René Pollesch: „Gott sei Dank gibt es Bildungsbürger!“

Der deutsche Theater-Extremist erklärt, warum er nie gegen Shakespeare gewinnen kann. Er spricht über die Finanzkrise & sein neues Stück „Fantasma“.

(c) AP (Thomas Kienzle)

René Pollesch – nicht nur in seinen Stücken liebt er die Suada, auch er selbst ist ein Meister des intensiven Vortrags. „Die Presse“ traf den Deutschen, der an diesem Samstag (6.) mit „Fantasma“ im Akademietheater seine vierte Uraufführung in Wien zeigt, im Café Museum – und durfte Stichworte liefern.

Wien? Pollesch: „Gott sei Dank sind die Leute in Wien nicht so nach dem heutigen fitten Geschmacksmodell zugerichtet wie in Berlin. Es gibt sehr viele alte Leute hier. In Prenzlauer Berg, wo ich in Berlin wohne, gibt es kaum mehr Alte. Die wurden verdrängt durch die hohen Mieten. Da leben jetzt gut verdienende Mittzwanziger, Mittdreißiger. Vielleicht kommt das noch auf Wien zu, dass man auch hier nur mehr diese gesunden Menschen sieht. Ich war geschockt, dass die Konditorei Lehmann zugesperrt hat. Dort habe ich vor zwei Jahren Schinkenrolle gegessen. Die fand ich geil und auch, dort zu sitzen.“

Rauchen? Pollesch: „Ich bin auch deshalb sehr gerne in Wien, weil ich hier im Café und im Restaurant rauchen kann. In Berlin müsste ich draußen unterm Heizpilz sitzen. Aber die werden auch abgeschafft, weil sie umweltschädlich sind. Die Gesellschaft kümmert sich vor allem um ihre Gesundheit. Alle feiern ein Fest des Lebens, alle wollen 120 Jahre alt werden. Es scheint aber nur mehr um das biologische Leben zu gehen und nicht um das kulturelle und soziale. In Berlin hast du das Gefühl, alle sind nur gut drauf. Alle wollen sich am Leben beteiligen. In Österreich ist das nicht so. Hier gibt es auch eine Affinität zum Tod. Das meine ich nicht morbide, das wäre ein Klischee. Es ist nur so, wenn jemand sagt: ,Das Leben ist schrecklich. Ich möchte nicht leben‘, dann sagen wir: ,Das wird schon, du hast einen schlechten Tag.‘ Wir unterschlagen, dass das Leben ein Problem sein kann.“

Finanzkrise? Pollesch: „Interessant: Es wird wieder Marx gelesen. Da gab es ein Treffen der G7 in Paris, dessen Teilnehmer wie in einer WG der Siebzigerjahre ,Das Kapital‘ studiert haben. Das ist aber keine souveräne Entscheidung. Das kann auch keine sein im Sinne der materialistischen Dialektik. Die Orientierung an marxistischer Theorie des Kapitalismus passiert aus Angst.“

 

„Ich bin kein Kapitalismuskritiker“

Wünscht sich Pollesch allen Ernstes den Kommunismus zurück? Pollesch: „Ich bin kein Kapitalismusgegner oder -kritiker. Das wird immer mit mir verbunden. Ich würde sagen, da hat man überlesen oder überhört, worüber wir sprechen. Viele unserer Stücke sind absolut prokapitalistisch. Wir räumen nur auf mit kapitalistischen Mythen. Alle verdammen jetzt das Geld und sagen, da gibt es ein paar profitgierige Finanzhaie, die daran schuld sind. Das System als solches wird aber nicht in Frage gestellt. Die Kritik, die im Moment stattfindet, meint nur: Wir sind moralisch nicht integer, wir sind moralisch nicht gut genug, damit das System funktioniert. Ich würde sagen: Wir sind gut genug. Wohlwollen, Toleranz, Moral sind die schlechtesten Instrumente, um Konflikte in einer Gesellschaft zu bearbeiten.“

Wovon handelt „Fantasma“? Pollesch: „Wir haben den Begriff einem Buch von Giorgio Agamben entlehnt. Wie jeder zeitgenössische Philosoph geht er davon aus, dass unsere Subjektivität einem historischen Wandel unterliegt. Das Theater dagegen glaubt, es gibt einen menschlichen Kern, der seit der Antike gleich ist. Das ist der Glaube, der einen immer wieder zu den Klassikern führt. Agamben sagt z.B., dass der Bereich, der jetzt von der Vernunft besetzt wird, d.h. unser Versuch, Erkenntnisse und Erfahrungen unmittelbar aus der Wirklichkeit abzuleiten, dieser Bereich war mal unsere Vorstellungskraft. In der Antike haben Leute ihre Träume jeden Tag deuten lassen, weil das, was sie geträumt haben, ein wichtiger Informationsträger war. Für uns sind Träume ein Abfallprodukt. Sie sind im Grunde wertlos, außer für die Psychoanalyse. Es gibt z.B. heute noch Schamanenstämme, die ihre Rituale an die Kinder weitergeben wie wir auch. Aber diese Rituale werden erst verifiziert und gültig, wenn sie von denen, an die sie weitergegeben wurden, geträumt wurden. Wir heute diffamieren Jugendliche, die den ganzen Tag vor dem Computer herumhängen und Erfahrungen lieber in der Vorstellung machen als in der Wirklichkeit. Dabei ist die Frage: Lassen sich in der Wirklichkeit überhaupt Erfahrungen machen?“ Schamanismus, glaubt einer wie Pollesch daran? Pollesch: „Überhaupt nicht! Mich interessiert nur diese Konstruktion.“

Was hat „Fantasma“ mit Liebe zu tun? Pollesch: „Wenn ich Ihnen erzähle, dass ich total verliebt bin und der oder die sieht so und so aus. Dann fragen Sie: Wann haben Sie sie denn zuletzt gesehen? Und ich sage: Sie existiert nur in meiner Vorstellung. Dann würden Sie sich verarscht vorkommen. Der mittelalterliche Minnegesang z.B. ging von einem Liebesbegriff aus, der nicht auf körperliche Realisierung zielt. Als Aufgeklärte denken wir, Liebe zeichnet sich durch den abschließenden Genuss des Körpers aus. Wenn das nicht so ist, bedeutet das eine Minderung. Das zeigt: Wir sind eben getrennt vom Fantasma.“ Klassiker kontra neue Stücke? Pollesch: „Die Klassiker sind die absoluten Zugpferde. Jedes Jahr ist das meistgespielte Stück ,Der Sommernachtstraum‘. Und die Intendanten lassen sich jedes Jahr einen neuen Grund einfallen, warum er gerade dieses Jahr relevant ist. Aber der einzige Grund ist der, weil alle reingehen. So lange es noch Bildungsbürger gibt – und die gibt es Gott sei Dank –, die glauben, den Kanon besuchen zu müssen und die Theater als Museen, so lange wird es die Klassiker geben. Bei den Museen ist es genauso und auch bei der Musik: Da müssen sie Alban Berg zwischen Beethoven und Mozart als Sandwich servieren.“ Zieht Pollesch wie Shakespeare? Pollesch: „Glücklicherweise. Aber sicher nicht so stabil wie Klassiker. Dass nächstes Jahr Shakespeare out sein wird, darauf nehme ich keine Wette an.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.12.2008)

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