Ausstellung: Keine Kuh für ein Mohammed-Abbild

Indische Karikaturen im Moya.

Die Sanduhr der indischen Unabhängigkeit: Puristisch rieselt oben Mahatma Gandhi sanft-naiv lächelnd hinein, die „große Seele“ geht durch das Öhr. Sein Geist, sein Erbe verwandelt sich im unteren Bauch der Uhr in einen fetten Politiker mit Tussi am Schoß, der auf Geldsäcken und Gepeinigten thront.

Natürlich, Karikaturisten überzeichnen immer. Doch sind solche Extreme in Indien eine Spur realistischer als in Europa. Und den Zeichnern steht auf dem Subkontinent eine blühende Zeitungslandschaft offen, 2001 wurden knapp 52.000 Printmedien für die 1,3Milliarden Einwohner gezählt. Eine Karikaturenausstellung, die anlässlich der Frankfurter Buchmesse 2006 zusammengestellt wurde, gastiert bis morgen in Wien.

R. K. Laxman ist der wohl bedeutendste zeitgenössische Karikaturist. Er sieht seine Arbeit definitiv als Instrument zur Kritik, die sollte aber nicht verletzen – eine erhebliche Einstellung in einem Land, das von Spannungen mit dem Islam geprägt ist. Über 100Millionen Moslems leben in Indien. Es kommt zwar zu Aufreger-Zeichnungen, nie aber erreichten sie das Ausmaß der Mohammed-Karikaturen, heißt es in der Ausstellung.

Themen der Zeichner sind Tourismus, der Graben zwischen dritter und erster Welt und die Gleichberechtigung: Die indische Frau steht auch heute nicht auf Augenhöhe des Mannes, arrangierte Ehen sind Alltag. 1997, im 50. Jahr der Unabhängigkeit Indiens erschien ein Frauenporträt (siehe Bild unten). Verheiratete tragen einen Punkt auf dem Stirnchakra, das Bindi. Das ist mittlerweile auch Mode-Accessoire, das übrigens aufgeklebt wird. Hier steht es gleichzeitig für „Unabhängigkeit“ und – auch elf Jahre später – „In Abhängigkeit“. trick

„Indien im Blick“: bis Samstag (Moya, Löwelg. 20, Wien I, 10–17h, freie Spende).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.05.2008)

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