Aufregung über islamkritischen Kabarettisten Dieter Nuhr

Der deutsche Kabarettist Dieter Nuhr spottete in seinen Programmen über den Islam – nun wurde er wegen „Beschimpfung von Religionsgemeinschaften“ angezeigt.

Der Kabarettist Dieter Nuhr bei einem Auftrittl in Osnabrueck am Samstagabend 25 10 14 Nur hat si
Der Kabarettist Dieter Nuhr bei einem Auftrittl in Osnabrueck am Samstagabend 25 10 14 Nur hat si
Dieter Nuhr – (c) imago/epd (imago stock&people)

Der deutsche Kabarettist Dieter Nuhr hat (unfreiwillig) eine Empörungswelle ins Rollen gebracht: Erhat Tokla, ein Muslim aus Osnabrück, hat gegen ihn Anzeige erstattet. Tokla, der in Osnabrück eine Kampfsportschule betreibt, hat den Kabarettisten als Hassprediger bezeichnet, der unter dem Deckmantel der Satire eine „blöde, dumme Hetze“ betreibe, berichtete die „Neue Osnabrücker Zeitung“.

Konkret bezog sich Tokla auf ein YouTube-Video, einen Zusammenschnitt von Comedy-Auftritten und Interviews von Dieter Nuhr zum Thema Islam, Koran und Terror. In knapp 19 Minuten gibt Nuhr in dem Video allerlei Ausführungen zum Besten, er vergleicht etwa das heutige Pakistan mit dem Deutschen Reich, zitiert aus dem Koran und scherzt über die islamische Zeitrechnung – im Mittelalter habe es bei uns auch noch Hexenverbrennungen gegeben, so der Kabarettist. In einem Audio-Mitschnitt kritisiert er das Frauenverständnis im Islam: „Im Islam ist die Frau zwar frei, aber in erster Linie frei davon, alles selbst entscheiden zu müssen.“ Außerdem: „Wenn man nicht wüsste, dass der Koran Gottes Wort ist, könnte man meinen, ein Mann hätte ihn geschrieben.“ In einem Interview sagt er: „Der Islam ist ausschließlich dann tolerant, wenn er keine Macht hat. Und da müssen wir unbedingt dafür sorgen, dass das so bleibt.“

 

„Keine Speerspitze des Antiislamismus“

Erhat Tokla bezeichnete Nuhrs Ausführungen als Lügen und zeigte ihn an – wegen „Beschimpfung von Religionsgemeinschaften“ nach Paragraf 166 des deutschen Strafgesetzbuchs, Strafrahmen: bis zu drei Jahre. Außerdem forderte er andere Muslime auf, vor Nuhrs Auftritt in Osnabrück, der am Samstag stattfand, zu demonstrieren.

Das dürfte passiert sein – wenn auch in kleinem Rahmen. Von 25 Demonstranten berichtete Nuhr selbst im Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Da verteidigte er auch sein Programm: „Ich treibe keine Hetze gegen den Islam, ich mache mich lustig über Radikale und Attentäter.“ Das Video, auf das sich die Anzeige bezieht, sei darüber hinaus uralt und stehe illegal im Netz. Hochgeladen wurde es jedenfalls im Oktober 2013, über den Zeitpunkt der Aufnahme gibt es keine Angaben. Es zählt bislang über 460.000 Views, die meisten davon wurden in den letzten Tagen verzeichnet.

Nuhrs Aussagen geben wieder Anlass zur Debatte, wie weit Kabarett gehen darf, wenn dabei religiöse Werte verletzt werden. Die „Neue Osnabrücker Zeitung“ zitiert den Islamwissenschaftler Bülent Ucar von der Universität Osnabrück: Nuhr arbeite mit Verallgemeinerungen und bediene sich an Vorurteilen, seine Koraninterpretationen seien tendenziös. Das falle zwar unter die Meinungsfreiheit, sei aber geschmacklos.

Was geschmacklos ist, ist bekanntlich Geschmackssache. Auch Verallgemeinerungen sind im Kabarett durchaus üblich. Nuhr, der erst vor gut einer Woche mit dem Jacob-Grimm-Preis für Deutsche Sprache ausgezeichnet wurde, beteuert jedenfalls, kein Interesse daran zu haben, Muslime zu beschimpfen. Er wolle nicht als „große Speerspitze des Antiislamismus gelten“, sagte er der „Welt“. An seinen Aussagen hält er indes fest: „Darüber kann man doch gar nicht diskutieren, das ist Realität.“

Mit seinen Kabarettkollegen, die zwar den Papst lächerlich machen, sich aber vor Islamthemen drücken würden, geht er hart ins Gericht: „Frauenfreundlichkeit, Ausländerfreundlichkeit, Religionsfreiheit: Das geht nicht alles konfliktfrei zusammen. Und dann entscheidet man sich halt für den billigsten Weg und akzeptiert, dass man in Sachen Islam den Mund hält.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.10.2014)

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