Viennafair: Junge Kunst, junges Budget

1900 € – das durchschnittliche Bruttogehalt in Österreich. Welche Kunst bekommt man dafür auf der Messe?

(c) Reuters (Heinz-Peter Bader )

Natürlich würde heute jeder gerne eine mächtige Übermalung von Arnulf Rainer, ein empfindliches Körperfarben-Bild von Maria Lassnig, eine afrikanisch gemusterte harte Couch-Ikone von Franz West oder eine fotografierte „One Minute Sculpture" von Erwin Wurm in seinem Wohnzimmer prangen haben. Aber sorry, unter ein paar zig bzw. hunderttausenden Euro ist da nichts mehr zu machen. Nur um den Rahmen abzustecken: 220.000 € kostet auf der „Viennafair" eines der seltenen späten großen Lassnig-Bilder (Kratochwill), 55.000 € ein großes Ölbild Herbert Brandls (Schwarzwälder), ein Tony-Cragg-Kopf 165.000 € (Knoll) und eine übermalte West-Collage 45.000 € (Meyer Kainer). Für den Großteil vor allem der jüngeren österreichischen Kunstinteressenten ist der Sammler-Zug für diese Stars also bereits längst in Endstation Sehnsucht eingefahren.

Aber gerade auf jungen Kunstmessen wie der „Viennafair" kann es für angehende Sammler besonders interessant sein, auf die Jagd nach (noch) weniger bekannter Kunst vor allem der eigenen Generation zu gehen. Die „Presse" machte sich für sie mit rund 1900 €, laut Statistik Austria das durchschnittliche österreichische Bruttogehalt, in die Kojen der Newcomer und die Hinterkammerln der renommierteren Galerien auf. Und wirklich, ab ein paar Hundert Euro ist man im collectors club schon dabei . . .

Rettet die schräge Tasse!

Bei Markus Wilfling etwa, dem Uhrturm-Verdoppler von 2003, als Graz noch europäische Kulturhauptstadt war: Fünf Jahre später scheint der 1966 geborene Künstler seine Schatten der Vergangenheit überwunden zu haben, täuscht unsere Optik aber immer noch gerne: Am Stand der neuen Grazer Galerie „artepari" gerät unsere Perspektive ins Wanken, versinkt eine Badewanne und neigt sich eine Etagere - dass von ihr gerade eben eine ebenfalls recht schräge Kaffeetasse gerutscht und am Boden zerschellt zu sein scheint. Retten Sie die nächste Tasse um 550 €, sie ist aus Porzellan mit jeweils individuell übergeschwapptem, kaffeebraunem Epoxiharz, und es gibt insgesamt nur zehn Stück.

Jung (* 1981) und - aber hallo! - aus Leipzig ist Steve Viezens. An ihm zeigt sich nicht nur der ausgezeichnete Technikruf der durch Neo Rauch berühmt gewordenen Kunsthochschule, sondern auch der Reichtum seiner so zarten wie bizarren Fantasiewelt: Eines der bühnenhaften Papierobjekte, die am Stand der Berliner Galeristin Antje Wachs hängen, ist mit Totenkopf und Konfettikranz nicht nur inhaltlich als ironischer Kunstmarkt-Kommentar auf Damien Hirsts millionenteuren Diamantentotenschädel zu lesen. Sondern auch preislich - 700 €. Morbide Gemüter mit endenwollenden Budgets werden hier überhaupt (recht) glücklich: Mit Zeichnungen der jungen Pragerin Eva Kotakova (300 €) etwa oder den Fotos vom litauischen Manifesta-7-Teilnehmer Darius Ziura (1500 €).

Kunst aus dem „Ghetto"

Kunst aus Osteuropa - der Schwerpunkt der Viennafair - ist aber nicht nur im „Ghetto" der Messe zu finden, wie böse Zungen die heuer zur dichten Zone zusammengefassten 25-m2-Kojen nennen; die Teilnehmer sagen lieber „Friends Corner". Rosemarie Schwarzwälder etwa teilt sich mit ihrem Warschauer Kollegen von „Raster" einen normalgroßen Stand. Hier findet man die 1971 geborene polnische Künstlerin Agnieszka Kalinowska. Auf ihre grazilen Stroheinlegebilder, in denen sie Julia Timoschenkos charakteristische Zopffrisur mit den Wirbeln von Hurricane Katrina gleichsetzt, sollte unbedingt ein Blick geworfen werden (trotz der 5600 €). Dafür kostet das Objekt „Burning String" aus Papierschnur mit rotem Garn nur 1800 €.

Aber nicht nur Papierarbeiten, auch Ölbilder - sogar mit konzeptuellem politischen Hintergrund - können erschwinglich sein. Wenn Csaba Nemes wie geplant allerdings wirklich Ungarn bei der Biennale Venedig vertreten hätte, wäre das wohl nicht mehr so. So wurde er aber, erzählt Galerist Hans Knoll, aus politischen Gründen durch Andreas Fogarasi ersetzt. Diese Gründe kann man in seiner Koje genauer betrachten: Auf einem Video und mehreren kleinen Bildern (1070 €) hat Nemes ganz lapidar die Straßenunruhen in Budapest 2006 festgehalten, bei denen wieder die Fahne der faschistischen ungarischen Pfeilkreuzler aufgetaucht war.

Mädchenträume mit Untiefen

Aber auch veritable Großformate müssen bei kleineren Budgets keine Träume bleiben: Die Galerie Chobot etwa zeigt eineinhalb Meter hohe wie breite Buntstiftzeichnungen der 30-jährigen Muntean/Rosenblum-Schülerin Sevda Chkoutova um 2500 €, kleinere kosten 770 €. Die ephemeren Mädchenträume sind auf den zweiten Blick aber mit einigen Untiefen und Unschärfen versehen . . . Dass man sich aber selbst ein Werk einer bereits gut eingeführten jungen Malerin noch leisten kann, überrascht bei „Krobath Wimmer" dann aber doch: Kleine Ausschnitte (30 mal 40 cm) aus Esther Stockers schwarzweißen Systemen kann man sich um 1500 € sichern.

VIENNAFAIR: Daten & Fakten

126 Galerien aus 19 Ländern präsentieren bis Sonntag (27.4.) Werke von rund 1000 zeitgenössischen Künstlern in der Halle A der Messe Wien im Prater.

Ein besonderer Schwerpunkt wird dabei den Galerien aus Ost- und Südeuropa gewidmet. Ihr Auftritt wird zum Teil von der Erste Bank gefördert, die eine große Sammlung hat und sich am Umbau des Museums des 20. Jahrhunderts im Schweizer Garten fürs Belvedere beteiligt.

Zahlreiche Künstler sind auf den insgesamt 12.000 Quadratmetern der Viennafair doppelt oder mehrfach vertreten, z.B. Arnulf Rainer, Hermann Nitsch, Bruno Gironcoli oder Herbert Brandl. Die Messe internationalisiert sich. So sind drei britische Galerien heuer erstmals vertreten.

Öffnungszeiten: Samstag 11–19h, Sonntag 11–18h, Eintritt: Tageskarte: 15 Euro. Schüler und Studenten: 11.50 Euro. Internet: www.viennafair.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.04.2008)

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