Batsheva Dance Company: Ganz schön gaga

Das ist keine Beleidigung, so heißt die Bewegungssprache, die Choreograf Ohad naharin erfunden hat. Mit seiner weltbekannten Batsheva Dance Company kommt er nun zum ersten mal nach Wien.

(c) Tanzquartier

Keine Prinzen, keine Elfen, keine Schwäne.
Wenn die Batsheva Dance Company über die Bühne wirbelt, werden keine Märchen erzählt. Und doch sind zwei Feen an der Wiege des israelischen Ensembles gestanden. Die eine, vom Time Magazin 1998 zur „Tänzerin des Jahrhunderts“ gekürt, schenkte die künstlerischen und technischen Grundlagen, die andere, Baronesse und Philanthropin, das Geld. Martha Graham, Begründerin des Modern Dance, und Bethsabee Baronesse de Rothschild haben die Batsheva Dance Company in Tel Aviv gegründet. Die Baronesse mit dem Namen der Mutter von König Salomo (Bathseba, Bethsabee, Batsheva) wurde als Tochter des legendären Barons Edouard de Rothschild in England geboren und wuchs in Frankreich auf. Die Familie floh vor den Nazis nach New York, Bethsabee entdeckte im Studio der Ballettrevolutionärin Martha Graham ihre Liebe zum Tanz. Auf Reisen nach Israel sah sie tänzerisches Brachland, das es zu begrünen galt. Am besten mit einer eigenen Company. Die Baronesse gab dem neuen Ensemble ihren biblischen Vornamen, die Graham drückte ihm den künstlerischen Stempel auf. Bald reiste die Truppe als Botschafterin Israels um die Welt. Heute als staatliches Ensemble, immer in Begleitung zweier Bodyguards, weniger aus aktueller Angst, sondern weil der Sicherheitsaspekt zur Reiseroutine gehört.

Pflege des Körpers

Die Feen sind entschwebt – Martha Graham starb 1991 hochbetagt in New York, Bethsabee de Rothschild mit 85 Jahren in Tel Aviv. Für Kontinuität war längst gesorgt. Schon 1990 war der israelische Tänzer Ohad Naharin zum künstlerischen Leiter berufen worden. Der hatte damals bereits eine famose Karriere hinter sich. Geboren 1952 in einem Kibbuz, wurde er zuerst Musiker, bis er sich mit 22 für den Tanz entschied. Für seine Ausbildung suchte er sich die besten Lehrer, nach der Graham Maurice Béjart und Jirí Kylián. Danach zauderte er nicht lange, zeigte mit 28 Jahren seine erste große Choreografie, gründete vier Jahre später eine Compagnie. Längst hat Ohad Naharin seine Vorbilder hinter sich gelassen, eine eigene Tanzsprache und frische Trainingsmethoden entwickelt.

„Gaga“ nennt er augenzwinkernd die von ihm kreierte Bewegungssprache, mit der er im Training und auf der Bühne gänzlich neue Wege geht. „Gaga bietet die Hilfsmittel zur Verbesserung und Veredelung der Tänzer, sowohl technisch als auch gesundheitlich.“ Eigentlich will Naharin sein Gaga gar nicht erklären, aber er hat sich eine Theorie zurechtgelegt: „Ich lehre die Leute, ihre Bewegungsgewohnheiten zu erkennen, die Verbindung zwischen Schmerz und Lust, zwischen Qual und Glück zu finden.“ Entwickelt hat Naharin Gaga für sich selbst nach einer schweren Rückenverletzung: „Als Tänzer musste ich mit meinen Schmerzen und meiner Schwäche fertig werden. Ich musste besonders effizient sein, weil ich so behindert war.“

Gaga ist auch für Nichttänzer als Bewegungstraining geeignet und hat für seinen Erfinder weniger mit Tanz zu tun als mit der „Pflege des Körpers“. Klingt nach leichter Übung. Doch leicht macht es der Choreograf seinen Tänzerinnen nicht. Nicht was war oder was ist, will er erforschen, sondern „was der Körper noch alles kann.“ Im Grunde sieht er sich mit Gaga als Entwicklungshelfer.

Rasende Geschwindigkeit

Als Entwickler geht er auch an seine Choreografien heran: „Ich will zu einem Ort kommen, wo ich noch nie war.“ Auch zu „Max“, dem neuesten Stück, haben die Proben mit Improvisationen begonnen. Zwar hat Naharin immer ein vages Gerüst für seine Stücke, doch bevor die später auf der Bühne gezeigten Abläufe sichtbar werden, wird intensiv versucht, „über das Normale hinauszugehen“. Dann aber bewegen sich die Tänzer in rasender Geschwindigkeit, fliegen leicht wie Vögel scheinbar schneller als das Licht durch den Raum. Über die Geschwindigkeit hat Naharin seine eigenen Ansichten: „Gerade wenn du mit der Zeit arbeitest, musst du so tun, als ob es jede Menge davon gäbe. Wenn du hudelst und hetzt, wirst du nicht schnell sein. Statt schnell musst du elastisch sein. Es einfach laufen lassen, dann kannst du dich schneller bewegen.“

In „Max“ spielt Naharin eine Mehrfachrolle. Der Tänzer ist nicht nur Choreograf, sondern auch Sänger und Komponist. Zwar steht im Programmheft ein gewisser Maxim Waratt als Musikschöpfer, doch fragt man Naharin nach dessen Biografie, so behauptet er, dass Maxim (= Max) keine hat. Inmitten der Meere geboren, gibt er sein ganzes Leben für die Kunst. Erzählt „Max“ also eine Geschichte? Niemals, wenn Ohad Naharin am Werk ist. Für ihn ist die knappe Stunde mit „Max“ eine Reise in das menschliche Wesen, zugleich auch eine Reise zu den Wurzeln der Bewegungen, die all dies ausdrücken. Wie seine Komposition – mehr Geräuschkulisse als Musikbegleitung – sieht Naharin auch die Bewegungen des Tanzkörpers als oszillierendes Puzzle. Wer will, kann es zusammensetzen: Die 45 Jahre alte weltbekannte Company gastiert zum ersten Mal in Wien.

Tipp

Ohad Naharin „Max“, Batsheva Dance Company, Europapremiere, Tanzquartier, 29., 30., 31.3. Künstlergespräch mit Ohad Naharin im Anschluss an die Vorstellung vom 30.3.

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