"Besuch der alten Dame": Shoppen und Morden

Volkstheater. Friedrich Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck: Starke Protagonisten, aber zu viele entbehrliche Details.

(c) AP (Hans Punz)

Mit einem Klassiker der Moderne geht das Volkstheater ins Finale der Saison. Freitag hatte Dürrenmatts vor mehr als 50 Jahren entstandene tragische Komödie „Der Besuch der alten Dame“ Premiere. Überraschend aktuell hat Alexander Kubelka dieses Gleichnis über die Todsünde der Gier und das Unmenschliche an der Vergeltung inszeniert. Stark spielen Vera Borek und Rainer Frieb die Hauptrollen: Claire Zachanassian ist nach 45 Jahren als Milliardärin in ihre Heimatstadt Güllen zurückgekehrt, um sich am Krämer Ill zu rächen, der sie damals geschwängert, verlassen und verraten hat. Die alte Dame fordert von der insolventen Stadt den Kopf des Ex-Liebhabers. Eine Milliarde erhalte der Ort, wenn man Ill beseitige. Das ist köstliche Schweizer Ware.

Sie beginnt in einem sparsamen Set (Bühne: Paul Lerchbaumer). Güllen, dieser heruntergekommene Ort, diese Drecksstadt, wie schon der Name sagt, besteht aus grauen Betonwänden, Kernstück ist eine öffentliche Bedürfnisanstalt, die einst der Vater der alten Dame gebaut hat. Dort verrichten später Polizei (Georges Kern, Thomas Kamper), Bürgermeister (Alexander Lhotzky), Lehrerin (Katharina Straßer) öffentlich ihr Geschäft. An der Rampe spielt ein zurückgebliebener junger Mann (Jonas Melchinger) mit einer Modelleisenbahn. Ständig rauschen Schnellzüge durch. Früher haben sie in Güllen gehalten, jetzt wird lautstark mit Dolby-Stereo-Sound (Musik: Mischa Krausz) durchgefahren. Bis eben ein Güterzug außerplanmäßig hält, bis Borek ihren ersten großen Auftritt hat. Unheimlich ist sie, schwer durchschaubar, ein dunkles Monster: „Ich kenne die Welt, weil sie mir gehört.“ Einen läppischen, leicht durchschaubaren, nervösen Macho gibt hingegen Frieb. Das passt, verbraucht sich aber nach geraumer Zeit. Borek zeigt die kalte Routine einer Ex-Hure, die sich serienweise Ehemänner hält und zu einem Global Player der Wirtschaft wurde. Aus Rache hat sie Güllen erst in den Ruin getrieben, dann in den Konsumrausch, um schließlich den völligen moralischen Verfall zu bewirken.

Ihr Personal (Thomas Bauer, Wolf Dähne, Peter Vilnai, Till Firit) wirkt absurd wie aus einem Stück von Beckett oder Ionesco. Der schmierige Ill glaubt anfangs noch, seine Beziehung zu Claire werde die Stadt retten. Im Verfall erhält diese Figur fast dämonische Züge. Seine unbedarfte Familie (Johanna Mertinz, Luisa Katharina Davids, Christoph F. Krutzler) bittet er zu einer Spritzfahrt und spielt dabei mit einer großen Hacke. Das ist ein überflüssiges aktuelles Axtmörder-Detail, so wie eine viel zu große Killer-Geste: Als Frieb auf ein Gemälde Claires eindrischt, rinnt Blut raus, ein Symbol auch für das Missglückte in dieser Regie. Denn Kubelka verrennt sich im Laufe des Abends in allzu aufdringliche Mätzchen, und weil gut zwei Dutzend Schauspieler von ihm viel zu lieblos als Chor eingesetzt werden, wirken die zweieinhalb Stunden dann doch etwas hausbacken und unfertig. Selbst ein Charakterdarsteller wie Andy Hallwaxx hat als Arzt eine sehr flache Rolle, Thomas Meczele als Pfarrer oder eine Reportermeute sind bloße Karikaturen.


Halblustige Wortspiele

Viel Holzhammer: Die Einwohner bekommen von der Milliardärin als Einstandsgeschenk Wecker (Claire: „Ich warte!“), sie tragen schließlich fast alle gelbe Turnschuhe oder rosa Kläri-Leibchen, weil sie von Claire gekauft sind. Auf Kredit shoppen sie in Erwartung der Milliarde bei Ill seltsame Sachen wie zum Beispiel uniforme rote Rasenmäher. Die Wortspiele an den Wänden (W/ILL/KOM/MEN/KLÄR/I) sind halblustig. Und die Videowall, ganz im Dienste Claires als Zeichen für den Überwachungsstaat, darf natürlich auch nicht fehlen.

Irgendwann also gehen bei dieser Inszenierung die guten Ideen aus und platte Bilder dominieren – schade, denn es gibt auch ziemlich viele schöne Passagen, die durch die Leerläufe an Wirkung verlieren. Das ist das Tragische an dieser durchwachsenen Volkstheater-Komödie mit ihrem beeindruckenden Schluss: Ill wird von den Mitbürgern mit einem seiner Konsum-Sackerl erstickt: Herzschlag. Tod aus Freude.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.05.2008)

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