Schauspielhaus: Die zerschnittene Existenz

Marius von Mayenburgs „Der Hässliche“: Schönheitsoperation macht matte Karrieren munter. Routinierter Spaß, raffiniert verpackt, flott serviert.

(c) Alexi Pelekanos

Das Fernsehen kann nicht genug von ihnen bekommen: Mann und Frau von der Straße erzählen aus ihrem Leben. Dort verbergen sich die tollsten Romane. Diese wollen ins Scheinwerferlicht. Der Exhibitionismus kennt keine Grenzen. Auch das Theater entdeckt mehr und mehr lohnenden Stoff im Alltag, etwa im Büro: fiese Kollegen, verpatzte Karrieren. In Urs Widmers „Top Dogs“ verarbeiten abgesägte Chefs ihren Frust, in Kathrin Rögglas „junk space“ werden Phobien kuriert, ein Starbroker verliert mit seinem Job auch gleich seine Identität: „God save America“ (Biljana Srbljanovic).

Mit „Feuergesicht“ hat sich der 35-jährige Münchner Marius von Mayenburg 1998 in die Theater-Charts katapultiert: eine unheimliche Familiengeschichte, tolerante Eltern gegen rabiate Kids. Mayenburgs Stücke sind drastisch, wild, aber auch schematisch, thesenhaft. In Deutschland werden seine Dramen („Der Parasit“, „Das kalte Kind“) viel gespielt und von namhaften Regisseuren inszeniert. „Turista“, ein halb tragisches, halb komisches Campingplatz-Märchen in der Regie von Luk Perceval war 2005 bei den Wiener Festwochen zu sehen.

„Der Hässliche“, seit Mittwoch im Wiener Schauspielhaus zu erleben, wirkt im Vergleich zu anderen Mayenburg-Stücken fast heiter. Vielleicht liegt das an der Inszenierung von Marlon Metzen. Durch den leichten Ton wird das Spekulative des Textes deutlicher sichtbar. Man starrt nicht mehr gebannt auf die grausame Story, sondern denkt: Was sind das für billige Tricks?


Schlag nach bei Freud und Benjamin

Allein die Kombination wirkt schon aufdringlich auf Effekt konstruiert: Ein hässlicher, aber intelligenter Mann hat einen speziellen Stecker erfunden. Präsentieren und verkaufen aber soll ihn sein fescher Kollege. Lette, der Hässliche, kauft sich ein neues Gesicht. Jetzt ist er schön, darf auftreten. Die Frauen laufen ihm nach. Doch allmählich wird ihm klar, dass seine Existenz durch die Schönheits-OP komplett auf den Kopf gestellt wurde. Nicht nur das, der Chirurg verkauft Lettes Gesicht in großem Stil, sodass schließlich lauter Lettes herumlaufen. Der echte Lette verliert seinen Job, seine Frau. Ihm bleibt nur mehr Selbstmord. Mit dem Fahrstuhl fährt er zum Dach eines Hochhauses, doch in letzter Minute...

Nein, nicht einmal dieses Finale ist überraschend, sondern wirkt langatmig und ausgetüftelt. Die Moral von der Geschicht' hat man rasch heraußen. Schließlich sind auch Schönheitsoperationen seit Jahren fester Bestandteil des Fernsehprogramms. Was gibt es Spannenderes, als sich beim abendlichen Schnitzel über die grässlichen Verwerfungen echten Menschenfleisches auf der Mattscheibe zu echauffieren?

Was Mayenburg uns sagen will: Ohne gutes Aussehen kommt der gescheiteste Mensch heutzutage nicht weit. Verliert er aber auf der Karriereleiter emporkraxelnd jede Hemmung und gar auch noch sein Gesicht, dann ist auch seine Identität dahin. Was für eine Idee! Sie ist allerdings alt. Das Programmheft zitiert E.T.A. Hoffmann, Walter Benjamin und Sigmund Freud, der das Doppelgängertum ausführlich beschrieben hat. Von daher weht also der Wind.


Scheffler, ein brutal netter Chef

Der Text ist flott – und das gilt auch für die Inszenierung, die wieder einmal vor der Ziegelwand mit ein paar Sesseln auskommt. Die beste, aber auch vordergründigste Figur ist Scheffler (Christian Dolezal), einmal als Lettes Chef, dann als Lettes Chirurg, ein begnadeter Surfer auf den Wogen des Erfolgs, blitzschnell in der Reaktion, rhetorisch brillant, gnadenlos auf seinen Vorteil aus.

Dass dieser Kerl sein Ego in jeder Lage so glänzend ins Licht zu rücken weiß, liegt an seiner körperlichen und geistigen Fitness. Er ist ausgeruht, weil er nicht viel arbeitet. Das braucht er auch nicht, wozu hat er schließlich seinen Instinkt fürs Wesentliche? Dolezal als Scheffler drückt die anderen an die Wand. Wie Spielfiguren scheint er die Kollegen umherzuschieben: Lette (Johannes Zeiler), Fanny (Bettina Kerl), Karlmann (Vincent Glander). Regisseurin Metzen hat Mayenburg den Säbelzahn gezogen. Womöglich ist er hohl? Trotzdem ist es immer wieder eine Lust, den Schauspielhaus-Schauspielern in ihrer beweglichen, lockeren Authentizität zuzusehen. Diese Leute können gar kein Stück versenken. Das Publikum schien sich köstlich zu amüsieren.

Das Theater klaut, auch vom Entertainment, gibt diesem einen gesellschaftskritischen Anstrich und trumpft mit Weisheit auf, die hernach flink ironisiert wird. Alles recht amüsant, aber auf Dauer wird sich das neue Drama auch wirklich Neues einfallen lassen müssen. „Feuergesicht“ hatte davon seinerzeit mehr als „Der Hässliche“, der bloß dutzendmal Durchgekautes repetiert.

EIN HAUCH BOULEVARD

Neues Gesicht, neue Karriere:
„Der Hässliche“ – österreichische Erstaufführung, die Uraufführung war 2007 an der Schaubühne Berlin – wird im Schauspielhaus am 19., 20., 23.4. gespielt. ? 317-01-01/11

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.04.2008)

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