Voss und Kirchner feiern den 100. Geburtstag George Taboris

In knapp eineinhalb Stunden vermitteln zwei große Schauspieler das Glück, das „Der Bühnenarbeiter“ der Bühne bereitete .

FOTOPROBE ãELISABETH IIÒ IM BURGTHEATER
FOTOPROBE ãELISABETH IIÒ IM BURGTHEATER
(c) APA

Es ist fast so, wie es einmal war. Noch verdeckt der Vorhang im Akademietheater die Bühne, da hört man die vertraute, leicht knarzende Stimme von Gert Voss wie aus dem Jenseits. Er sitze seit 20 Minuten hier. „Ist Ignaz noch nicht da?“, fragt er. Es klingt wie ein Befehl. Tatsächlich geht nun der Vorhang auf, eine Inspizientin lässt Kirchner ausrufen, der rauchend mit einem Eimer daherkommt. Der kongeniale Bühnenpartner des Burgtheater-Stars holt sich einen Sessel, beide sitzen mit dem Rücken zum Publikum auf der leeren Bühne mit verkratztem Boden.

Was wird gegeben? Die beiden stellen sich an, als ob sie auf einer Probe wären, doch genau das war das Konzept einer eigenwilligen Aufführung von Samuel Becketts „Endspiel“, die der 2007 verstorbene Theatermacher George Tabori mit diesen beiden Darstellern hier inszenierte. Man sieht aber nicht das Stück, sondern eine Erinnerung daran, an all die tollen Einfälle, mit denen Voss und Kirchner vor gut 16 Jahren das Publikum unterhielten. Voss beherrscht als Hamm den von Kirchner gespielten Clov. Er leitet ihn an, mit Kreide ein Zimmer zu zeichnen, macht seine Schuheinlagen zu Schlappen, zerschneidet dessen Strümpfe und die Hose. Er zwingt ihn zur Nachahmung eines großen Darstellers, um den dann noch besser zu kopieren. Slapstick: Sie färben sich Gesichter und Kleidung kreideweiß.

Ganz wie einst? Nichts ist so, wie es war: Die beiden setzen sich wieder und betrachten auf einer Videowand, wie sie, eine halbe Generation jünger, genau diese Szene gespielt haben. Das ist pure Nostalgie, und sie ist angebracht, denn an diesem kurzen und kurzweiligen Abend wurde am Donnerstag George Tabori geehrt, der vor hundert Jahren am 24. Mai in Budapest geboren wurde: „Der Bühnenarbeiter“ heißt das von Ursula Voss einfühlsam gestaltete, großartige Spiel.

 

Ein leerer Thron für den Regisseur

Wie vermisst man ihn, besonders wenn die Besten an der Burg seiner gedenken! Sie erinnern – an den Exilanten, der in Hollywood mit Hitchcock und Brecht an Drehbüchern arbeitete, der das Grauen der Nazi-Zeit mit schwarzem Humor künstlerisch bewältigte und 1971 in die Mitte Europas zurückkam. An die Farce „Mein Kampf“. Es gibt Anekdoten über die Inszenierung von Shakespeares „Othello“ zu hören. Ab 1986 war Tabori prägend für das Theater in Wien, erst kurz in „Der Kreis“, dann viel länger an der Burg.

Voss und Kirchner spielen ein wenig aus „Goldberg-Variationen“, wieder die perfekte Persiflage von Herr und Knecht, Gott und Welt. Voss wird für Sekunden mit tiefer Stimme der Meister selbst, aber nicht ganz. Denn der sitzt unsichtbar auf einem Thron rechts von den beiden. Bald hat Kirchner ein ansehnliches Porträtbild dorthin geschleppt. Tabori mit Kochmütze, auf dem Sitz liegt der Gürtel eines Bühnenarbeiters, angeblich ein Geschenk von damals. Am Schluss singen die beiden ein Lied. Sie versuchen es zumindest. Try. „Vögelchen, flieg...“ Fail better. Das hätte ihm sicher gefallen, so wie all das Vergangene, voller Wehmut und Witz.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.05.2014)

Kommentar zu Artikel:

Voss und Kirchner feiern den 100. Geburtstag George Taboris

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen