Sarkozy sieht mit dem Nobelpreis die Frankophonie geehrt

Le Clézio ist der erste französische Literaturnobelpreisträger seit 1985. Sigrid Löffler spricht von einer „einigermaßen bizarren Wahl“.

Der Literaturnobelpreis 2008 geht an den „Verfasser des Aufbruchs, des poetischen Abenteuers und der sinnlichen Ekstase, dem Erforscher einer Menschlichkeit außerhalb und unterhalb der herrschenden Zivilisation“: So begründete die Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften ihre Wahl, die heuer auf Jean-Marie Gustave Le Clézio fiel. Horace Engdahl, Sprecher der Nobelpreisjury, präzisierte in einem Interview: „Le Clézio ist ein Kosmopolit, ein Nomade. Er gehört mehreren Kulturen an und hat große Teile seines Lebens ganz woanders gelebt als in Europa.“ Ein typisch europäischer Autor sei er also nicht.

Allerdings: „Le Clézios Art zu reisen, ist typisch für Europäer, wenn sie sich mit fremden Kulturen identifizieren und diese intensiv beschreiben. Der universelle Mensch zu werden, das will der Europäer ja.“ Engdahl erwarte keine Kontroversen wegen dieses Preises: „In Frankreich ist Le Clézio allgemein als der größte lebende Autor des Landes anerkannt. Und gestritten wird über einen Nobelpreisträger immer am meisten in dessen eigenem Land. Das haben wir auch 1999 bei Günter Grass erlebt.“


Winkler: „Sprache, Stil, Form große Rolle“

Le Clézio ist der erste französische Literaturnobelpreisträger seit Claude Simon anno 1985. 2007 hatte die britische Schriftstellerin Doris Lessing die Auszeichnung erhalten. 2004 war sie an die österreichische Autorin Elfriede Jelinek gegangen.

Josef Winkler, der heute den Österreichischen Staatspreis für Literatur erhielt, erfuhr nach seiner Ehrung vom französischen Nobelpreisträger. Seine Reaktion: Dass „einer, für den die Sprache, der Stil, die Form eine große Rolle spielt, den Nobelpreis erhält, freut mich natürlich sehr.“ In seiner Dankesrede hatte er die Unterhaltungsliteratur kritisiert. Le Clézio stehe im Gegensatz dazu: „Das ist Literatur: Wenn jemand die Sprache zum Thema hat, wenn der Klang das Allerwichtigste ist.“

Der französische Präsident Nicolas Sarkozy beglückwünschte Le Clézio offiziell aus dem Élysée: „Le Clézio ist ein Weltbürger, Sohn aller Kontinente und Kulturen. Als Weltreisender verkörpert er in einer globalisierten Welt die Ausstrahlung Frankreichs, seiner Kultur und seiner Werte und macht der Frankophonie alle Ehre.“ Sarkozy sieht mit dem Nobelpreis „Frankreich, die französische Sprache und die Frankophonie“ geehrt.

Negativ äußerte sich die deutsche Literaturkritikerin Sigrid Löffler: Im Mitteldeutschen Rundfunk sprach sie von einer „einigermaßen bizarren Wahl“. Le Clézios Romanen bescheinigte Löffler „Monotonie und Langweiligkeit“. Das habe viele Leser und auch sie selbst immer abgeschreckt. Löffler verwies darauf, dass Frankreich seit 1985 nicht zum Zug gekommen sei, und vermutete: Die Entscheidung müsse „etwas mit der französischen Literatur zu tun haben“.

Die Auszeichnung ist wie im Vorjahr mit zehn Millionen Kronen (1,03 Mio. Euro) dotiert und wird am 10.Dezember vom schwedischen König Carl Gustaf in Stockholm überreicht. Le Clézio wird die Auszeichnung persönlich entgegennehmen – drei der vier zuletzt Geehrten konnten nicht nach Schweden kommen. Den Anruf aus Stockholm habe übrigens seine Frau entgegengenommen, sagte er in einer Stellungnahme, während er gerade beschäftigt gewesen sei – mit Schreiben. apa/trick

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.10.2008)

Kommentar zu Artikel:

Sarkozy sieht mit dem Nobelpreis die Frankophonie geehrt

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen