Akademietheater: Irre Ausfahrt zum Anus der Welt

Dušan David Pařízek macht "Die lächerliche Finsternis" von Wolfram Lotz mit vier tollen Schauspielerinnen zu einer augenzwinkernden Expedition in Abgründe.

(c) APA/GEORG HOCHMUTH

Nicht einmal die Pause ist eine richtige Pause in Dušan David Pařízeks Inszenierung des an sich als Hörspiel gedachten Textes „Die lächerliche Finsternis“ von Wolfram Lotz, die am Samstag in Wien uraufgeführt wurde. Nach weniger als einer Stunde geht Dorothee Hartinger zurück zur Bretterwand hinter dem Bretterboden, die auf der karg ausgestatteten Bühne des Akademietheaters eine Art Not-Pawlatschen bilden, und stößt sie mit nachlässiger Gebärde um. Alles nur Schein, keine Wand, sondern lose Latten, die jetzt herumliegen.

Von einem der zwei Projektoren vorn, die zuvor und danach spärliche Illusionen einer exotischen Reise vermitteln, wird diese Botschaft an die massive Rückwand der Bühne gestrahlt: „20 Minuten Pause, wenn Sie wollen.“ Die meisten Zuseher befolgen den Rat und gehen ins Foyer. Zettel machen darauf aufmerksam, dass sich Feinstaub bilden könne. Inzwischen nämlich findet drinnen eine symbolische Aktion statt, die diese Paraphrase von Joseph Conrads Novelle „Heart of Darkness“ und Francis Ford Coppolas Film „Apocalypse Now“ zusammenfasst. Die Welt, diese Hölle an Ausbeutung, die immer noch an den Folgen des Kolonialismus leidet, wird theatralisch zu Sägemehl. Latte um Latte kommt in den Häcksler, während auf Band ein südafrikanisches Lied erklingt, das die vier Darstellerinnen zuvor herzhaft gesungen haben: „The Lion Sleeps Tonight“.

Ja, ein tolles Frauenquartett mutiert hier zu harten, einsamen, verletzten Männern, zu Freibeutern, Soldaten, Predigern, Händlern und anderen Exoten. Stefanie Reinsperger zum Beispiel gibt eingangs einen Somalier, der an der Universität von Mogadischu Piraterie studiert hat und jetzt in Hamburg vor Gericht steht, weil er vergeblich versucht hat, den Frachter MS Taipan zu kapern. Reinsperger benutzt gar das N-Wort und macht sich später ein „Blackface“, sie verteidigt sich bei ihrem großartigen Solo in breitem Wienerisch so skurril und treffend, dass man denkt: Freispruch! Der Arme hatte doch keine Chance, als Fischer zu überleben, bei all den internationalen Flotten, die vor den Küsten Somalias die Bestände plündern.

 

Der Hindukusch als trügerischer Fluss

Nach diesem Vorspiel in Afrika beginnt das Hauptstück am Hindukusch. Dieses Gebirge wird kurzerhand zum Fluss erklärt, der in den entlegensten „Dschungel“ Afghanistans führt. Nichts ist echt, wird andauernd augenzwinkernd demonstriert: „Es ist ja nur ein Text!“ Sogar Urwaldgeräusche müssen jene, die gerade nicht am Wort sind, mit einfachen Mitteln selbst erzeugen – das ergibt ein Rascheln und Rufen und Brüllen wie im tiefsten Herzen der Wildnis, dem idealen Umfeld für militante Helden: Catrin Striebeck pickt sich bei ihrem ersten Auftritt einen Schnurrbart auf, denn sie wird jetzt zum Hauptfeldwebel Oliver Pellner, der von der Bundeswehr dazu abkommandiert wurde, Oberstleutnant Karl Deutlinger (Dorothee Hartinger) ausfindig zu machen, der beim Auslandseinsatz im Wahn zwei Kameraden ermordet hat. Er soll liquidiert werden. Assistiert wird der Bundeskiller von Unteroffizier Stefan Dorsch (Frida-Lovisa Hamann). Ein Sidekick. Pellner lässt die Muckis spielen, Dorsch ist der benachteiligte Ossi, dem nach harter Jugend die Armee eine von wenigen Optionen war. Hamann hat einen schwierigen Part – den melancholischen, während Striebeck sich als Macho verstellen darf, Hartinger als irrer Prediger oder als Soldat mit Hitler-Bärtchen an Skurrilität kaum zu überbieten ist und Reinsperger fantastisch in der Übertreibung schwelgt. Alle vier aber liefern ausgelassene Glanznummern ab. Die Regie holt das Maximum an Elan aus ihnen und auch aus dem abenteuerlichen Text heraus.

Diese „lächerliche Finsternis“ gelingt vor allem, weil Pařízek offensiv das Einverständnis der Zuseher sucht. Der Zynismus dieses Textes ist in unverschämte Naivität verpackt. Immer wieder dient ihm der Anus vieldeutig als Organ der Lust, der Ausbeutung und sogar fast ernster manichäischer Plaudereien, doch wirkt die Sprache im Kontext gar nicht anstößig. Alles nur Spaß, selbst wenn es um Sein oder Nichts geht. Im Halbdunkel erfährt man, dass es Stämme geben soll, die Vögel rupfen, braten und fressen, die gar Schweine ausweiden, das zerhackte Fleisch in deren Darm füllen (es könnten wilde Teutonen sein). Den Gipfel der Unkultur aber prangert Hartinger als italienischer Postenkommandant an: Es gebe bei ihnen tatsächlich Einheimische, die ihre Toilette benutzten, ohne sich dabei hinzusetzen. Immer wieder komme es vor, dass Urinspritzer auf dem Brett seien. Die Übeltäter werden hinausgeschickt an die Wasser des Hindukusch, um dort ihr stilles Geschäft zu verrichten. Jetzt wissen wir also, was die wahren Ursachen für den globalen Kampf der Kulturen sind.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.09.2014)

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