Michael Niavarani: "Ich lache über die dümmsten Sachen"

Der Kabarettist Michael Niavarani hat aus der Shakespeare-Tragödie „Richard III.“ ein Komödie gemacht. Der „Presse“ erzählt er, wie das funktionierte. Er spricht über das Klischee des traurigen Komikers und warum ihm Fans manchmal auf die Nerven gehen.

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Michael Niavarani – Teresa Zötl/detailsinn.at

Sie spielen Richard III.?

Michael Niavarani: Nein. Ich spiele den armen Schuster William Forrest. Er hat alles verloren. Sein Haus ist abgebrannt, die Familie ist tot. Er geht nach London, um Arbeit zu suchen. Dabei gerät er von einer Schlacht in die nächste, weil gerade die Rosenkriege stattfinden. Mitten in der Schlacht trifft William seinen alten Freund aus der Kindheit, Frederick Dyton, der ist Koch bei den Lancasters. Die zwei Burschen geraten völlig unschuldig und unabsichtlich in politische Intrigen und müssen letztendlich für das Monster Richard arbeiten. Richard schickt sie in den Tower, um seinen Bruder umzubringen. Aber die zwei sind gute Menschen und wollen niemanden töten.

Was ist Ihre Beziehung zu Shakespeare?

Bis vor eineinhalb Jahren hatte ich keine Beziehung zu Shakespeare. Ich hab den immer verweigert, weil ich ihn nicht verstanden habe, dafür habe ich mich natürlich geniert. Ich verbringe viel Zeit in London, weil ich dort Familie habe. Dort fand ich eine Ausgabe „Shakespeare in modern Day English“, links steht der Originaltext, rechts die Übertragung in heutige Sprache. Plötzlich fand ich Shakespeare wahnsinnig spannend. Ich habe in der U-Bahn „Macbeth“ gelesen und konnte gar nicht aufhören.


Darauf haben Sie beschlossen, den „Richard“ etwas zu adaptieren.

Wir zeigen „Richard III.“ aus der Sicht von zwei einfachen Leuten, die in gewaltige politische Intrigen hinein geraten. Ich habe mich verliebt in diese zwei Figuren, das sind nämlich die Komiker in dem Stück. Ich habe mir dann die Gesamtausgabe von Frank Günther besorgt, dessen Shakespeare-Übersetzungen großartig sind. In den Übertragungen von Schlegel-Tieck ist sehr viel gestrichen, das Deftige, das durfte im 18./19. Jahrhundert nicht sein. Die Rüpel-Figuren reden beim Shakespeare wirklich sehr ordinär. Ich habe mich also hingesetzt und mir gesagt, ich probiere das mal, habe die Erstfassung für mein Stück geschrieben und jetzt denke ich: Bisher habe ich mich vor Shakespeare gefürchtet, aber jetzt wird sich Shakespeare vor mir fürchten.


Der „Richard III.“ ist in gewisser Weise auch eine Kolportage und er selbst ist eine Knallcharge. Alles ist so krass, die meisten Figuren, die auftreten, sind nach kurzer Zeit tot. Es ist alles ziemlich vorhersehbar.

Richard ist keine Knallcharge. Er wird als Monster, als Tyrann, als Diktator dargestellt, aber er hat auch unglaublich viele Pointen und Lacher. Er verbündet sich mit dem Publikum, das immer weiß, was er vorhat, im Gegensatz zu den Menschen auf der Bühne. Er intrigiert solange bis sein Bruder im Tower inhaftiert wird, dann trifft er seinen Bruder und sagt zu ihm: Was ist los? Wieso schicken sie dich in den Tower? Das war beim Publikum der Shakespeare-Zeit ein 100prozentiger Lacher.

Schon beim Auftritt macht Richard kein Hehl aus seinen Absichten: Bin ich gewillt ein Bösewicht zu werden, sagt er.

Er kann nicht anders, die Natur hat ihn zu dem gemacht, was er ist.


Fällt es Ihnen leicht, etwas Lustiges zu schreiben?

Das ist unterschiedlich. Es gibt Momente, wo einem keine Pointe einfallen soll, weil man gerade ein ernsthaftes Gespräch führt. Dann fällt einem aber eine ein. Oder man soll etwas Lustiges schreiben und es fällt einem nichts ein. Es ist immer die Frage, ob die Muse zur gleichen Zeit wach ist wie man selbst. Es ist auch ein Fehler im Gehirn.

Ein Fehler im Gehirn? Wann ist der erstmals aufgetreten?

Daran kann ich mich nicht erinnern. Ich weiß nur, dass mir schon immer viel Blödsinn eingefallen ist. Menschen verarbeiten ja Trauer in der rechten Gehirnhälfte, da gibt es bei mir eine Abzweigung, eine Information kommt rechts rein, aber sie wandert nach links ins Humorzentrum.


Manche Komiker wünschen sich einmal was Ernsthaftes zu machen und am Burgtheater zu spielen.

Mich würde nichts so sehr langweilen wie wenn man mich ganz ernst nimmt und ich am Burgtheater in einer Tragödie auftreten müsste.

 
Ihr Vater war Perser, ihre Mutter ist Wienerin. Was ist persisch, was ist wienerisch an Ihnen? Gibt es persische Komödien?

Der Humor hat in der persischen Mentalität einen anderen Stellenwert als bei uns, wo man eher abfällig sagt: Des ist halt a Lustiger. In Persien ist es mehr wie mit dem englischsprachigen Humor, das Komische ist nicht minderwertig, es ist fast höher stehend als das Ernste und etwas Positives. Es gibt Commedia-dell-Arte-Formen, die sich aus der persischen und der islamischen Kultur entwickelt haben. Ich habe gehört, dass es bei einem der Theaterfestivals in Teheran sogar einen Karl-Valentin-Abend gegeben hat. Für meine Arbeit sind vor allem englischsprachige Komödien und Filme wichtig. Persisch oder wienerisch? Ich kann das nicht auseinander dividieren. Ich war nur einmal mit fünf Jahren im Iran. Meine Familie ist nach der Revolution geflüchtet, in verschiedenste Länder, viele Verwandte leben in den USA. Wenn man mich also fragt, wie ist Amerika, kann ich nur sagen: Sehr viele Perser und hauptsächlich persisches Essen.


Hat Ihre Kunst eine integrative Wirkung? Bringt Lachen die Leute zusammen und dämpft die Aggressionen, die sich zunehmend in der Gesellschaft zwischen „Fremden“ und Einheimischen bemerkbar machen?

Das ist ein vielschichtiges Thema. Zunächst mal muss ich wissen, worüber mache ich mich lustig? Man kann auch über etwas Tragisches eine Komödie schreiben. Prinzipiell gibt es zwei Arten von Komödie: Man zerrt etwas oder jemanden auf die Bühne und lässt es auslachen. Oder man lacht aus Verzweiflung mit, ein typisches Beispiel dafür ist der Film „Das Leben ist schön“ von Roberto Benigni, der im Konzentrationslager spielt.

Haben Komödien ein Anliegen, sollen sie eins haben?

Man kann auch Komödien über Rassismus machen. Prinzipiell aber ist das erste Anliegen der Komödie immer, die Leute zum Lachen zu bringen und nicht die Welt zu verbessern oder die Liebe in die Welt zu bringen.


Haben sich die Spannungen in der Gesellschaft verschärft? Was ist Ihre Beobachtung?

Es gibt in der Geschichte der Menschheit diese wellenartigen Bewegungen: Eine Veränderung findet statt, die irreversibel ist. Nun gibt es natürlich immer Gesellschaftsgruppen, die diese Veränderung nicht haben wollen, aber dafür ist es zu diesem Zeitpunkt zu spät. Man kann zum Beispiel den Islam nicht aus Europa vertreiben. Es ist ein psychologischer Reflex, dass man negiert, was nicht zu negieren ist. Es gibt Ausländerfeindlichkeit und eine Integrationsdebatte. Ich finde, man sollte sich lieber fragen, was sind jetzt überhaupt konkret die Probleme und diese versuchen zu lösen. Statt dessen wird Propaganda gemacht. Was Propaganda für Auswirkungen haben kann, ist mir durch die Beschäftigung mit dem „Richard III.“-Stoff klar geworden.

Was hat der Richard damit zu tun?

Der Richard ist ein Propaganda-Stück der Tudor-Dynastie. Der wirkliche Richard war weder böse noch hat er Kinder umbringen lassen. Er war ein Usurpator. Der Mensch, der ihn besiegt hat, war Heinrich Tudor, der Begründer der Tudor-Dynastie, der auch Elisabeth I., die zu Shakespeares Zeiten Königin war, entstammte.

Sind Sie eigentlich religiös?

Ich gehöre keiner Glaubensgemeinschaft an, habe aber, wie Viktor Gernot sagt, eine mystische Krampfader. Und: Wie alle glaube ich, dass so wie ich mir das Universum vorstelle, ist es ganz gewiss.


Wie stellen Sie es sich denn vor?

Der Mathematiker, Experimentalphysiker und Aphoristiker Georg Christoph Lichtenberg hat vereinfacht folgendes gesagt, der Zustand nach dem Tod ist derselbe wie vor der Geburt. Wir haben nicht existiert, bevor wir geboren wurden, wir werden nicht existieren, wenn wir tot sind. Wir gehen zurück, in etwas, das schon mal war.


Aber der Übergang, der Tod, der ist doch für viele bedrohlich.

Für mich nicht mehr, seit ich das weiß. Mich hat dieser Gedanke von Lichtenberg sehr beruhigt. Aber was das ist, wo wir herkommen, wohin wir zurück gehen, das weiß ich natürlich nicht.


Viele große Humoristen sind in Wahrheit Misanthropen. Wie ist das bei Ihnen?

Ich halte das für ein Gerücht. Wenn man jemanden von der Bühne oder vom Fernsehen kennt, ist die Dichte der Witze so wahnsinnig groß, dass man automatisch glaubt, der Mensch ist immer so. Wenn man ihn dann beim Billa sieht, wie er eine Wurstsemmel bestellt, dann sagt man sich: Da kommt ja gar nichts Lustiges! Der muss depressiv sein, klar, der bringt sich gleich um. Die Vorstellung, dass Komiker immer lustig sind, ist ein Klischee. Sie sind einfach, wenn sie normal sind, nicht komisch.

Was bringt Sie zum Lachen?

Ich lache über die dümmsten Sachen, die im Leben passieren. Wenn ein Geschäftsmann gegen eine Glastüre rennt, muss ich leider lachen. Wenn ein Spekulant, der gerade sein gesamtes Vermögen verloren hat, auch noch auf der Bananenschale ausrutscht, ist das einfach komisch.


Lachen hat viel mit Schadenfreude zu tun.

Auf jeden Fall.

 
Sie haben ein großes Publikum. Sind Ihnen Fans manchmal lästig, wenn sie z. B. auf der Straße angesprochen werden?

Nein. Fans sind nicht lästig. Es gibt so Situationen, man geht mit vier Plastiksackerln in der Hand und will gerade mit seiner Tochter ins Taxi steigen, da kommt jemand und sagt: Entschuldigen Sie, störe ich Sie? Da sage ich dann: Natürlich stören Sie, Sie können sich nicht vorstellen, wie Sie mir auf den Arsch gehen! Dann lachen die Leute. Also gebe ich ein Autogramm und lasse mich fotografieren. Manchmal ist der Moment nicht so passend, aber prinzipiell freut man sich, wenn man erkannt wird.


Die „Richard III.“-Produktion bekommt keine Subventionen.


Nein.


Also kann Theater ohne Subventionen existieren und vielleicht wäre das sogar besser, dann gebe es weniger Verschwendung.

Im Westend in London und am Broadway in New York geht es beinhart zu, da wird nur privat finanziert. Wenn nicht genug Zuschauer kommen, wird das Stück abgesetzt. Bei uns, scheint mir, wird sehr viel vom Apparat verbraucht, weniger von den Regisseuren und Schauspielern. Ich denke, wenn man die Möglichkeit hat, Komödie und Unterhaltung frei zu finanzieren, dann soll man das machen - und toi toi toi, darüber bin ich auch froh - brauche ich kein Steuergeld dafür.


Sie verdienen Geld mit „Richard III.“?

Das ist noch nicht sicher. Ich bin ja Produzent, es ist mein Risiko. Ich glaube nicht, dass man die Kulturförderung abschaffen sollte, sondern man sollte überlegen, wie man es machen könnte, dass Theater nicht zig Millionen verschlingen und im Minus sind, obwohl sie gut besucht sind. Das finde ich sehr absurd. Ich habe in England einmal einen Produzenten kennen gelernt, dem ich versucht habe, unser Subventionssystem zu erklären. Der Mann hat Tränen gelacht und gefragt: Wer zahlt, wenn ein Stück nicht geht? Wird das dann nicht abgesetzt? Ich sagte: Nein, der Steuerzahler zahlt. Er sagte: What a brillant idea!

Was würden Sie machen?

Ich verstehe nichts von Staatstheatern. Es gibt sicher Leute, die sich damit auskennen. Das Prinzip sollte sein, mehr Privatwirtschaft in die Kunst, aber ohne diese zu zerstören.


Zieht ein guter Schmäh und Kochkünste bei den Frauen mehr als eine dicke Brieftasche?

Ich habe keine Brieftasche, ich trage das Geld im Hosensack herum. Geld wird jedenfalls überschätzt.

 
Geld macht nicht glücklich?

Nein, Geld alleine nicht. Aber Geld macht auch nicht unglücklich. Es ist einfach nicht an allem schuld. Mittlerweile macht das Geld unglücklich, weil wir so wahnsinnig viel arbeiten und uns Dinge leisten können, die wir eigentlich nicht brauchen. Wir haben auch gar keine Zeit mehr, uns zu überlegen, muss ich jetzt wirklich einen teuren Aktivurlaub machen oder kann ich mich einfach ans Meer setzen und in die Luft schauen? Es gibt keinen Zusammenhang zwischen Gewinn und Glück. Der Bankkontostand, die Anhäufung von Vermögen machen nicht glücklich. Stattdessen bekommen die Leute Burnout und brechen zusammen. Sie arbeiten viel, sie verdienen viel, glauben aber, die Welt geht unter. Dabei ist es uns im Lauf der Geschichte noch nie so gut gegangen wie jetzt in Europa und in Amerika. Wir haben noch nie so sicher gelebt, es gab noch nie so wenig Gewalt. In unseren Köpfen stimmt etwas nicht.


Die elisabethanische Zeit war viel brutaler.

Das Morden und Abschlachten in „Richard III.“ kommt uns heute schrecklich vor, damals war das nicht schrecklich, sondern das alltägliche Leben. Man ist wo vorbei gegangen und da haben sie gerade jemanden aufgehängt. Die Menschen waren ganz anders mit dem Tod konfrontiert als wir heute. Wir sind gar nicht mit dem Tod konfrontiert und sind entsetzt, wenn jemand mit 94 Jahren an Krebs stirbt.


Was macht Sie glücklich?

Die Arbeit macht mir Spaß, aber sie ist halt auch ein Beruf wie andere. Nur mit dem Unterschied, dass die Leute ins Büro gehen und keine blöden Witze machen können, sonst ist der Chef böse, ich aber schon. Mein Chef, der bin ich, und der ist sehr froh, wenn ich blöde Witze erzähle.

 
Sie wollten nie etwas anderes machen?

Ich kann mir viel vorstellen, aber im Endeffekt werde ich wahrscheinlich ein Leben lang etwas machen, was mit dem Schreiben, mit dem Theater, mit Komödien zu tun hat. Ich würde gerne Quantenphysik und Geschichte studieren. Das interessiert mich wirklich, ich lese sehr viele Bücher über Physik, Quantenphysik. Aber ich scheitere natürlich an den Formeln, ich kann nur populärwissenschaftliche Bücher lesen. Wenn ich es mir recht überlege, würde ich allerdings das Studium sowieso lieber auslassen und gleich als Universitätsdozent unterrichten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.10.2014)

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