Sophie Rois: „Ich bin kein körpergesteuertes Tier“

Rois über das Zofige an Zofen, ihre persönlichen Mordgedanken und die liebsten Regisseure. Außerdem verrät sie, warum sie im Theater ein Traditionalist ist, der weit vor dem 19.Jahrhundert ansetzt.

(c) Lenore Synwolt

 

Die Presse: Jean Genets Einakter „Die Zofen“ war 1947 ein Skandal. Ist das heute überhaupt noch nachzuempfinden?

Sophie Rois: Man macht so etwas nicht, um Skandalöses zu produzieren. Ich finde es aber bemerkenswert, dass dieses Stück noch heute aus dem Konsens fällt. Derzeit wird gern das Allgemein-Menschelnde beschworen. Genets Figuren stehen in kreativer Opposition zum herrschenden, absolut-männlichen, weißen Heterosexuellen. „Die Zofen“ wurde für Männer geschrieben, die das weibliche Element sichtbar machen sollten. Sie haben keine feste Identität und kippen sofort um. Das hat nichts mit aufgeklärten Proletariern zu tun. Sie befinden sich in einer ausweglosen Knastsituation und sind verschlagen zum Exzess.

 

Diese Frauen sind für Sie also wandlungsfähig bis zur Charakterlosigkeit?

Rois: Alle Gesten und Worte sind geborgt. Sie reden wie aus einem Kitschroman, wechseln ständig ihren Standpunkt. Die sind löchrig und identitätslos. Das macht mir das Stück sympathisch. Man wird nicht von einem positiven Begriff vom Leben belästigt. Diese Haltung ist vielleicht das Sakrileg.

 

Was ist die Moral der Zofen?

Rois: Da gibt es keine.

 

Genet hat sein Stück eine Tragödie genannt. Ist es aber dafür nicht zu lustig?

Rois: Ich finde „Die Zofen“ sehr komisch. Der Boulevardcharakter dieses Stückes ist nicht zu übersehen. Das gefällt mir, diese dummen, ungeschickten Dienstboten.

 

Vor acht Jahren wurden „Die Zofen“ in Wien von Gert Voss und Ignaz Kirchner gespielt. Angst vor dem Vergleich?

Rois: Ich habe keine Angst vor diesen großen Kollegen. Die Versuchsanordnung ist eine ganz andere. Als Frau ist man auf der Bühne kein Vertreter der Menschheit. Wenn ein Mann auftritt, sieht man ein Menschheits-, bei einer Frau ein Nischenproblem. Alles bewegt sich in Relation zum Männlichen. Aber das führt jetzt zu weit. Genet wollte das Stück von Männern gespielt haben, weil man dabei die Lächerlichkeit der weiblichen Attitüde besser sieht.

 

Sie spielen wiederholt mit Caroline Peters? Wer hat sich das gewünscht?

Rois: Ich habe sie 2000 in einem Stück von René Pollesch gesehen, da hat sie mir so wahnsinnig gut gefallen, dann haben wir eine Zusammenarbeit organisiert. Wir haben bisher nur Pollesch zusammen gespielt. Jetzt aber kam der Vorschlag von Regisseur Luc Bondy. Ich freue mich auch über die Zusammenarbeit mit Edith Clever. Das ist schon was Besonderes. Ich habe großen Respekt vor ihr, sie besitzt absolute künstlerische Autorität, die letzte große Heroine nach Hermine Körner! Ich freue mich wahnsinnig, Frau Clever kennengelernt zu haben. Die Ehrfurcht vor Madame brauche ich gar nicht zu spielen.

 

Die Zofen wechseln im Stück zuweilen die Rollen. Zofe Solange spielt die Claire, wenn diese Madame spielt. Ist das schwer für Sie?

Rois: Ich denke, es geht dabei nicht darum, Claire nachzumachen, sondern, die Pose der Unterwerfung ins Extrem zu treiben. Ich versuche also, die zofigste Zofe zu spielen.

 

Die Regisseure, mit denen Sie oft zusammenarbeiten, gelten als wild. Castorf ist der intellektuelle Wilde, Schlingensief der liebe Wilde, Pollesch der verrückte Wilde. Wie ist jetzt die Zusammenarbeit mit dem reifen Luc Bondy?

Rois: Ich finde Pollesch gar nicht verrückt, das ist der, den ich am besten verstehe. Die Arbeit mit Bondy ist wunderbar. Er ist mir näher als all die halb jungen Regisseure, bei denen ich mir denke: Ach, hätten die doch nie einen Castorf gesehen! Für das, was sich als modernes Theater ausgibt, habe ich gar nichts übrig. Ich bin Traditionalist und setze weit vor dem 19.Jahrhundert an.

 

Ach, gäbe es doch noch Volkstheater, bei dem Backhendl serviert werden und man unbekümmert da capo rufen kann!

Rois: Ich denke immer, unterhaltet euch doch bitte! Aber im deutschen Theater herrscht eine falsche Kunstverabredung. Da wird man schief angesehen, wenn man an Stellen lacht, die nicht allgemein als komisch ausgewiesen werden. Das 19.Jahrhundert war in dieser Hinsicht fatal. Castorf sieht Texte nur als Material, zu dem ihm etwas einfällt, das er mit anderem Material verschneidet. Er skizziert die Inszenierungen grob, das war's dann, er verlässt sich auf die künstlerische Persönlichkeit des Schauspielers. Man macht bei ihm dann eigentlich, was man will. Das war für mich lebensrettend. Ich konnte mich auf der Berliner Volksbühne in einer Freiheit ausprobieren, die ich an keinem anderen Theater gefunden hätte. Castorf ist so gescheit, ein Volksfest, mit ihm zu arbeiten.

 

Und Pollesch?

Rois: Nehmen Sie „Diktatorengattinnen“. Da gab es erst nur den Titel. Dann das Bühnenbild von Bert Neumann. Und dann entstand das Stück. Wir haben gemeinsam etwas ganz Eigenes entwickelt. Was ich an Pollesch mag, ist seine Großzügigkeit und seine spezielle Art, das Leben nicht mit Psychologie und Moral, sondern mit Theorie zu bearbeiten.

 

Wie also ist Bondy?

Rois: Bondy ist ganz anders als Castorf. Er sieht den Text als Partitur. Er will ihm auf die Schliche kommen. Ich mag seinen Humor, sein weltmännisches Auftreten. Der ist kein Kleinbürger wie ich. Viele wie den kenne ich nicht. Bondy ist großzügig. Man muss nicht denken wie er. Und ich fordere ihn geradezu heraus, mir etwas vorzuspielen. Das ist großartig, er beherrscht den Stil von Louis de Funès. Ich gäbe was darum, einmal mit ihm auf der Bühne zu stehen.

 

Bei Genet wird lustvoll darüber nachgedacht, wie man jemanden um die Ecke bringt. Haben Sie selbst auch zuweilen Mordgedanken?

Rois: Oh ja, und wie! In ausweglosen Situationen möchte man schon jemandem in die Fresse hauen, wenn man sich nicht wehren kann. Dann liege ich abends im Bett und habe Slasher-Fantasien. Dann denke ich: „Mensch, jetzt musst du an eine Blumenwiese denken, damit du friedlich einschlafen kannst.“ Bei mir läuft vieles über das Verbale. Ich bin kein körpergesteuertes Tier. Mich regen Gedanken auf. Das empfinde ich als befreiend.

Festwochen: „Die Zofen“

Jean Genets Einakter „Die Zofen“ („Les bonnes“) wurde 1947 in Paris uraufgeführt. Intendant Luc Bondy führt bei den Wiener Festwochen in einer Koproduktion mit der Berliner Volksbühne selbst Regie. Premiere: 4.Juni, 19:30Uhr im „theater akzent“. Termine: 5., 6., 9., 10., 11., 13., 14., 15., 16. Juni. Karten unter: (01) 589-22-22.

Sophie Rois (*1961) stammt aus Ottensheim in Oberösterreich, studierte 1983–86 am Reinhardt-Seminar in Wien. In den Neunzigerjahren avancierte sie zum Star an der Berliner Volksbühne. 1998 spielte Rois die Buhlschaft in Salzburg. 2004 erhielt sie den Nestroy-Preis als beste Schauspielerin.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.06.2008)

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