Lehár-Festival: So leicht ist es, Erfolg zu haben

Keine Operettenkrise in Ischl: Dolores Schmidinger inszenierte Strauß' „Zigeunerbaron“ prächtig.

(c) Lehár-Festival

Man braucht keine modischen Zurechtbiegungen, ja nicht einmal Dancing Stars, um Operette zu beleben. Ein Theatervollblut wie Dolores Schmidinger als Regisseuse genügt vollauf: „Der Zigeunerbaron“, in Wien über Jahrzehnte hin, genau genommen, seit der Staatsopernkatastrophe im Strauß-Jahr 1975 vom Inszenierungspech verfolgt, funktioniert in Bad Ischl wie einst im Mai. Nebst einem neuen „Zarewitsch“ aus der Feder von Namenspatron Franz Lehár zeigt das Ischler Festival heuer Straußens viel gescholtene Meisteroperette, die eigentlich eine „komische Oper“ sein sollte – und in Wahrheit auch eine ist, wie man angehörs dieser Produktion studieren kann. Die Partitur ist ein Meisterwerk aus zum Teil kunstvoll geschichteten Ensembles, die dank der liebevoll ausgewählten Sängerbesetzung und der kundigen Führung durch Marius Burkert Poesie und Kraft entfalten.

Es gibt an diesem Abend Momente, deren unmittelbarer Wirkung sich wohl auch der Operettenskeptiker nicht entziehen kann. Der erste Auftritt der Zigeuner zum Beispiel ist von umwerfender Simplizität: Da steht der Chor und singt – als wär's ein kraftvolles kakanisches Gegenstück zum „Wach auf“-Chor aus den „Meistersingern“. Das wirkt. Da braucht man nicht viel mehr zu tun, als die Sängergemeinschaft so gut wie möglich zu konzertieren (was Thomas Huber gelang).

Im Übrigen erzählt Schmidinger die Geschichte beinahe, wie sie im Büchel steht. Ein paar Aktualisierungen, ein paar zotige, etliche wirklich gute Pointen, vor allem aber: Liebesgeschichten, Geschichten von Dünkel und Chauvinismus, von Übervorteilung und sonstigen menschlichen Schwächen und Bosheiten, die Geschichte vom Militarismus und von der Angst vor demselben.

 

Schluss mit dem Gepasche!

So entsteht ein kurzweiliger, sehr unterhaltender, zuweilen aber doch nachdenklich stimmender Abend, der einem Höhepunkt zustrebt, wenn bei den ersten Takten des Militärmarsches das gewohnheitsmäßige, rhythmische Neujahrskonzert-Gepasche aufbrandet, wenig später jedoch angesichts der auf Krücken hereinhumpelnden Kriegsheimkehrer wieder erstirbt. Der „Zigeunerbaron“, von Fachleuten gern als liebedienerische Kriegstreiberei denunziert, ist, richtig gelesen, das Gegenteil, eine Hymne auf den Subjektivismus – samt erstaunlichem Plädoyer für die freie, jedenfalls von aller Konventionen bare Liebe.

Der Erfolg in Ischl ist deshalb so durchschlagend, weil die Darsteller nicht nur dieses bis ins Detail fein gearbeitete theatralische Geflecht sauber realisieren, sondern auch stimmlich den zum Teil enormen Anforderungen entsprechen. Manchen gelingt das mit Anstand, manchen mit vokalem Imponiergehabe – so dem Stentor-Barinkay von Mehrad Montazeri mit seinen imposanten Höhen –, manchen mit tatsächlich opernhaften, höchst differenzierten Leistungen: allen voran der hochdramatisch auftrumpfenden Saffi von Miriam Portman und der vokal erstaunlich wendigen Christa Ratzenböck, die den im Repertoiregebrauch oft arg nivellierten Raffinessen, die Strauß der Czipra abverlangt, souverän nachspürt.

Rupert Bergmann als köstlicher Zsupan krönt seine publikumswirksamen Auftritte mit selbst verfassten Couplets. Und rundum sind alle der Meinung, Operette sei die natürlichste, die wirkungsvollste Sache von der Welt. In Ischl stimmt's.

www.leharfestival.at, Tel.: 06132/238-39

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.07.2008)

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