Dem Tod entrinnt man, der Camorra nicht

„Gomorrha“ ist ein starkes Gangster-Epos – und ein intensives visuelles Erlebnis. Ab Freitag im Kino.

Ein nervöses Surren: Die Lampen im Sonnenstudio, wo Camorra-Capos, für die es draußen zu gefährlich ist, ihre sprichwörtliche Bräune pflegen. Aber kaum tauschen sie in den stahlblauen Korridoren Machosprüche, werden sie von einem Killer niedergemäht – ein Ahnungsloser hat nicht einmal Zeit, seine Bräunungsmaske abzunehmen.

Der angemessen absurde Beginn von Matteo Garrones außerordentlichem Mafiafilm Gomorrha etabliert einen nüchternen, dabei stets leicht surrealen Tonfall und kündigt jenen sinnlosen Zyklus der Gewalt an, der im Weiteren unbarmherzig eskaliert: Verräter sind überall, Vergeltungsmaßnahmen werden in Serie vollzogen, jeder Augenblick könnte der letzte des Lebens sein.

Aus Roberto Savianos Enthüllungsbestseller vom organisierten Verbrechen in Neapel und Umgebung haben Garrone und seine Kodrehbuchautoren (darunter Saviano) fünf ineinanderverschränkte Episoden entwickelt, die einen kühlen Querschnitt zu Macht und Methoden der Camorra liefern.

Gemeinsam ist den Geschichten eines: Man mag dem Tod entkommen, dem System Camorra entrinnt man nicht. Ob der für Geldzahlungen an Angehörige toter und inhaftierter Mafiosi zuständige Buchhalter, ob der Schneider, der seine Entwürfe an die Konkurrenz aus China verkauft (bewegend: Salvatore Cantalupo): Ihre vermeintlichen Fluchtwege führen unausweichlich in groteske Massaker-Szenerien. Die Jugend wird dieweil indoktriniert: Ein kleiner Bub unterzieht sich den Ritualen; zwei sorglose Buben wollen leben wie Al Pacinos Kino-Gangster in Scarface; ein erfolgreicher Studienabgänger wird ins Camorra-kontrollierte Giftmüllgeschäft geholt: „Misch ihn mit Kompost und verkauf es als Dünger“, rät sein Boss. Es sei „Zeug, das die Erde aufnimmt“.

Wie vergiftete, ja verbrannte Erde wirkt die neapolitanische Welt in Garrones Film. Mehr noch denn als starkes Gangster-Epos beeindruckt Gomorrha als visuelles Erlebnis, das quasidokumentarischen Bildern intensive, fast außerirdische Qualität abringt.

Es dominiert das Motiv (vergeblichen) Versteckens: Von Wohnblöcken mit Stufen- Dachterrassen überblicken Wächter Betonlandschaften – Zikkurate der Angst. Köpfe werden aus Löchern gesteckt, im vorsorglich umgebauten Kofferraum eines Verräterautos, an einer Tankstelle im Nirgendwo.

Tod und Geld sind die einzigen Fixgrößen. Ein sterbender Don flucht am Bett, unterm Kreuz: „Euro...Euro.“ Aber egal, auf welchen Namen die Währung hört – sie wird von derselben Macht kontrolliert. hub

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.09.2008)

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