Dominik Steiger: Hang zum Trödel

In ein künstlerisches Schema lässt sich Dominik Steiger nicht einordnen. die Sprache ist es, die ihn immer wieder anzieht. Und die er dann mit so manchem Fundstück fruchtbar verbindet.

(c) Schaufenster (Julia Stix)

Nein, Leisesprecher ist Dominik Steiger keiner, obwohl man sich das angesichts seiner zierlich-zarten Arbeitsweise gut vorstellen könnte. Zum Beispiel, wenn man seine winzigen, mit feiner Feder ausgeführten „Knöchelchen“-Zeichnungen kennt. Oder seine poetisch-abstrakt auf Küchenpapier hingetupften Aquarelle. Oder wenn man das seltene Glück hatte, ihn singen zu hören bei einer der legendä-ren Matineen, die Christian Ludwig Attersee in den frühen 1980ern mit Hermann Nitsch, Günter Brus, Gerhard Rühm, Walter Pichler, Dieter Roth im 20er-Haus beim Südbahnhof veranstaltete. Nachdem es die anderen hatten krachen lassen, suchte sich Steiger ein Plätzchen weit rechts am Bühnenrand und stimmte dort nach einer kleinen Beruhigungspause ganz leise „a bisserl Lied“ an.

Wenn er spricht, dann hat Dominik Steiger eine feste Stimme, die er umso sorgfältiger einsetzt, je konzentrierter er über die Kunst und seine Arbeit redet. Jedesmal, wenn eines der wohlbedacht gewählten Worte seinen Mund verlässt, kommt einem in den Sinn, wie sich einst einer von Steigers literarischen Vorgängern, Heinrich von Kleist, in einem Aufsatz Gedanken gemacht hatte „über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“. Das entspricht ganz der Art, wie Steiger mit den Dingen umgeht, mit seiner Umwelt und auch mit den Menschen – sich vorsichtig und sorgsam nähernd, abwägend, prüfend, um dann schließlich zu einem Ergebnis zu kommen, das ebenso ein Objekt sein kann wie eine Zeichnung, eine Edition oder ein Text.

Grenzgänger.

Da legt er sich nicht fest. Denn Dominik Steiger ist an sich schon ein Grenzgänger. Einer, der sich nicht in ein künstlerisches Schema à la „Wiener Gruppe“, „Aktionismus“ oder dergleichen einpassen lassen will. So eine Zuordnung wäre ja nicht einmal eine unangemessene Forderung angesichts der 68 Lenze, die er zählt – und wo man weiß, dass in seiner Biografie Künstler wie Oswald Wiener, Konrad Bayer, Gerhard Rühm, H. C. Artmann, Dieter Roth und die Aktionisten eine gewichtige Rolle spielten. Allerdings stuft er selbst sie alle mehr als Freunde und Anreger ein denn als künstlerische Weggefährten.

„Kennengelernt habe ich sie, als ich mir in Kurt Kalbs Trödelladen in der Bäckerstraße etwas Geld als Laufbursche und Ladenhüter verdiente. Ich selber war ja mit allem viel später dran“, sagt Steiger, der zwar 1961 nach ersten literarischen Gehversuchen bereits einen Gedichtband im Selbstverlag veröffentlichte, aber einen Erfolg erst 1968 landete, im „aufgeregten Jahr“, mit kleinen Texten zur „Verbesserten großen sozialistischen Oktoberrevolution“, womit er wiederum einen Fuß in die Tür des Suhrkamp-Verlags setzte und in der Folge dort zwei Bücher veröffentlichen konnte.
Aber die genügten seinen Ansprüchen nicht. „Ich hatte eben erst die schönsten Beispiele zeitgenössischer Literatur kennengelernt und war überhaupt noch nicht auf dem Level. Ich habe eine Pause benötigt“, sagt er. In dieser Pause fing er an, in seine Schreibhefte zu zeichnen – winzig, was in vielem an die Zeichenhaftigkeit von Schrift erinnerte: „Es war logisch, dass das so aussah, wie es aussah. Ich war ja auch ein kleiner Künstler.“ Die Zeichnungen markierten den Anfang seines Tuns als bildender Künstler und sind in ihrer feinen Art wegweisend bis heute, wenngleich er längst in größeren Formaten arbeitet. Parallel fing er an, neu zu schreiben, sich künstlerisch vor allem mit Dieter Roth auszutauschen, an der Volkshochschule die Technik der Radierung zu erlernen und auf Sprachspielen basierende Schriftbilder zu malen, die er Letterfälle nannte.

Die Kunst der anderen.

Aber egal ob Sprache, Farbe, Linie oder gefundener Gegenstand: Nach Steigers Kunstverständnis sind das alles gleichberechtigte Medien, die, wenn es sich ergibt, alle in eine künstlerische Form gebracht werden können. Das kann dann auch durchaus so etwas Vergängliches sein wie jenes skurrile Chiffre-Inserat, das er vor Jahren beim Zeitunglesen ausfindig machte: „LANGWEILIGER u. häßlicher Heilmasseur, 37, würde gerne ältere Dame zum Tee einladen. Unter „4012326/B“ an „Die Presse“. Der Text gefiel ihm so, dass er ihn in seiner ganzen Kleinheit und Unscheinbarkeit nobilitierte, indem er ihn zur monumentalen Siebdruckvorlage vergrößerte, auf ein plissiertes Stück gelben Markisenstoff aufbrachte und dieses wiederum in sechsfacher Stückzahl als Multiple auflegte. Dass sich Sprache und Objektwelt die Hand reichen, ist typisch für ihn.

Auf diese Symbiose stößt er immer wieder. Sein ganzes ebenso an- wie aufgeräumtes Atelier im Dachgeschoß eines Jugendstilhauses ist voll davon. Zumal im Fensterkasten, den er zur Vitrine umfunktioniert hat, finden sich jede Menge Findlinge dieser Art, angefangen von Obstschachteln, die er übermalt hat, bis hin zu Gegenständen, die an Joseph Beuys’ Besuch in seiner Wohnung erinnern. Damit schließt sich auch der Kreis zu seinen Anfängen als Ladenhüter in Kurt Kalbs Trödelladen. Das passt Dominik Steiger ganz gut in den Kram. Denn eines weiß er sicher: „Ob es Kunst ist, sagen die anderen.“

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