"Die Zofen": Ein viel zu eleganter Zuchthäusler

Luc Bondy scheitert an Jean Genet. Rois und Peters triumphieren als „Die Zofen“.

(c) AP (Stephan Trierenberg)

Er war moralisch verkommen, ein Stricher und Frankreich-Hasser, der sich seine Komplexe schamlos vom Leibe schrieb. Seine Stücke: skandalös, für die bessere Gesellschaft kaum zu verkraften, die diesen komödiantischen Autor mutwillig zum Heiligen und Märtyrer stilisierte. Es zählte zum Chic im ärmlichen Paris der Nachkriegszeit, Jean Genet zu bestaunen wie ein exotisches Tier. Geliebt aber wurde er wegen seiner Poesie. Und die ist außerordentlich, auch noch 61 Jahre nach der Uraufführung von „Die Zofen“, einem Einakter über die Schwestern Claire und Solange, die Monsieur denunziert haben und dann auch noch Madame vergiften wollen, als deren Gatte schließlich aus dem Gefängnis freikommt.

„Was für eine tolle schwarze Messe!“, denkt man sich, ehe die Wiener Festwochen dieses abgefeimte Drama in Heiliger Dreifaltigkeit auf die Bühne bringen: der geniale Genet, der geniale Regisseur Luc Bondy und die außerordentlichen Schauspielerinnen Sophie Rois (Solange), Caroline Peters (Claire) und Edith Clever (Madame).


Stöhnen, hecheln, brüllen

Doch wie im richtigen Leben liegen Triumph und Niederlage nah beisammen. Das Hochamt bei der Premiere dieser Koproduktion mit der Berliner Volksbühne im Wiener „theater akzent“ war wunderbar und fad zugleich. Das aber ist zu wenig für einen Galaabend dieses bisher doch eher enttäuschenden Festivals.

Die Darstellerinnen brillieren, vom ersten intimen Tänzchen an, der Text birgt zwar nicht mehr so viel Widerstand wie einst, doch müsste er wenigstens für ein Skandälchen reichen. Also liegt die Enttäuschung wohl an der Regie. Anzuklagen ist Bondy, weil er diese schräge Verbrecherschau viel zu elegant angelegt und geradezu verschnulzt hat. Da steckt keine Elan drin, obwohl, wie Rois und Peters beweisen, durchaus Kraft vorhanden gewesen wäre. Die müssen also diese traurige Melodie quasi vom Blatt spielen. Ein Janusgesicht hat der zweistündige Abend, der gefühlsmäßig viel länger dauert: Einerseits stöhnen, hecheln, deklamieren, brüllen, kommen Solange und Claire in bester Volksbühnentradition an, andrerseits übt Bondy sein subtiles Kammerspiel. Nur würde man das an diesem Abend durchaus missen wollen.


Höchststrafe: Provinz statt Provence

Für das Noble sorgen ohnehin die äußerst konventionelle Bühne (den Salon im Stil der Siebzigerjahre stattete Bert Neumann aus) und die einschmeichelnde Musik. Das Urteil also fällt brutal aus für den Regisseur. Höchststrafe! Drei Jahre Verlängerung für Bondys Intendanten-Vertrag bei den Wiener Festwochen (in der Provinz, nicht in der Provence) scheinen angemessen.

Und nun zum erfreulichen Teil: Wie diese Zofen miteinander spielen, züngeln, sich herzen, würgen, belauern, im Bette wälzen mit durchaus masturbatorischen Absichten, ist kongenial. Keine beherrscht den Expressionismus als verbale Kunstform von Schreien und Flüstern, als lustspielhaftes Verrenken so komödiantisch wie Rois. Und Peters als etwas passiverer, aber nicht minder interessanter Gegenpart hält leichthin mit bei diesen Entblößungen. „Dreck liebt keinen Dreck“, heißt es inmitten des Aufstandes dieser tolldreisten Zofen. Doch man kann nicht anders, als sie zu lieben, diese ausgekochte Darstellung von Drecksstücken.

„In Genets Dramen muss jeder Schauspieler die Rolle einer Figur spielen, die eine Rolle spielt“, bemerkte der dramatisch noch immer alerte, phänomenologisch schon leicht verwirrte Jean-Paul Sartre in seinem Trostbüchlein „Saint Genet“. Das ist gar nicht so einfach, wie es klingt, aber Rois und Peters kommen wunderbar mit dieser vertrackten Situation zurecht und machen sie sogar noch geheimnisvoll. Dazu aber später, erst noch einmal zur in Wien gebotenen Faktizität von Sartres Genet-Interpretation: Rois, die eigentlich Solange spielt, spielt Claire, wenn Peters, die eigentlich Claire spielt, Madame spielt. Es ist fantastisch, diesen simplen Theaterjargon der Eigentlichkeit zu verfolgen. Niemals vergisst Rois, wer sie gerade sein soll. Niemals lässt sich Peters anmerken, dass sie Peters oder Claire sein könnte, wenn sie gerade Madame spielt. Die brauchen keinen Übergang, sondern springen richtig hinein ins falsche Leben.


Sie treiben dem grässlichen Ende zu

Nur Edith Clever in großen Auftritten, die sich fast noch rechtzeitig ereignen, ehe das Zofige an sich ermattet, spielt immer Edith Clever, die Ehrfurcht einflößende Madame, die Güte verspricht und Verwesung bringt. Ihren Domestiken schenkt sie so viel Aufmerksamkeit wie achtlos niedergelegten Blumensträußen. Die Begegnungen mit Madame sind jene Momente, in denen die sonst so gelenkige Peters und die exzessive Rois ganz steif werden vor Devotion, aber Genet sei Dank hält diese mysteriöse Erstarrung, die kaum auszuhalten ist, weil man Tränen des Mitleids über diese verkorksten Zofen vergießen will, nicht an. Im nächsten Augenblick sind die Zofen wieder ganz bei sich und treiben dem grässlichen Ende zu. Da jedenfalls ist Bondy ein giftig schönes Bild gelungen, ein wirklicher Totentanz.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.06.2008)

Kommentar zu Artikel:

"Die Zofen": Ein viel zu eleganter Zuchthäusler

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen