemlich elitär, das muss ich zugeben. (Lacht.) Trotzdem kommen 60.000, 70.000 Besucher jährlich ins abgelegene Maastricht.

...wo es schon lange nicht mehr „nur“ Alte Meister und Antikes, sondern immer mehr auch aktuelle Kunst angeboten wird. Herrscht hier ein Verdrängungswettbewerb?

Herzig: Die räumliche Trennung innerhalb der Messe wird beibehalten, größer kann der Moderne-Teil also nicht werden, die Grenze ist erreicht. Die Mischung ist aber für uns Altmeisterhändler sehr wichtig. So lernen wir andere Kunden kennen, die dann hoffentlich sehen, dass sie bei uns für einen Bruchteil des Geldes, das sie für Zeitgenössisches ausgeben könnten, noch Hauptwerke bekommen. Beide Seiten gewinnen und verlieren also gleichermaßen.

Die Jury der TEFAF gilt als unerbittlich. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Herzig: Es ist die einzige Messe, die ich kenne, die sich eine wirklich rigorose Jury leistet. Jedes zweite Jahr verliere ich ein Bild an sie. Zwei Tage dürfen wir nicht in die Messehalle, wenn die Jury unterwegs ist. Wenn nur die kleinste Frage offenbleibt, muss das Werk nicht nur abgehängt werden, sondern wird während der ganzen Messe weggesperrt. Bei jeder anderen Messe würde dieses Bild dann doch irgendwie hergezeigt.

Sie stellen neben der TEFAF nur noch bei der Biennale des Antiquaires, Paris aus. Haben Sie in Österreich je an einer Messe teilgenommen?

Herzig: Doch, als ich 23 war, habe ich in Salzburg und Wien ausgestellt. Das war eine andere Welt, da hatten die Osterfestspiele wirklich ein erstklassiges Publikum.

Ein Londoner Kollege von Ihnen bietet an der TEFAF – die Presse berichtete – Guido Cagnaccis „Lucrezia“ um eine Million Euro mehr an als die 1,4 Mio., um die er sie voriges Jahr im Dorotheum ersteigert hat. Ist das nicht gar zu schnell wieder auf den Markt geworfen?

Herzig: Das heißt ja nicht, dass er diese Million mehr auch bekommt! Ich persönlich kaufe fast nichts aus Auktionen. Es ist die Aufgabe des Händlers, Bilder zu finden, die am Markt noch nicht bekannt sind.

Am Rande der Arcimboldo-Ausstellung im KHM kam das Gerücht auf, dass die dort leider fehlende „Terra“, die im Liechtenstein Museum als Leihgabe hängt, aus Ihrem Besitz stammt.

Herzig: Wish it was! Aber ich habe die Leihgabe nur vermittelt.

Sie sponsern als Mitglied eines Händlerkonsortiums die Öffnungstage des Liechtenstein Museums mit. Ist der Fürst ein derart wichtiger Kunde für Sie?

Herzig: Ein ganz substanzieller! Ich habe an ihn etliche sehr wichtige Objekte verkauft, etwa die Northbrook-Sammlung vermittelt. Der Fürst hat der Stadt ein riesiges Geschenk gemacht mit dem Museum. Rund um eine Eröffnung merke ich den Zustrom internationaler Museumsleute. Wenn er statt Wien mit seiner Sammlung nach London oder Bilbao gegangen wäre, bin ich aber überzeugt, dass man dort größeres Entgegenkommen gezeigt hätte. Hier ist man eher geneigt, es als Hobby eines reichen Mannes zu betrachten.

 

Wie stehen Sie zu der Kunstmesse, die im Liechtenstein Museum angedacht ist?

Herzig: Probieren sollte man es. Wir hätten in den nächsten Jahrzehnten vor allem die Chance, Publikum aus dem Osten anzulocken; wir sehen erst jetzt die ersten russischen Kunden. Und wer hätte schließlich gedacht, dass einmal gerade in Maastricht oder in Basel die wichtigsten Kunstmessen zu finden sein werden? Wenn die Vision da ist, kann das auch Wien. Aber dazu fehlt ein politischer Wille.

DER HÄNDLER, DIE MESSEN

Roman Herzig leitet in dritter Generation die Altmeister-Galerie Sanct Lucas, im Palais Pallavicini am Josefsplatz.
Die TEFAF läuft noch bis Sonntag, aus Maastricht werden 136 Privatflugzeuge und starke Nachfragen gemeldet.
Die österreichische TEFAF-Version läuft von 15.–24.3. in der Salzburger Residenz.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.03.2008)

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